Verden

Anita Augspurg forderte bereits 1923 die Ausweisung Hitlers

Verden. In der Verdener Süderstadt, nur einen Steinwurf vom Dom entfernt, Pades Restaurant ist nicht weit, gibt es einen kleinen Platz – eigentlich mehr eine etwas breitere Straße. Die Verdener nennen die Gegend dort gern Bermuda-Dreieck, weil es um den Platz herum eine Handvoll Kneipen gibt, in denen man zu später Stunde durchaus mal verloren gehen kann.
08.03.2015, 00:00
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Anita Augspurg forderte bereits 1923 die Ausweisung Hitlers
Von Hans Ettemeyer
Anita Augspurg forderte bereits 1923 die Ausweisung Hitlers

Anita Augspurg um 1899, aufgenommen im Hofatelier Elvira in München.

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In der Verdener Süderstadt, nur einen Steinwurf vom Dom entfernt, Pades Restaurant ist nicht weit, gibt es einen kleinen Platz – eigentlich mehr eine etwas breitere Straße. Die Verdener nennen die Gegend dort gern Bermuda-Dreieck, weil es um den Platz herum eine Handvoll Kneipen gibt, in denen man zu später Stunde durchaus mal verloren gehen kann. Seinen jetzigen offiziellen Namen erhielt der Platz genau heute vor 24 Jahren, am internationalen Frauentag 1991 – nach einem jahrelangen Streit. In der Stadtverwaltung hat man die kleine Feier an dem neuen Straßenschild in unguter Erinnerung.

Beinahe vier Jahrhunderte lang war Verden Garnisonsstadt. Die drei Kasernen sind inzwischen längst geschleift, die letzten britischen Soldaten schon vor Jahren abgezogen. Doch das Militär hinterließ Spuren. So darf sich Verden seit 1939 offiziell mit dem Namenszusatz Reiterstadt schmücken; ein Hauptmann Hamann begründete damals die große Tradition der Verdener Reitturniere.

Und es blieben Straßennamen, die aufs Militär zurückgehen: die Husarenstraße, der Galoppweg, die Artilleriestraße,

natürlich die Hamannallee, die Sedan-straße – und der Von-Einem-Platz, benannt nach dem preußischen Kriegsminister Karl von Einem, der dort als junger Ulanen-Leutnant drei Jahre lang im Haus Nr. 1 gewohnt hatte. Von Einem, er lebte von 1853 bis 1934, war ein bekennender Antidemokrat, der die Machtübernahme durch die Nazis ausdrücklich begrüßte.

Bis in die 1980er-Jahre nahm in Verden kaum jemand Anstoß an der Bezeichnung Von-Einem-Platz. Doch dann bereitete sich die Stadt auf ihre 1000-Jahr-Feier 1985 vor. Eine Frauengruppe erinnerte daran, dass nur wenige Häuser vom ehemaligen Quartier des Militaristen Karl von Einem entfernt das Geburtshaus der Pazifistin und Frauenrechtlerin Anita Augspurg steht. Die Frauengruppe forderte die Straßenumbenennung – und sorgte damit für einen jahrelangen Streit im Verdener Stadtrat.

Anita Augspurg, 1857 als Tochter eines Anwalts geboren, verbrachte ihre Kindheit und Schulzeit in Verden. 1897 war sie die erste promovierte Juristin in Deutschland. Fünf Jahre später rief sie den ersten deutschen Frauenstimmrechtsverein ins Leben. 1919 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“. Bereits 1923 forderte sie mit anderen Frauen die Ausweisung des Österreichers Adolf Hitler wegen Volksverhetzung. Seit 1933 lebte sie im Schweizer Exil. Sie starb 1943 in Zürich.

Insbesondere die CDU im Stadtrat tat sich schwer mit der Straßenumbenennung. Von Einem sei bereits ein alter Mann gewesen, als er den Nazis huldigte. Der Von-Einem-Platz gehöre seit 60 Jahren zur Geschichte der Stadt. Selbst in der SPD-Fraktion gab es zunächst Bedenken gegen eine Umbenennung, obwohl von Einem der Sozialdemokratie einst den „Kampf bis aufs Messer“ angedroht hatte. Man könne ja eine andere Straße nach Anita Augspurg benennen, meinten einige SPD-Mitglieder, von Einem erinnere an die lange Tradition Verdens als Garnisonsstadt. Erst als ein FDP-Ratsherr, Zünglein an der Waage, umschwenkte, konnten SPD und Grüne die Umbenennung gegen die CDU-Fraktion durchsetzen.

Was lag näher, als die Straßenschilder am internationalen Frauentag auszuwechseln. Und so trafen sich Ratsmitglieder, Verwaltungsbeamte und Frauengruppe am

8. März 1991 auf dem Von-Einem-Platz, um ihn in Anita-Augspurg-Platz umzutaufen. Doch als das neue Straßenschild enthüllt wurde, wären die städtischen Beamten am liebsten im Boden versunken: Der Name der Frauenrechtlerin war statt mit p mit b wie Augsburg geschrieben. Neue Schilder wurden darauf hin sofort in Auftrag gegeben.

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