Umweltfreundliche Antriebstechnik Niedersachsen will mit Wasserstoff-Loks Pionierarbeit leisten

14 Wasserstoff-Lokomotiven könnten bald zwischen Bremerhaven, Cuxhaven, Bremervörde und Buxtehude Eisenbahngeschichte schreiben. Niedersachsen will damit weltweit Vorreiter grüner Antriebstechnik werden.
06.12.2020, 14:25
Lesedauer: 4 Min
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Niedersachsen will mit Wasserstoff-Loks Pionierarbeit leisten
Von Martin Wein

Um mindestens zehn Prozent sollten die CO2-Emissionen im Verkehrssektor bis 2020 gegenüber dem Referenzwert 1990 sinken, um Deutschlands Klimaziele zu erfüllen. Immerhin stößt der Verkehr ein Fünftel aller klimaschädlichen Gase aus. Geschehen ist praktisch nichts. Mehr Fracht, mehr Flüge und zuletzt die spritschluckenden SUV haben die Bilanz verhagelt. 2018 lag der Ausstoß sogar über dem Referenzwert vor fast 30 Jahren. Und die Corona-Krise hat die Lage wohl nur bedingt entspannt, weil viele Pendler von Bus und Bahn aufs eigene Auto umgestiegen sind.

Auch das Verkehrsmittel Bahn weist entgegen der Darstellung der Bahn überall dort eine negative Klimabilanz auf, wo noch Dieselloks unterwegs sind. Carmen Schwabl könnte daran bald etwas ändern. Die Chefin der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) will mit dem Einsatz von 14 Triebwagen mit Brennstoffzelle zwischen Bremerhaven, Cuxhaven, Bremervörde und Buxtehude Eisenbahngeschichte schreiben. Während die Deutsche Bahn erst für 2024 in Baden-Württemberg einen einjährigen Testbetrieb mit einem Brennstoffzellen-Triebwagen vorsieht, soll im Elbe-Weser-Raum schon zwei Jahre vorher der Regelbetrieb beginnen. „In Deutschland wird ja schon lange über die Energiewende gesprochen. Wir hatten aber den Eindruck, dass im Schienenpersonennahverkehr niemand wirklich ein Projekt begonnen hatte, um Alternativen zum Dieselantrieb zu finden“, erklärt Schwabl ihre Motivation.

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Niedersachsen wird damit weltweit Vorreiter grüner Antriebstechnik im Bahnverkehr. Das Flächenland ist für den Wasserstoffantrieb gut geeignet. Bis 2025 werden hier erst 62 Prozent aller Eisenbahntrassen mit Fahrdraht ausgerüstet. Das Beispiel Wilhelmshaven zeigt, wie sehr der Bund Investitionen in die Fläche scheut. Jahrelang plante die Bahn lediglich die Elektrifizierung der Strecke von Oldenburg zum Jade-Weser-Port, nicht aber den acht Kilometer langen Abzweig von Sande zum Bahnhof Wilhelmshaven. Erst massiver Protest brachte ein Umdenken. 2023, mehr als ein Jahrzehnt nach Inbetriebnahme des Containerterminals, sollen endlich Elektroloks auch im Personenverkehr auf der Strecke fahren.

Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen leistet Pionierarbeit

Ohne technische Innovation bleiben damit auf 38 Prozent der Strecken in Niedersachsen trotz anderslautender Bekenntnisse des Bundes auch auf längere Sicht schwere Dieselloks im Einsatz. Als Alternative sind Brennstoffzellen oder Elektroloks mit integrierten Akkus im Gespräch. Für beide Varianten gibt es keine praktischen Erfahrungen. Die LNVG leistet hier Pionierarbeit. 18 Monate lang haben die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (evb), die zu 83 Prozent dem Land Niedersachsen gehören, im Auftrag der LNVG zwei Triebwagen mit Wasserstoff-Brennstoffzelle im Linienverkehr zwischen Bremervörde und Buxtehude getestet. Der Hersteller Alstom hat die Fahrzeuge vom Typ Coradia iLint in seinem Werk in Salzgitter gebaut. Das Experiment fand weltweit Beachtung. Schwabl begrüßte Delegationen aus Russland, Japan, Malaysia, Kanada, England, Chile, Südkorea und aus Frankreich in Bremervörde. Auch in Hessen sollen nach den Erfahrungen im Norden ab 2022 27 Brennstoffzellen-Züge von Alstom fahren.

180.000 Kilometer waren die Prototypen nach evb-Angaben problemlos unterwegs. Die Züge sind vergleichsweise leise und geben statt Dieselruß nur noch Wasserdampf und Kondenswasser ab. Der optimierte Nachfolger soll mit einer Tankfüllung bis zu 1000 Kilometer schaffen und damit einen ganzen Tag ohne Unterbrechung fahren können. 18 Millionen Euro investiert die LNVG jetzt in diese Technik. Am Bahnhof in Bremervörde baut die Linde AG zudem seit September eine spezielle Wasserstoff-Tankstelle für den Regelbetrieb.

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Bis Mitte des Jahrzehnts will die LNVG 24 weitere Dieselfahrzeuge durch solche mit Brennstoffzelle oder Akkus ersetzen, kündigt Schwabl an. Jüngst hatte eine Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums nahegelegt, dass Akkuzüge über ihre Lebensdauer gerechnet deutlich wirtschaftlicher sein könnten. Allerdings ist der Studienansatz in der Industrie heftig umstritten, weil nur ein regionales Stromnetz betrachtet wurde. Bei einer Lebensdauer von 30 Jahren würden jedenfalls bis in die 2040er-Jahre Dieselloks im Nahverkehr im Einsatz bleiben.

Geht es nach Niedersachsens Grünen, erfolgt der Umstieg deutlich schneller. „Alle alten schmutzen Dieselloks müssen aufs Abstellgleis“, fordert der Grünen-Abgeordnete Sven-Christian Kindler. Dafür müsse insbesondere der Bund den Ausbau von Lade- und Tankinfrastrukturen im Bereich des Schienenverkehrs gezielt fördern und bestehende Förderungen vereinfachen.

Ein Nadelöhr ist allerdings vorerst der Wasserstoff selbst. Der ist nämlich knapp und wird bei den beabsichtigten zahlreichen Anwendungen vom Linienbus bis zum Van-Carrier in Containerhäfen wie Bremerhaven vorerst knapp bleiben. Ihn mit Strom aus Kohle, Öl oder Gas zu erzeugen, würde den CO2-Ausstoß lediglich vom Verkehrsmittel ins Kraftwerk verlagern. Auch in Bremervörde werden die Triebwagen anfangs keinen grün erzeugten Wasserstoff tanken. Ein Teil werde als Abfallprodukt der Chemischen Industrie mit Lkw aus Hamburg und Stade angeliefert, sagt LNVG-Manager Thomas Nawrocki. Perspektivisch solle der Wasserstoff auf vorhandenen Erweiterungsflächen durch Elektrolyse mit Windstrom aus der Region klimaneutral hergestellt werden, wirbt die LNVG.

Kostspielige Stromproduktion

Das wäre nach jetzigem Recht allerdings kostspielig. Denn selbst bei einer Direktlieferung des Stroms über eigene Leitungen fallen dafür die Stromsteuer und die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) an. Die Bundespolitik solle mit der geplanten Neufassung des EEG eine Kehrtwende einleiten, forderten deshalb Ende Oktober die 26 Experten im neu installierten Nationalen Wasserstoffrat in einer Stellungnahme. Strom zur Elektrolyse von Wasserstoff solle grundsätzlich von der EEG-Umlage befreit werden. Sonst sei er als Energieträger schlicht zu teuer.

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