Hochsaison für Bispinger Skihalle

Snow Dome: Der Winter kommt aus der Steckdose

Für die einen sind ein Segen, für die anderen Energieverschwendung: Skihallen in Deutschland. Der Snow Dome in Bispingen hat das ganze Jahr über geöffnet. Das kommt bei den Besuchern offenbar an.
02.12.2017, 20:11
Lesedauer: 3 Min
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Snow Dome: Der Winter kommt aus der Steckdose
Von Marlo Mintel
Snow Dome: Der Winter kommt aus der Steckdose

Blick in den Snow Dome: Die Halle hat eine Schneefläche von 23 000 Quadratmetern und ist somit größer als drei Fußballfelder zusammen. Die Durchschnittstemperatur im Inneren beträgt minus drei Grad Celsius.

Daniel Chatard

Mit dem Sessellift geht’s hinauf. Vorbei am Bergpanorama Söldens. Der Blick schweift über die schneebedeckte Piste. Statt auf einer Höhe von über 1000 Metern hält der Lift bereits nach 33 Metern. Skihalle statt Alpen, Schnee aus der Kanone statt vom Himmel, Reklame mit Alpenpanorama statt echter Berge. Eingefleischten Wintersportlern ist das egal. Hier im Snow Dome können sie das ganze Jahr über Ski fahren, snowboarden oder rodeln. Auch dann, wenn draußen das Thermometer die 30-Grad-Marke knackt.

Der Snow Dome steht in Bispingen in der Lüneburger Heide und ist knapp eineinhalb Stunden mit dem Auto von Bremen entfernt. Das Konstrukt aus Stahl ist eine von insgesamt sechs Skihallen in Deutschland. Die nächstgelegene Anlage finden Wintersportler in Wittenburg, knapp 30 Autominuten östlich von Hamburg gelegen. Eines haben alle Skihallen gemein: Die großen Skigebiete in den Alpen mit garantiertem Schnee sind weit weg.

Zwischen 30 und 40 Zentimeter Schnee liegen im Snow Dome.

Zwischen 30 und 40 Zentimeter Schnee liegen im Snow Dome.

Foto: Daniel Chatard

Im Verleihbereich wartet Vincent Wartenberg an diesem Freitagnachmittag auf weitere Besucher. Der 21-jährige Student arbeitet vornehmlich an den Wochenenden im Snow Dome. Speziell ab den Weihnachtsfeiertagen und in den Winterferien werde er hier deutlich mehr zu tun haben, sagt er. „Da stehen die Leute teilweise draußen vor dem Eingang an.“ An solchen Tagen schätzt er die Besucherzahl auf bis zu 1500. Unter der Woche im November seien es hingegen etwa 50 Kunden.

Und wie sieht es im Sommer aus, wenn das Wetter viele Menschen an den Badesee zieht? „Todeslangweilig“ sei ihm dann im Verleih. Den ganzen Tag über kommen dann laut Wartenberg etwa zwischen 20 und 30 Kunden in den Snow Dome. Nachvollziehen kann er die geringen Besucherzahlen nicht: „Gerade im Sommer hat man doch immer Bock auf Schnee und vor allem auf Abwechslung.“

Ein Bild der Gegensätze: Während draußen kein Schnee liegt, fahren in der Halle zwei Snowboarder auf der weißen Pracht.

Ein Bild der Gegensätze: Während draußen kein Schnee liegt, fahren in der Halle zwei Snowboarder auf der weißen Pracht.

Foto: Daniel Chatard

Lohnt sich das Jahresgeschäft für die Skihallenbetreiber dann überhaupt? „Es geht“, sagt Michel Seidel. Der gelernte Metallbauer ist für Instandhaltung des Snow Domes mitverantwortlich. „Es könnte besser sein.“ Bei der Indoorskianlage in Neuss sei das anders. „Das ist die einzige Halle, die richtig rentabel ist.“ Durch das Ruhrgebiet habe Neuss ein viel größeres Einzugsgebiet als Bispingen. Den Snow Dome im Sommer deshalb zu schließen, sei keine Option. „Kühlen müssen wir trotzdem“, sagt er. Es ist vor allem eine Kostenfrage: „Abzuschalten wäre deutlich teurer.“

Bei Umweltschützern sind Skihallen nicht unumstritten. Sie kritisieren den hohen Energieverbrauch der Anlagen. Die Rede ist von etwa mehreren Hunderttausend Euro im Jahr. Zu den Kosten schweigt Seidel. Er verweist auf das Jahr 2011. Seitdem wird der Snow Dome klimaneutral betrieben – Wind- und Wasserkraft statt Strom aus Kohlekraftwerken. Den jährlichen Energieverbrauch beziffert Seidel auf etwa 200.000 Kilowattstunden und mehr. Zum Vergleich: Laut Stromspiegel 2017 verbraucht ein Haushalt mit vier Personen durchschnittlich 4000 Kilowattstunden pro Jahr. „Seit der Sanierung sparen wir 30 Prozent an Strom ein.“

Rückblick: Sanierungsbedarf und hohe Energiekosten hatten die damaligen Eigentümer der Halle, die Bergbahnen Sölden GmbH, Ende März 2013 zur Schließung veranlasst. Sieben Monate später startete der Snow Dome wieder den Betrieb, mitsamt eines neuen Kühlungssystems. Mit der Sanierung wurden 120 Kilometer Kühlschläuche unter der Skihalle verlegt. „Die ganze Halle ist ein riesengroßer Kühlschrank“, sagt Seidel. „Wir ziehen jetzt die komplette Kälte nur noch aus dem Schnee. Zuvor haben wir die gesamte Atmosphäre gekühlt – mit drei Umluftkühlern fast durchgehend.“

Anschnallen für die Abfahrt: Jährlich stürzen sich rund 500 000 Besucher den 33 Meter hohen Berg hinunter.

Anschnallen für die Abfahrt: Jährlich stürzen sich rund 500 000 Besucher den 33 Meter hohen Berg hinunter.

Foto: Daniel Chatard

Die Sorgen der Umweltschützer kann Zenon Galikowski überhaupt nicht verstehen. Der 59-Jährige ist mit seiner Frau Anna und Sohn Peter aus Heiligenhafen in Schleswig-Holstein angereist. Zwei Stunden Autofahrt hat die Familie hinter sich. „Ich bin voll dafür, dass es Skihallen gibt“, sagt er. „Es bringt Spaß.“ Frau Anna nickt und ergänzt: „Hier in der Gegend gibt es doch keinen Winter und somit auch keinen Schnee.“ Zwar liege die Skihalle in Wittenburg etwas näher als der Snow Dome. Aber: „Die hier ist besser“, sagt der Familienvater. Die Strecke sei angenehmer zu fahren, die Halle schöner, die Gastronomie ansprechender. Der Besuch im Snow Dome ist laut dem 59-Jährigen als Einstimmung auf den Skiurlaub in Südtirol im Januar gedacht. „Dafür müssen wir ein bisschen trainieren.“

Während es für die Galikowskis gleich auf die Piste geht, rast Sebastian Augustyniak mit seinen Skiern schon die etwa 300 Meter Abfahrt herunter. Er ist mit seiner Freundin Elena hier. Beide sind zum zweiten Mal in einer Skihalle. „Man kann auch außerhalb der Saison fahren“, lobt der 44-Jährige die Indoorskianlagen in Deutschland. Auch er kann die Bedenken der Umweltschützer nicht nachvollziehen: „Wenn es nur um Umweltschutz gehen würde, dann dürften wir doch gar nichts mehr machen. Weder Urlaub, noch solche Freizeitaktivitäten.“

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