Zentrum für nachhaltiges Bauen eröffnet in Verden ein europaweit einmaliges Gebäude

Hochhaus aus Stroh

Verden. In diesen Tagen wird jede Hand gebraucht, da fasst selbst Architekt Thomas Isselhard mit an: Ein kräftiger Ruck, und er hat das Schrankelement an seinen Platz bugsiert. Gemeinsam mit einem Dutzend Handwerkern baut Isselhard derzeit unter Hochdruck eine Ausstellung auf.
22.04.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Hochhaus aus Stroh
Von Hans Ettemeyer
Hochhaus aus Stroh

Außenhaut aus Kalkputz und Glas, die Wände aus Stroh, Holz und Lehm: Geschäftsführerin Dorothee Mix vor dem fünfstöckigen Strohballenhaus in Verden.

Focke Strangmann

In diesen Tagen wird jede Hand gebraucht, da fasst selbst Architekt Thomas Isselhard mit an: Ein kräftiger Ruck, und er hat das Schrankelement an seinen Platz bugsiert. Gemeinsam mit einem Dutzend Handwerkern baut Isselhard derzeit unter Hochdruck eine Ausstellung auf. „Das schaffen wir schon“, beruhigt Dorothee Mix mit ansteckendem Optimismus, „am 25. April ist alles fertig.“ Am Sonnabend wollen Mix und Isselhard in Verden ein in Europa einmaliges Gebäude eröffnen: Fünf Stockwerke hoch, gebaut fast ausschließlich aus Strohballen, Holz, Lehm und Kalk – das „Norddeutsche Zentrum für nachhaltiges Bauen (NZNB) “.

Dass die Ausstellung, die auf 500 Quadratmetern Fläche über das nachhaltige Bauen informiert, bis dahin tatsächlich steht und auch sonst alles hergerichtet ist für den großen Tag, daran lässt NZNB-Geschäftsführerin Mix keinen Zweifel. Da sind die Öko-Bauherrn in den vergangenen zwei Jahren mit ganz anderen Herausforderungen fertig geworden.

„Das Gebäude ist quasi ein Prototyp“, sagt die 46-jährige Geschäftsführerin. Das Häuserbauen mit Lehm, Holz und Kalk ist zwar ein alte Baukunst, auf die Häuslebauer in jüngster Zeit zunehmend wieder zurückgreifen. Doch vorzugsweise setzen sie die traditionelle Technik beim Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern oder beim Sanieren alter Gebäude ein, nicht aber bei einem fünfstöckigen Gewerbebau wie ihn jetzt die Architekten Frido Elbers, Thomas Isselhard und Dirk Scharmer neben das Öko-Zentrum an der Artilleriestraße in Verden gestellt haben. „Das sind einfach andere Dimensionen“, sagt Mix.

Der dreiteilige Gebäudekomplex ist aus rund 200 Strohballenbauteilen errichtet worden, jedes knapp drei mal drei Meter groß und 60 Zentimeter mächtig, das Fachwerk ausgefüllt mit gepresstem Stroh aus Morsum. Die „Strohkisten“ (Mix) wurden von den Bauleuten in einer Halle unweit des Bauplatzes vorgefertigt und dann wie beim Plattenbau zu einem Haus zusammengefügt. 100 Tonnen Lehm, 120 Tonnen Kalkputz und 200 Tonnen Nadelholz halten das Ganze zusammen, sorgen für die nötige Stabilität. Das Gebäude ist jetzt das größte mit Stroh gedämmte und direkt verputzte Holzgebäude Europas, heißt es in einer Information des NZNB.

Die Auflagen der Baubehörden waren entsprechend. Zum Beispiel für den Brandschutz. Bei einem üblichen Strohballen-Einfamilienhaus müssen die Wände mindestens eine halbe Stunde lang den Flammen stand halten. Das soll ausreichen, um alle Bewohner zu evakuieren. Aber was ist, wenn bei einem fünfstöckigem Bürogebäude gleich mehrere Dutzend Menschen in Gefahr sind?„Wissenschaftler der TU Braunschweig haben uns geholfen, das Problem zu lösen“, sagt Mix. Ergebnis: Wände und Holzkonstruktion sind jetzt so präpariert, dass sie im Erstfall mehr als eine Stunde lang Temperaturen von 1000 Grad Celsius widerstehen. Forscher der Hochschule Kassel untersuchten die Stabilität der Holz-Stroh-Elemente. Sie reicht aus, versichern sie. Und anfängliche Probleme beim Einbau des stählernen Fahrstuhls konnten ebenfalls gelöst werden: Die Zimmerer bauten in das knapp 20 Meter hohe Gebäude einen Fahrstuhlschacht aus massivem Holz ein – ausreichend stark, um den Aufzug darin einzubauen.

Die nach Süden ausgerichtete Glasfassade ist ebenfalls etwas Besonderes. Beim Einbau der bodentiefen Fenster setzten die Handwerker statt der üblichen Halterungen aus Aluminium eine neuartige Holz-Glas-Klebetechnik ein. Das erhöhe nicht nur die Energieeffizienz, sondern verbessere auch die Öko-Bilanz, sagt Dorothee Mix. „Es geht uns ja um die Nachhaltigkeit beim Bauen, und das fängt bei der Auswahl der Materialien an.“ Aluminium schied deshalb als Werkstoff aus – wegen des enormen Energieeinsatzes bei der Produktion.

Apropos Energie: Die Energie für Heizung und Warmwasser produziert das nach Passivhaus-Standard gedämmte Gebäude selbst. Herzstück ist eine sogenannte Eisspeicherheizung, die in einem unterirdischen Eisbehälter Wärme aus Solar-Kollektoren sowie Abwärme aus der Photovoltaik- und der Klimaanlage aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben kann. Hinzu kommt ein kaum kleiderschrankgroßes Blockheizkraftwerk im Keller.

Der Öko-Ansatz kommt nicht von ungefähr, die Nähe zum Öko-Zentrum ist nicht zufällig: Der Trägerverein des Öko-Zentrums, das vor beinahe 20 Jahren auf einem ehemaligen Kasernengelände als Gründerzentrum für ökologisch und sozial ausgerichtete Unternehmen gegründet wurde, ist alleiniger Gesellschafter des NZNB. Bereits 2008 gründete sich unter dem Dach des Öko-Zentrums das Netzwerk nachhaltiges Bauen, ein Zusammenschluss von Fachverbänden, örtlichen Handwerksfirmen, Planern und Netzwerkpartnern wie die Stadt Verden. Das NZNB-Projekt ist Leuchtturmprojekt im regionalen Entwicklungskonzept des Landkreises Verden und wird vom Land Niedersachsen mit 4,3 Millionen Euro aus EU-Mitteln gefördert.

Die Gesamtkosten für das NZNB betragen nach Angaben von Dorothee Mix 7,5 Millionen Euro. Das meiste Geld ging in den Bau des Strohballenhauses, das über eine Nutzfläche für Büros, Ausstellungen und Tagungsräume von mehr als 1800 Quadratmetern verfügt. Der Rest floss in den Umbau und die Sanierung einer alten, knapp 200 Meter entfernten Panzerhalle. Wo britische Soldaten einst ihr Kriegsgerät pflegten, bildet das NZNB jetzt Handwerker im Lehm- und Strohballenbau aus. „Hier haben wir sozusagen ganz praktisch Schwerter zu Pflugscharen gemacht“, sagt die studierte Theologin und gelernte Tischlerin Mix. Bei der Umwandlung ehemaliger Militäranlagen für zivile Nutzung gilt die frühere Garnisonsstadt Verden weithin als Musterbeispiel.

Das NZNB und die Ausstellung „nachhaltig.bauen.erleben“ sind am Sonnabend von 13 bis 19 Uhr geöffnet.

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