Zu viel Bürokratie Weil will Niedersachsens Schulen entrümpeln

Konferenzen, Kommissionen, Gremien: Der Philologenverband beklagt eine Überlastung der Lehrkräfte durch unnötige Bürokratie. Doch der Ministerpräsident hat nun Abhilfe versprochen.
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Weil will Niedersachsens Schulen entrümpeln
Von Peter Mlodoch

Konferenzen, Kommissionen, Gremien: Der Philologenverband beklagt eine Überlastung der Lehrkräfte durch unnötige Bürokratie. Doch der Ministerpräsident hat nun Abhilfe versprochen.

Am Anfang noch steht gegenseitiges Misstrauen, am Ende folgt das gegenseitige Versprechen, Probleme künftig gemeinsam anzugehen. „Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit“, ruft Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Ende seiner Rede den 350 Delegieren des Philologentags in Goslar zu. „Wir werden das fortsetzen“, erwidert der Vorsitzende des Verbandes der Gymnasiallehrer, Horst Audritz. Nach heftigen Streitereien insbesondere wegen der – im Juni vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg dann kassierten – Verlängerung der Unterrichtsverpflichtung um eine auf 24,5 Wochenstunden nähern sich Rot-Grün und die Philologen wieder an.

Konkrete Zusagen etwa zur besseren Vergütung von Mehrarbeit oder vollständigen Erstattung der Kosten von Klassenfahrten analog zu den Dienstreisen normaler Beamter hat der Regierungschef allerdings nicht im Gepäck. Aber immerhin bringt er ein Friedensangebot mit in die Kaiserpfalz: Weil verspricht den Pädagogen eine „Entrmüpelungsaktion“, mit der der Lehrerberuf von Verwaltungsaufgaben entlastet werden solle. „Das Wesentliche ist für mich die Arbeit mit den Schülern – möglichst individuell, möglichste alle Talente fördernd“, sagt der Ministerpräsident. Daher sei es sehr gut, dass Kultusministerin Frauke Heiligenstadt mit einem groß angelegten Projekt ausloten wolle, wie sich die Schulen auf den Kern ihrer Arbeit konzentrieren könnten.

Befragung aller Lehrer geplant

Audritz hatte sich zuvor über überflüssige Steuerungsgruppen und die Überprüfung von Lehrplänen in immer kürzeren Zeitabständen beklagt. Dies sei mit ein Grund dafür, dass die Arbeitszeit der Gymnasiallehrer „weit über den auch für sie geltenden 40 Wochenstunden der niedersächsischen Landesbeamten“ liege – selbst unter Berücksichtigung der Schulferien. Mit 97,8 Prozent wird der Vorsitzende in seinem Amt bestätigt.

Fast zeitgleich zu Weil lässt Heiligenstadt im 80 Kilometer entfernten Hannover Einzelheiten ihres Vorhabens verkünden: In einer Online-Befragung im nächsten Jahr sollen alle 86.000 Lehrkräfte ihre persönliche Arbeitsbelastung schildern. „Wir wollen erfahren, wo genau der Schuh drückt“, sagt die Ministerin. Sie will damit herausfinden, wie man Bürokratie an den Schulen abbauen könne, ob und welche Tätigkeiten außerhalb des Unterrichts verzichtbar seien oder von anderen Stellen, etwa der Landesschulbehörde oder auch Nichtlehrkräften, übernommen werden könnten. Heiligenstadt, die noch vor einem Jahr Pfiffe bei ihrer Rede auf dem Philologentag einstecken musste und diesmal gar nicht erst zu einem Grußwort eingeladen worden ist, lädt auch gleich die Verbände und Gewerkschaften zu ihrem Dialogverfahren ein.

Schüler-Lehrer-Relation hat sich verbessert

„Gehen Sie davon aus, dass ich dieses Projekt und seine Ergebnisse mit großem Interesse verfolgen werde“, kündigt Weil in Goslar an. Mancher der Delegierten versteht dies als Versprechen, den Schulpolitikern der rot-grünen Koalition künftig nicht mehr alles durchgehen zu lassen. Die Sorge, dass die Gymnasien von seiner Regierung zugunsten der Gesamtschulen benachteiligt würden, weist Weil mit allerhand Zahlen zurück. So gebe es 257 Gymnasien, trotz sinkender Schülerzahlen neun mehr als vor zehn Jahren.

Die Lehrer-Schüler-Relation habe sich von 17,7 auf 13,6 verbessert. Die Unterrichtsversorgung betrage 99,5 Prozent, zwei Punkte mehr als 2005. Dass sie beim Regierungswechsel vor knapp drei Jahren noch bei 102 Prozent lag, erwähnt der Regierungschef nicht. Viel Applaus heimst Weil für seine Bitte ein, dass die Schulen wieder mehr Wert auf Kopfrechnen und das Auswendiglernen von Gedichten legen sollten.

„Die Gymnasien brauchen mehr als nette Worte“, kritisiert FDP-Schulexperte Björn Försterling mit Blick auf die ungeklärten Probleme bei Mehrarbeit und Klassenreisen. „Rot-Grün ist nicht in der Lage, die Zukunft der Gymnasien verantwortungsvoll zu gestalten“, sagt auch CDU-Kollege Kai Seefried. Das Dialogverfahren zur Arbeitsbelastung sei nur ein „verzweifelter Versuch, in der Schulpolitik wieder auf Ballhöhe zu kommen“.

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