Zahl der Pflegekinder steigt

Ersatzfamilien dringend gesucht

In Niedersachsen ist die Zahl der Pflegekinder in den vergangenen Jahren ständig gestiegen – von 6775 im Jahre 2011 auf 7499 Ende 2013. Zahlen für 2014 liegen nach Angaben des Sozialministeriums noch nicht vor, aber die Tendenz ist steigend. Das trifft auch auf Bremen zu.
19.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Ersatzfamilien dringend gesucht
Von Hans Ettemeyer
Ersatzfamilien dringend gesucht

Immer häufiger suchen Jugendämter für gefährdete Kinder eine Bleibe in Pflegefamilien.

Silvia Marks, dpa-tmn

In Niedersachsen ist die Zahl der Pflegekinder in den vergangenen Jahren ständig gestiegen – von 6775 im Jahre 2011 auf 7499 Ende 2013. Zahlen für 2014 liegen nach Angaben des Sozialministeriums noch nicht vor, aber die Tendenz ist steigend. Das trifft auch auf Bremen zu.

In einigen Kommunen werden die Pflegefamilien knapp. Besonders in größeren Städten suchen die Jugendämter nach geeigneten Familien. Auch in Bremen leben aktuell knapp 600 Kinder in der Obhut von Pflegefamilien.

Die Stadt Oldenburg hat gerade erst wieder einen Aufruf veröffentlicht: „Notfamilien und Pflegeeltern gesucht.“ 130 Oldenburger Kinder wachsen zurzeit in Pflegefamilien auf, „und die Unterbringungszahlen steigen“, sagt die zuständige Bereichsleiterin Meike Bruns. Das liege unter anderem an der größeren Sensibilität der Gesellschaft für die Notlagen von Kindern. Weil es in Oldenburg selbst nicht genügend Pflegefamilien gebe, sei die Stadt bei der Unterbringung der Kinder auch auf Familien im Umland angewiesen.

Oldenburg sucht Familien für drei unterschiedliche Formen der Betreuung: Bereitschaftsfamilien, die Kindern bis zu zehn Jahren aus Notsituationen ein Zuhause für bis zu sechs Monaten geben; Pflegefamilien, die Kinder unterschiedlichen Alters für längere Zeit oder auf Dauer aufnehmen; Sonderpädagogische Pflegefamilien, die Beruf und Familie verbinden, und in denen ein Elternteil eine pädagogische Berufsqualifikation hat. „So ist gewährleistet, dass jedes Kind eine Familie erhält, die es seinen Bedürfnissen entsprechend unterstützt“, sagt Bruns. „Die Kinder sind sehr unterschiedlich. Da ist es nicht einfach, für jedes Kind die richtige Familie zu finden.“

Neben der erzieherischen Qualifikation müssen die Familien eine Reihe formaler Voraussetzungen erfüllen. So müssen ein Gesundheits- und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und ein gesichertes Einkommen nachweisen. „Das darf nicht von der Aufnahme eines Pflegekindes abhängig sein“, sagt Meike Bruns.

Die gemeinnützige Gesellschaft „Pflegekinder in Bremen“ (PiB) lädt einmal im Monat zu Informationsabenden ein. „Wir suchen immer nach Einzelpersonen oder Familien, die Kinder oder Jugendliche vorübergehend aufnehmen“, sagt Eva Rhode von PiB. In Bremen lebten im vergangenen Jahr 592 Kinder und Jugendliche bei 448 Pflegefamilien. 72 Pflegeverhältnisse wurden 2014 neu begründet. Eine besondere Herausforderung sei es, Geschwisterkinder zu vermitteln, sagt Rhode. In solchen Fällen gelte es, stets die beste Lösung für das Kind zu finden. Wie in Oldenburg arbeitet auch Bremen in Einzelfällen mit Pflegefamilien im Umland zusammen.

Konstanten Bedarf an Pflegefamilien hat auch der Landkreis Diepholz, wo sich in den vergangenen beiden Jahren jeweils um die 250 Jungen und Mädchen in Obhut des Jugendamtes befanden. „Es sind nicht immer dieselben Kinder, manchmal bleiben sie nur ein paar Wochen, häufig aber auch für Monate oder Jahre in einer Familie“, sagt Katharina Vetter vom Fachdienst Jugend des Landkreis.

Momentan suche sie vor allem Familien, die sich auf ungeklärte Situationen einlassen und spontan Kinder aufnehmen können, ohne dass klar ist, wie lange diese Kinder in der Familie betreut werden müssen. Ähnlich ist die Situation im Landkreis Verden. Dort ist die Zahl der Pflegekinder in den beiden vergangenen Jahren von 137 auf 145 angestiegen. „Es herrscht momentan zwar keine Notlage“, sagt Fachbereichsleiter Peter Genée, aber eigentlich sind wir immer auf der Suche nach qualifizierten Familien.

Dass es manchmal schwierig ist, geeignete Pflegefamilien zu finden, hat nach Ansicht von Irm Wills, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Niedersachsen für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien (KIAP Niedersachsen), unterschiedliche Gründe. Das beginne bei der Auswahl der Eltern: Fatale Fehlentscheidungen, wie in Hamburg geschehen, verunglimpften Pflegefamilien pauschal, sagt Wills.

Dabei kümmerten sich die meisten Pflegeeltern aufopfernd um ihre Schützlinge und brauchten dafür gute behördliche Begleitung und Wertschätzung. In der Vergangenheit habe es häufigere Besuche und Unterstützung von erfahrenen Sozialarbeitern oder Sozialarbeiterinnen gegeben. Diese hätten Kinder und Pflegeeltern oft über Jahre betreut. Heute gebe es häufige Wechsel der behördlichen Bezugspersonen.

„Pflegemutter- oder Vater unterbrechen oftmals ihre Berufstätigkeit, obwohl sie nicht wissen, wie lange das Kind in ihrer Familie bleiben wird. Wer will sich schon auf solch unklare Verhältnisse einlassen“, sagt Wills. Die KIAP Niedersachsen fordere deshalb bundeseinheitliche Mindeststandards in der Pflegekinderhilfe mit klaren Perspektiven für die Kinder. „Wie will man zum Beispiel einem traumatisierten oder vorgeburtlich alkoholgeschädigtem Kind Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, wenn sein Aufenthalt in der Pflegefamilie am seidenen Faden hängt? Hier ist Kontinuität besonders gefordert“, sagt Wills.

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