Steigende Corona-Zahlen Was Deutschland in den nächsten Monaten erwartet

Noch ist das Ende der Corona-Pandemie nicht abzusehen. Die aktuell steigenden Infektionszahlen könnten nun auch Folgen nach sich ziehen, etwa schärfere Regeln oder Pleiten. Aber es gibt auch Hoffnung.
24.09.2020, 09:31
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Von Georg Ismar, Heike Jahberg, Thorsten Mumme und Thomas Trappe

Der Gastronom eines Südtiroler Wirtshauses in Berlin-Kreuzberg wünscht sich nur eines: Klarheit. „Mir wäre es am liebsten, wenn ich in zwei Wochen schließen muss.“ Kurzes Erstaunen. Er befürchtet wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen weitere Auflagen für den dann weitgehend nur noch im Innenraum möglichen Betrieb; 20 oder 30 Prozent Auslastung sei unwirtschaftlich. „Dann schicke ich lieber alle in Kurzarbeit und habe nur noch die Miete als laufende Kosten.“ Das Beispiel zeigt: An der gesundheitlichen wie an der ökonomischen Front zieht ein Herbststurm auf. Die Politik will nachjustieren. Aber es gibt auch Hoffnung.

Das Feierproblem

Das ist derzeit eine der größten Sorgen im Kanzleramt. Nach Monaten der Zurückhaltung schien vielen Bürgerinnen und Bürgern die Pandemie überwunden. Sie treffen sich zu Feiern, die Zahl der Einladungen steigt. Aber man muss nur Albert Camus’ „Die Pest“ lesen – auch dort wird die wieder gewonnene Freiheit nach erster Welle und Quarantäne gefeiert – dann kommt die zweite, schlimmere Welle.

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Der Charité-Virologe Christian Drosten sieht Deutschland nicht ausreichend vorbereitet. „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns“, sagt er. „Wir haben mit genau den gleichen Mitteln reagiert wie andere. Wir haben nichts besonders gut gemacht. Wir haben es nur früher gemacht“, so Drosten. Nun sind zwar die Kliniken und Praxen gut gewappnet – es gibt aktuell 8706 freie Intensivbetten und eine Notfallreserve von 12.260 Betten. Aber Drosten und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel finden es besorgniserregend, dass vor allem über Dinge wie die Anzahl von Zuschauern in Fußballstadien gestritten wird, während die privaten Feiern gerade in geschlossenen Räumen zuletzt viele kleine Infektionsherde verursacht haben.

Es gibt nicht mehr die großen Hot-Spots, sondern ein diffuses Ausbruchsgeschehen, zunächst vor allem ausgelöst durch jüngere Menschen. In anderen Ländern führt das bereits wieder verstärkt zur Ansteckung älterer Menschen – und schlussendlich zur Zunahme von Covid-19-Todesfällen.

Schärfere Regeln

Nächste Woche wird Kanzlerin Angela Merkel mit den Regierungschefs der Länder erneut beraten. Einige befürchten schon ein Chaos, wenn statt bundesweit einheitlicher Regeln im Herbst vor allem auf lokale Antworten zum Infektionsgeschehen gesetzt wird. Oberstes Ziel von Merkel ist: keine neuen großen Lockdowns. Spätestens bei mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen soll eingegriffen werden.

Bayern hat bereits die Regeln angepasst – für private Feiern wie Hochzeiten oder Geburtstage gilt ab diesem Wert eine Obergrenze von maximal 25 Teilnehmern in geschlossenen Räumen oder 50 Teilnehmern draußen. Zum Schutz der für schwere Krankheitsverläufe anfälligen Menschen in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen soll dann das Besuchsrecht auf täglich eine Person beschränkt werden. Ebenso sind Alkoholverbote und eine Maskenpflicht auf belebten Plätzen eine Option.

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Bundesweit soll ab spätestens 15. Oktober die neue Strategie für Reiserückkehrer aus Risikogebieten mit einer Pflicht-Quarantäne von mindestens fünf Tagen bis zu einem negativen Coronatest gelten. Bis dahin wird laut Innenministerium auch eine digitale Einreiseanmeldung zur Verfügung stehen. „Diese wird die bislang verwendete analoge Aussteigekarte ersetzen und den Meldeweg zu den Gesundheitsämtern digitalisieren.“ Bisher waren viele Rückkehrer-Angaben falsch – in der Übergangszeit soll die Bundespolizei an Flughäfen die gemachten Daten mit den Ausweisen abgleichen, um bei Infektionen Kontakte nachverfolgen zu können.

Umbau der Test-Strategie

Hier liegt neben der möglichen Maskenpflicht-Ausweitung der Fokus der Bundesregierung. Sie soll ab Mitte Oktober greifen. Tests sollen stärker auf Risikogruppen und das Gesundheitswesen konzentriert werden – nicht mehr wie aktuell in großer Zahl auf Reiserückkehrer. Eine weitere Option ist, für eine bessere Kontaktnachverfolgung in Bars und Restaurants auf digitale Lösungen statt ungeprüfter Zettelangaben zu setzen. Auch Antigen-Schnelltests sollen als Ergänzung zu den PCR-Tests mit Abstrichen, die ins Labor müssen, zum Einsatz kommen. So könnten Besucher von Pflegeheimen schnell getestet werden, um direkt ein Ergebnis zu erfahren.

Größere Lockerungen sind nicht zu erwarten – Betreiber von Weihnachtsmarktständen fürchten, dass auch dieses Geschäft ins Wasser fallen könnte. Aber gerade die Schnelltests gelten als Hoffnungsträger. Sind sie in ausreichender Zahl verfügbar, könnten sie auch helfen, Veranstaltungen bundesweit sicherer durchzuführen – und Infektionsherde schneller zu erkennen.

Die Pleiteangst

Erneut bangen die Branchen, die schon unter der ersten Welle zu leiden hatten: Tourismus, Fluggesellschaften, Gastronomen, Bekleidungsgeschäfte in den Innenstädten und Veranstalter wie Kulturschaffende. Die zarte Hoffnung, dass die Menschen wieder mehr reisen, ausgehen und shoppen, würde sich zerschlagen, von Großkonzerten, Messen und Kongressen ganz zu schweigen. Die Lufthansa stellt sich darauf ein, dauerhaft mindestens 150 ihrer 760 Flugzeuge am Boden zu lassen. Trotz staatlicher Hilfe droht der Abbau von 27.000 Vollzeitstellen. Derzeit kann die Airline nur 20 bis 30 Prozent des Vor-­Corona-Programms fliegen.

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Auch Europas größter Reiseveranstalter, die Tui, kann nur mit Staatshilfe überleben. Wegen der Reisewarnungen bietet der Konzern für die Wintersaison lediglich 40 Prozent des ursprünglichen Angebots. Der Deutsche Reiseverband hat ausgerechnet, dass Reisebüros und -veranstalter Umsatzverluste von mehr als 20 Milliarden Euro angehäuft haben.

Auch der Hotel- und Gaststättenverband warnt vor einer Pleitewelle: Fast 65 Prozent der Betriebe kommen trotz staatlicher Hilfsprogramme nicht über die Runden, ergab eine jüngst vorgestellte Umfrage. Dehoga-Haupt­geschäftsführerin Ingrid Hartges sagt, für die Gastronomie sei es elementar, „dass die Außensaison verlängert wird“, etwa durch die Ausweitung der Flächen und Möglichkeiten wie provisorische Wintergärten draußen oder Pellet- und Heizpilze. Auch der Handel bangt vor dem Corona-Herbst: Ende November beginn das Weihnachtsgeschäft – damit entscheidet sich für viele Läden, ob sie überleben.

Die Profiteure

Finanziell gesehen käme den meisten Online-Anbietern eine zweite Welle vermutlich gelegen. In dem Maße, in dem die Umsätze des stationären Handels im Frühjahr einbrachen, stiegen die der Online-Shops. Seit die Geschäfte wieder geöffnet haben, entwickelt sich das Geschäft im Internet wieder rückläufig.

Auch Baumärkte und Supermärkte dürften von erneuten Einschränkungen und mehr Zeit daheim profitieren. Stellvertretend dafür stehen etwa die Aktienkurse des Essenslieferanten Delivery Hero, Hornbach und Shop-Apotheke, die alle angesichts steigender Infektionszahlen deutlich anstiegen.

Letztere zeigt, welche Branche noch profitieren könnte: die Telemedizin. Je mehr die Arztpraxen im Zuge der Pandemie verwaisten, desto stärker war vor allem in den Anfangsmonaten der Krise der Zuwachs in der Telemedizin. Die Onlinepraxis Zava – nur eines von vielen Beispielen – berichtete im Mai von einem Zuwachs der Online-Konsultationen um 60 Prozent im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau. So kündigte die Schweriner Arztkonsultation ak GmbH am Mittwoch an zu expandieren. „Corona war nur die Initialzündung für unser Wachstum“, sagt Geschäftsführer Peter Zeggel.

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