Ausstellung zu wenig bekannten NS-Opfern Wenn Ärzte zu Mördern werden

„Erfasst, verfolgt, vernichtet“: So heißt die neue Ausstellung in der Unteren Rathaushalle. Sie erzählt die Geschichten von kranken und behinderten Menschen im Nationalsozialismus anhand von einzelnen Biografien.
04.08.2016, 00:00
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Von Klaas Mucke Kathrin Aldenhoff

„Erfasst, verfolgt, vernichtet“: So heißt die neue Ausstellung in der Unteren Rathaushalle. Sie erzählt die Geschichten von kranken und behinderten Menschen im Nationalsozialismus anhand von einzelnen Biografien.

Jochen Schütt war der Einzige in der Familie, der nachfragte. Der ins Bremer Krankenhaus-Museum ging und sich die Akten anschaute, der den Namen seiner Großmutter suchte und ihn im Totenbuch fand. Frieda Kreikemeyer, geborene Sondermann. Geboren am 27. September 1871 in Mährum, gestorben am 5. Januar 1944 in Meseritz-Obrawalde. Umgebracht, weiß Jochen Schütt heute. Denn die einstige Heilanstalt war 1944 schon längst zur Tötungsanstalt geworden.

Der Name Frieda Kreikemeyer ist einer von 822 Namen, die auf zwei großen Tafeln in der Ausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet“ stehen. Seit diesem Donnerstag und bis zum 6. September ist die Ausstellung in der Unteren Rathaushalle zu sehen. Sie erzählt die Geschichten von kranken und behinderten Menschen im Nationalsozialismus anhand von einzelnen Biografien. Sie erzählt die Geschichte der Aktion „T 4“, von Ärzten und Pflegern, die zu Mördern wurden, und von Menschen, die zu Verfolgten wurden, weil sie nicht so gesund waren, wie es der Nazi-Ideologie entsprach.

Jochen Schütt ist heute 72 Jahre alt, er hat seine Großmutter Frieda Kreikemeyer nie kennengelernt. Sie starb sechs Monate bevor er auf die Welt kam. Obwohl er sie nicht kannte, berührt ihn das Schicksal der Frau, die zuerst in die Bremer Nervenklinik gebracht und dann nach Meseritz-Obrawalde transportiert wurde. Sie war altersdement, ihre Tochter überfordert damit, sich während des Krieges auch noch um die verwirrte Mutter zu kümmern.

Medizinmorde in Bremen

Also ließ sie die alte Frau in die Klinik einweisen. „Es war eine schwierige Zeit. So wurde mir das vermittelt“, sagt Jochen Schütt. Er las die Krankenakte seiner Großmutter. Sie soll an Durchfällen gestorben sein. Heute weiß er, dass sie eines von mindestens 822 Bremer Opfern der Medizinmorde ist.

Die Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht hat ihre Namen gesammelt und schildert ihre Biografien im „Erinnerungsbuch für die Opfer der NS-Medizinverbrechen in Bremen“. Die Veröffentlichung des Buchs und die Ausstellung im Bremer Rathaus sind zeitlich aufeinander abgestimmt, das Thema soll die Öffentlichkeit erreichen, die Forscher wollen zeigen, welche Bedeutung die Medizinverbrechen haben.

Die Aufarbeitung der Medizinmorde im Nationalsozialismus hat spät begonnen. Und auch Helga und Ludwig-Wilhelm Müller begannen erst 2010, die Geschichte von Onkel Hans, wie er in der Familie genannt wird, zu erforschen. Könnte es sein, dass ihr Verwandter Johannes Müller ein Opfer der T 4-Aktion geworden war? Könnte ein Verbrechen der Grund gewesen sein, warum die Gespräche über Onkel Hans immer abrupt endeten, wenn es um seinen Tod ging?

Angehörige brechen das Schweigen

Das Ehepaar Müller studiert Akten, trägt einen Ordner voller Dokumente zusammen. Ludwig-Wilhelm Müller, der Neffe, und seine Frau lernen ihren Onkel besser kennen als jedes andere Familienmitglied. Sie haben zunächst ein schlechtes Gewissen. So viele intime Details: Wie Johannes Müller nach dem Ersten Weltkrieg Anzeichen einer Schizophrenie bemerkt, wie er Ärzte um Hilfe bittet, kuriert werden möchte. Wie nichts passiert. Wie er gegen die angedrohte Zwangssterilisation kämpft. Helga und Ludwig-Wilhelm Müller fühlten sich zuweilen wie Voyeure, erzählen sie.

Heute sagt Helga Müller: „Es ist vielleicht unsere Aufgabe gewesen, diese Spuren zu finden.“ Zwei Jahre haben sie überlegt, ob sie die Geschichte ihres Onkels öffentlich erzählen wollen. Wenn sich eine ganze Generation vor ihnen dazu entschlossen hatte, zu schweigen, durften sie dann dieses Schweigen einfach brechen?

Sie haben sich entschieden. Sie wollen anderen davon erzählen, dass ihr Onkel Johannes Müller umgebracht wurde. Ihre Recherchearbeit ist in die Ausstellung in der Unteren Rathaushalle eingeflossen. Sie hilft, den Opfern der Medizinmorde ein Gesicht zu geben.

Vorträge und Lesungen begleiten die Ausstellung

Die Ausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet“ ist bis zum 6. September in der Unteren Rathaushalle zu sehen, es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm. Zum Beispiel Vorträge und Lesungen, etwa am 17. August um 17 Uhr im Haus im Park im Klinikum Bremen-Ost. Der Vortrag des Psychiaters Karl Beine heißt „Wie Helfer zu Tätern werden“. Am 20. August, 14 Uhr, gibt es eine Führung in Gebärdensprache.
Aktion T 4 Mehr als 70.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen wurden 1940 und 1941 in Gasmordanstalten getötet.
In der kranken NS-Ideologie waren sie „unwertes Leben“. T 4 steht für Tiergartenstraße 4, eine Adresse in Berlin, wo der Mord organisiert wurde. Auch nach 1941 gingen die Medizinmorde weiter, Forscher bezeichnen das als „wilde Euthanasie“. Insgesamt wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs mindestens 200.000 kranke und behinderte Menschen umgebracht.
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