Tourismus im Harz

Klimakrise als Besuchermagnet

Touristiker im Harz denken um: Statt die Schäden kleinzureden, sollen sie jetzt offensiv kommuniziert werden.
23.11.2019, 20:29
Lesedauer: 3 Min
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Von Reimar Paul
Klimakrise als Besuchermagnet

Blick auf den Nationalpark Harz bei Braunlage: Die von abgestorbenen Fichten geprägte Landschaft soll Touristen ein besonderes Erlebnis bieten.

Swen Pförtner

Wer vom Brocken, vom Wurmberg oder einer anderen Erhebung im Harz seinen Blick über die Fichtenwälder des Mittelgebirges schweifen lässt, kann das Ausmaß der Klimakrise erahnen. Statt grün dominiert braun, viele Bäume tragen gar keine Nadeln mehr, die Kronen sind abgestorben. Große Freiflächen und Löcher im Gelände markieren die Gebiete, in denen Stürme, Trockenheit und in der Folge mehrere Generationen von Borkenkäfern die Stämme ganz umgeworfen haben.

Klimakrise lange ignoriert

Noch zu Beginn der 2000er-Jahre bedeckte im Harz über Monate eine dicke Schneedecke Berge und auch Täler. Die Skisaison dauerte von November bis April. In den Hochlagen stiegen die Temperaturen im Winter selten über minus fünf Grad. Doch zuletzt fielen die Winter immer häufiger aus: Kein richtiger Frost, kaum Schnee, allenfalls der Brocken-Gipfel war längere Zeit in Weiß gehüllt – auf dem höchsten Berg im Harz ist Skilaufen allerdings untersagt. Nur wenige Liftbetreiber setzen aus Kunstschnee, an vielen ehemaligen Ski-Hotspots im Harz werden schon länger keine Pisten mehr präpariert, Seilbahnen wurden geschlossen. Wie viele Politiker, haben auch Touristiker im Harz die Klimakrise lange Zeit ignoriert oder ihr Ausmaß kleinzureden versucht. Diese Strategie ist gescheitert, das wurde auch beim Harzer Tourismustag 2019 in Goslar deutlich. Für eine ausschließliche Prävention sei es bereits zu spät, hieß es. In den vergangenen beiden Jahren habe man die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass den Auswirkungen des Klimawandels nur bedingt etwas entgegengesetzt werden könne.

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Nachdem das Problem nun aber erkannt ist, soll es künftig auch offensiv benannt werden, betont die Geschäftsführerin des Harzer Tourismusverbandes, Carola Schmidt. Sie stellte den rund 100 Teilnehmern der Veranstaltung die neue Kommunikations-Kampagne des Verbandes und mehrerer Partner mit dem Titel „Der Wald ruft!“ vor. Statt den Urlaubern den Zustand der Wälder zu verschweigen, sollen Harz-Reisende im Internet, mit Flyern und in Broschüren darauf vorbereitet werden, welcher Anblick sie womöglich erwartet. Gerade an den touristisch beliebtesten Flecken im Nationalparkgebiet, entlang der das Gebirge von Norden nach Süden durchschneidenden Bundesstraße 4 oder an der Strecke der Brockenbahn, seien die Schäden schließlich besonders sichtbar. Außer über diese Schäden soll auch über die unterschiedlichen Handlungsstrategien im Wirtschaftswald und im Nationalpark informiert und um Verständnis für unterschiedliche Prioritätensetzungen geworben werden.

Abgestorbene Bäume werden nicht beseitigt

Ein Beispiel: Im Nationalpark, der mit rund 250 Quadratkilometern etwa zehn Prozent der Gesamtfläche des Harzes umfasst, werden umgestürzte und abgestorbene Bäume oft nicht mehr entfernt. Was für manche Besucher ein ungewohnter Anblick sein mag, macht aus ökologischer Sicht Sinn, sagt Nationalpark-Sprecher Friedhart Knolle.

Das Totholz bleibe soweit wie möglich im Wald und biete zahlreichen tierischen Bewohnern Nahrung und Unterschlupf. Je nach Holzart und Stand des Verfallsprozesses seien etwa 600 Pilzarten und 1350 Käferarten an der vollständigen Mineralisierung eines Stammes beteiligt. Ihnen fehle die Lebensgrundlage, wenn das Holz entfernt werde. Wer genau hinschaue, könne selbst im scheinbar toten Wald überall Leben entdecken. „Nutzen Sie die seltene Gelegenheit, einer neuen Wildnis beim Wachsen zuzuschauen“, appelliert die Nationalparkverwaltung an die Gäste.

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Nicht immer, betont Touristikerin Schmidt, könnten die Interessen der Wanderer nach geräumten und gut hergerichteten Waldwegen Priorität genießen: „Das sollten Gäste wissen, Verständnis zeigen und bestenfalls durch Aktivitäten unterstützen.“ Dabei gelte es, den Drang zum aktiven Handeln insbesondere bei jüngeren Zielgruppen in sinnvolle Projekte und Initiativen zu lenken.

Das Echo auf die ersten Aufrufe zur Mitarbeit stimmt die Verantwortlichen zuversichtlich. Für ein öffentliches Bäume-Pflanzen haben sich nach Angaben des Nationalparks so viele Interessierte gemeldet, dass die Aktion wiederholt wurde. In den tieferen ­Lagen des Schutzgebietes werden allein in diesem Jahr 400.000 Laubbäume in die Erde gebracht. Diese Bereiche des Nationalparks waren früher fast ausschließlich mit stand­ortfremden Fichten bepflanzt worden. Sie gelten als besonders anfällig gegen den Klimawandel.

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