29 Pferde sind einfach verschwunden

Frau verkauft Beistellpferde womöglich unrechtens weiter

Sie sollten als Beistellpferde ihre alten Tage genießen, nun sind 29 Pferde nicht mehr aufzufinden. Gegen die neue Besitzerin hagelt es Strafanzeigen wegen Betruges, drei Staatsanwaltschaften ermitteln.
30.12.2017, 20:02
Lesedauer: 4 Min
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Frau verkauft Beistellpferde womöglich unrechtens weiter
Von Justus Randt
Frau verkauft Beistellpferde womöglich unrechtens weiter

Der Fuchswallach Wim Bob Walton wird vermisst, wie 28 weitere Pferde, deren frühere Besitzer sich auf Annoncen gemeldet hatten.

Beate L.

Vernachlässigt, verraten und verkauft, verschwunden, oder sogar verwurstet. Niedersachsens Wappentier geht es nicht immer gut im Pferdeland. Veterinärbehörden müssen zu häufig Tiere befreien, die nicht ordentlich gehalten werden. Besitzer trennen sich schweren Herzens von ihren Tieren, wenn ihnen die Kosten über den Kopf wachsen oder die Pferde nicht mehr zum Reiten taugen.

Verlockend, wenn dann jemand ein sogenanntes Beistellpferd als Gesellschaft für sein eigenes einsames Pferd sucht. Beate L. aus der Region Hannover war jedenfalls froh, als sie auf die entsprechende Annonce einer Beverstedterin stieß und ihr Fuchswallach bei der Frau ein neues Zuhause fand. Doch jetzt ist Wim Bob Walton nicht mehr aufzufinden – wie weitere 28 Pferde.

Der gute Eindruck, den seine Besitzerin bei zwei Vorabbesuchen bekommen hatte, ist umgeschlagen in Ärger. Nachdem Beate L. ihr 16 Jahre altes Pferd im Januar 2016 der Beverstedterin in Grasberg übergeben hatte, schien Wim Bobs Ruhestand gesichert. Als Gefährte einer ehemaligen Zuchtstute sollte er später in Stubben bei Beverstedt einen Platz auf Lebenszeit bekommen.

Seinem Schicksal überlassen

Beate L. wies, wie sie sagt, darauf hin, dass Wim Bob „aufgrund eines Befundes nur noch bedingt reitbar“ sei. Der Vertrag habe ihr als Vorbesitzerin Rückkaufsvorrecht eingeräumt. Beate L. überließ den Hannoveraner seinem Schicksal. „Auf Treu und Glauben wähnte ich mein Pferd in den besten Händen.

Darum verzichtete ich auch auf den symbolischen Euro“, der als Kaufpreis ausgehandelt worden war. „Der Pferdepass wurde übergeben, und wir verständigten uns darauf, dass ich die Eigentumsurkunde behalten werde.“ Zudem, sagt Beate L., habe sie das Versprechen erhalten, Wim Bob besuchen zu dürfen. Kurz gesagt: Daraus wurde nichts.

„Nach intensiver Recherche gehe ich davon aus, dass er unrechtens weiterverkauft wurde“, sagt Beate L. Ihre Nachforschungen hätten ergeben, dass der Beverstedterin auf Suchanzeigen hin in den Jahren 2014 bis 2016 diverse Pferde überantwortet worden seien – und die seien allesamt nicht mehr auffindbar. Immerhin 29 Tiere nach aktuellem Stand.

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„Mit 26 Betroffenen stehe ich in Kontakt“, sagt Beate L. „Null Reaktion, keine Stellungnahme“ hat sie bis heute von der Frau, der sie ihr Pferd anvertraut hat. Anfragen des WESER-KURIER beantwortet deren Lebensgefährte mit dem Hinweis auf einen Bremerhavener Anwalt.

Das ist Thomas Domanski. Er bestätigt, es seien diverse Pferdekaufverträge zustande gekommen, in denen „klar und deutlich“ festgehalten worden sei, dass das Eigentum an den Tieren „komplett“ auf die Käuferin übergehe – ob die Pferde reitbar seien oder nicht. „Angebliche Nebenabreden hätten schriftlich fixiert werden müssen, sind sie aber nicht.“ Insofern sei „alles vertragsgemäß“ vonstattengegangen, sagt Anwalt Domanski.

Felix Adamczuk aus Hannover hat sich – unter anderem – des Falls von Wim Bob Walton angenommen. Der Fachanwalt für Agrarrecht vertritt Beate L. „Die Leute fühlen sich betrogen. Inwieweit das justiziabel ist, werden wir sehen“, sagt er, jedenfalls habe das alles „ein deutliches Geschmäckle“. Zivilrechtlich gehe es nun um die rückwirkende Anfechtung der Kaufverträge für die Pferde, als Straftatbestand könne arglistige Täuschung in Frage kommen.

"Ich will denen das Handwerk legen"

Am 2. Januar läuft die Frist ab, die der Anwalt der Beverstedterin gestellt hat, dann wird geklagt – auf die Rückgabe Wim Bobs. Wo immer er auch sein mag. „Die gesuchten Pferde sind vermutlich gewinnbringend als Reitpferde oder aber als Schlachtpferde veräußert worden“, vermutet Beate L.

Snowflake, Picasso, Carl Gustav, Hot Chili Rita, Diplomat, Rubinrot 4 oder Fellini, sie alle werden vermisst, egal, ob sie in Beverstedt oder Grasberg übergeben wurden. Der Vorsitzende eines Grasberger Reitvereins räumt ein, Einstellboxen vermietet zu haben. Offenbar an den Partner der Beverstedterin. „Dass er da Pferde hat, ist alles richtig, aber das sind keine Beistellpferde“, sagt der Vorsitzende, der nicht namentlich genannt werden will.

„Ich will denen das Handwerk legen, das ist mein Ziel“, sagt Beate L. Sollte Wim Bob „durch eine glückliche Fügung über Umwege doch ein schönes neues Zuhause gefunden haben, so möchte ich ihn niemandem wegnehmen. Ich möchte einfach nur wissen, ob es ihm gut geht“.

Strafrechtliche oder zivilrechtliche Relevanz noch nicht geklärt

Mittlerweile zieht auch die Arbeit der Behörden weite Kreise: Die Staatsanwaltschaften in Verden, Hannover und Stade ermitteln. Staatsanwalt Lutz Gaebel aus Verden bestätigt Ermittlungen in drei Fällen: „Wir stehen noch ganz am Anfang.“ Seine Kollegin aus Hannover, Kathrin Söffker, weiß von einer Anzeige. „Die Akte ist auf dem Weg von der Polizei zu uns“, sagt sie.

Deshalb sei noch nicht klar, „ob das strafrechtliche oder eher zivilrechtliche Relevanz hat“. Der Stader Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas bestätigt zwei bei seiner Behörde anhängige Betrugsverfahren gegen die Beverstedterin, in denen mehrere Fälle aus den Jahren 2014 bis 2017 zusammengeführt seien.

In einem der Fälle waren die Ermittlungen mangels ausreichender Hinweise auf einen Betrug von der Stader Staatsanwaltschaft eingestellt, auf die Beschwerde einer Anwältin hin jedoch im Dezember wieder aufgenommen worden. Es geht auch seriös. Menschen, die sich von ihren Pferden trennen, oder Behörden, die Pferde retten müssen, können sich an Deutschlands erste und vielleicht auch einzige Pferdeklappe wenden.

Am Ende geht es auch immer um Geld

Dort, in Norderbrarup in Schleswig-Holstein, sind dieses Jahr rund 20 Pferde aus Niedersachsen aufgenommen worden, insgesamt seien es knapp 320, die aus allen Gegenden Deutschlands und den Nachbarländern gebracht würden, sagt Betreiberin Petra Teegen. Manchmal auch anonym. Dass die Tiere weitervermittelt werden, ist dort Programm. Gegen Kostenerstattung für Futter und tierärztliche Behandlung kommen die Pferde in andere Hände. Und sie verschwinden nicht einfach.

Auch wenn das Pferdewohl obenan steht, geht es am Ende immer auch um Geld. So hat der Landkreis Rotenburg Anfang 2017 erstmals eine Versteigerung angesetzt, um rund 20 sichergestellte Tiere unterzubringen, ohne selbst die Kosten tragen zu müssen. Und auch das Beispiel von Hans und Franz, zwei Shetlandponys aus dem Landkreis Verden, zeigt, dass manchmal sogar alles gut werden kann. Von den Veterinärbehörden aus schwierigen Verhältnissen befreit, konnten die beiden an neue Besitzer vermittelt werden.

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