Staatsanwaltschaft: 113 erkrankte Hobbypiloten flugtauglich geschrieben

Fliegerarzt vor Gericht

Westerstede. Ein Mediziner aus Bad Zwischenahn soll mehr als 100 Hobbypiloten Gesundheitszeugnisse ausgestellt haben, obwohl sie wegen ihrer Erkrankungen gar nicht am Steuer eines Flugzeuges hätten sitzen dürfen. Der 74-Jährige muss sich deshalb zurzeit vor dem Amtsgericht in Westerstede verantworten.
18.04.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Fliegerarzt vor Gericht
Von Hans Ettemeyer

Ein Mediziner aus Bad Zwischenahn soll mehr als 100 Hobbypiloten Gesundheitszeugnisse ausgestellt haben, obwohl sie wegen ihrer Erkrankungen gar nicht am Steuer eines Flugzeuges hätten sitzen dürfen. Der 74-Jährige muss sich deshalb zurzeit vor dem Amtsgericht in Westerstede verantworten.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg geht von 117 Fällen aus, insgesamt sind 113 Piloten betroffen. Laut Anklage sollen die Flugzeugführer unter anderem an Diabetes und Herzerkrankungen gelitten haben. „Nach unserer Auffassung und nach Ansicht eines von uns beauftragten Sachverständigen hätte den Piloten in all diesen Fällen keine Tauglichkeit bestätigt werden dürfen“, sagte auf Nachfrage Frauke Wilkens, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Die Zeugnisse soll der Flugmediziner allesamt in den Jahren 2008 bis 2012 ausgestellt haben. Nach einem ersten Termin Mitte März hat das Amtsgericht Westerstede die Verhandlung für zwei Monate ausgesetzt. Die Verteidigung soll so Gelegenheit bekommen, nach erweiterter Akteneinsicht erneut Stellung nehmen zu können. Bei einer Verurteilung drohen dem Flugmediziner bis zu zwei Jahren Haft.

Nach Medienberichten hat das Luftfahrtbundesamt in Braunschweig dem Arzt inzwischen die Anerkennung als Fliegerarzt entzogen. Auf seiner Internetseite schreibt er: „Meine Fliegerärztliche Untersuchungsstelle ruht derzeit wegen einer Untersuchung durch das Luftfahrtbundesamt.“ Für die Redaktion war er am Freitag nicht zu erreichen.

Der Mediziner war im Dezember 2012 ins Visier der Behörden geraten. Damals waren im hessischen Wölfersheim zwei Kleinflugzeuge zusammengestoßen. Bei dem Unglück starben acht Menschen, darunter vier Kinder. Im Cockpit einer der Maschinen entdeckten die Ermittler der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen in Braunschweig einen „Vorrat an Traubenzuckerblättchen, Spritzen sowie ein Gerät zur kontinuierlichen Glukosemessung“, wie es in einem Zwischenbericht der Behörde heißt. In den persönlichen Unterlagen des Piloten entdeckten sie Hinweise auf die Verwendung von Diabetes-Medikamenten. Zur Unfallursache wollte sich die Behörde am Freitag nicht äußern, der Abschlussbericht stehe noch aus.

Die Staatsanwaltschaft Gießen hatte seinerzeit ein Ermittlungsverfahren gegen den Fliegerarzt eingeleitet. Es bestehe der Verdacht auf Ausstellung unrichtiger Gesundheitszeugnisse. Bei einer Durchsuchung der Praxisräume beschlagnahmten die Ermittler diverse Patientenakten. Inzwischen haben sie das Verfahren eingestellt. Es gebe keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung des Piloten und dem Unfall.

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