Präsidentschaftswahl in Frankreich Rechtsextremer Autor Zemmour kandidiert

Der rechtsextreme Autor Éric Zemmour hat sich zum Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich erklärt. Sein Bewerbungsvideo zeigt, dass er Wahlkampf auf dem Rücken von Ausländern machen will.
30.11.2021, 19:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Birgit Holzer

Éric Zemmour spricht die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ direkt an, doch er blickt dabei nicht in die Kamera. In einer alten, mit schweren Büchern ausgestatteten Bibliothek sitzend, richtet er seine Augen auf sein Redemanuskript und listet die Qualen auf, die die Franzosen seiner Ansicht nach Tag für Tag erleben: „Sie gehen durch die Straßen Ihrer Städte und erkennen sie nicht wieder“, liest Zemmour in dem knapp zehnminütigen Videoclip vor. „Sie werfen einen Blick auf die Werbung, auf Fernsehserien oder sehen Fußballspiele an, Sie betreten einen Bahnhof oder holen Ihr Kind von der Schule ab – und haben das Gefühl, nicht mehr in dem Land zu sein, das Sie kannten.“

Dazu gezeigt werden ein Werbefoto mit einem verschleierten Mädchen und Bilder von Bahnsteigen, auf denen viele Schwarze stehen. Frankreich sei im Begriff, sich selbst zu verlieren, von Ausländern überrannt zu werden, so Zemmour. Um diese angebliche Gefahr zu verhindern, bewerbe er sich als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl im April. „Es geht nicht mehr darum, Frankreich zu reformieren, sondern es zu retten“, betont der Rechtsextreme, der vor kaum einer radikalen These zurückschreckt.

Viel Zeit gelassen mit Ankündigung

Lange hat sich der 63-jährige Journalist und Autor Zeit gelassen mit dieser offiziellen Ankündigung. Seit Wochen tourte er durch das Land, um sein Buch „Frankreich hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen“ vorzustellen – es handelte sich bereits um verkappte Wahlkampfveranstaltungen. Längst hatte er ein eigenes Team, Plakate und Handzettel. Bewusst veröffentlichte er sein Video direkt vor der an diesem Mittwoch beginnenden Vorwahl der Republikaner, die bis Sonnabend dauert. Am Sonntag gibt Zemmour eine große Wahlkampfveranstaltung in einer Pariser Konzerthalle.

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Er zielt auf konservative und rechtsnationale Wähler ab, indem er das Schreckensbild eines Landes zeichnet, das seine einstige Größe – verkörpert von Ludwig XIV. oder Napoleon Bonaparte – einbüße, weil es die „Islamisierung“ nicht stoppe. Zweimal wurde der Sohn jüdischer Algerienfranzosen bereits wegen Provokation zum Rassenhass verurteilt. Gerade erst stand er erneut vor Gericht. „Sie haben hier nichts zu suchen, sie sind Diebe, sie sind Mörder, sie sind Vergewaltiger“, hatte er mit Blick auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesagt.

Mit solchen Aussagen gibt er sich deutlich rechtsextremer als seine Hauptkonkurrentin, die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die sich selbst um ein moderates Image bemüht. Unmittelbar kam das gut an. Viele Franzosen kennen Zemmour aus dem Fernsehen und halten ihn für historisch gebildet – auch wenn Spezialisten seine Thesen regelmäßig auseinandernehmen. „Zemmour geht es nicht um historische Wahrheiten, sondern er macht Politik“, sagt der Historiker Nicolas Offenstadt.

Manche Umfragen sahen Zemmour schon in der Stichwahl gegen Präsident Emmanuel Macron, doch zuletzt fielen seine Werte wieder auf rund 15 Prozent gegenüber 20 Prozent für Le Pen.

Als Gast nicht willkommen

Der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, und die Stadtpräsidentin von Genf, Frédérique Perler, ließen bei Besuchen Zemmours wissen, er sei hier nicht willkommen. Bei einer Visite in Marseille am Wochenende wurde er ausgebuht und dabei fotografiert, wie er einer Frau einen Stinkefinger zeigte. Eine „unelegante“, aber eben instinktive Geste, rechtfertigte er sich hinterher.

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„Man kann sich Fragen über seine Fähigkeit, unser Land zu repräsentieren, stellen“, sagte Regierungssprecher Gabriel Attal am Dienstag in Paris. Zemmour verkaufe sich „wie ein französischer Trump“.

Dass er dem früheren amerikanischen Präsidenten Donald Trump nacheifert, indem er Ausländer klar als Sündenböcke für allerlei Probleme darstellt, machte Zemmour am Dienstag in seinem Videoclip einmal mehr deutlich. Anders als Donald Trump hat Zemmour allerdings keine große Partei und bislang auch kaum prominente Anhänger hinter sich.

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