Kommentar zu „Fridays for Future“

Eine globale Jugendbewegung, die gehört werden will

Die Schülerproteste im Namen der „Fridays for Future“- Bewegung zeigen, dass eine politische junge Generation existiert, die für ihre Zukunft einsteht. Man sollte sie nicht belächeln, meint Elena Matera.
07.02.2019, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Eine globale Jugendbewegung, die gehört werden will
Von Elena Matera
Eine globale Jugendbewegung, die gehört werden will

Die Schüler brechen die Regeln bewusst, um wahrgenommen zu werden. Auch auf dem Bremer Marktplatz schwänzen Schüler freitags die Schule.

Frank Thomas Koch

Es ist paradox. Seit Jahren regen sich viele Ältere über die ach so träge, unpolitische Jugend auf. Gehen Schüler allerdings für den Klimaschutz auf die Straße, werden sie kritisiert. Seit Monaten schwänzen Schüler unter dem Namen „Fridays for Future“ die Schule. Sie fordern die Einhaltung des 1,5-Grad-Zieles, also die Erderwärmung auf anderthalb Grad im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters zu begrenzen. Das Motto der Schüler: „Wir streiken, bis ihr handelt“.

Einige Schulleitungen in Deutschland drohen bereits mit Verweisen. Zahlreiche Menschen beleidigen und belächeln die streikenden Schüler, insbesondere in den sozialen Netzwerken. Die Kinder würden nur schwänzen wollen und die komplexe politische Thematik nicht verstehen. Sie sollten dafür lieber in ihrer Freizeit streiken. Doch würde der Protest dann so viel Aufsehen erregen? Wohl kaum. Die Schüler brechen mit dem Streik bewusst die Regeln. Denn nur so werden sie gehört.

Der Protest ist ihre einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen

Viele vergessen: Der Protest ist die einzige Möglichkeit der Jugendlichen, sich überhaupt Gehör zu verschaffen, denn sie haben kein Wahlrecht. Sie müssen auf die Entscheidungen der Erwachsenen vertrauen. Und dieses Vertrauen wird derzeit erschüttert. Eine konsequente Klimapolitik fehlt weltweit – auch in Deutschland. Dass die Klimaziele bis 2020 nicht erreicht werden, enttäuscht viele junge Menschen. Denn sie sind es, die letztendlich mit den Konsequenzen der heutigen Klimapolitik leben müssen. Die Bewegung „Fridays for Future“ zeigt, dass es eine politische junge Generation gibt, die für ihre Zukunft einsteht. Alleine in Deutschland existieren bereits rund 100 Ortsgruppen.

Schüler schwänzen für den Klimaschutz

Die Jugend möchte endlich über die eigene Zukunft mitentscheiden.

Foto: Volker Lannert

Das Thema Klimapolitik scheint Jugendliche weltweit zu bewegen, sowohl im Norden als auch im Süden. Ob in Italien, Frankreich, den USA, Kanada, Tschechien, Australien, Südafrika oder in Nigeria – das Thema mobilisiert. Die Bewegung wächst kontinuierlich. Als nächstes haben die Jugendlichen für den 15. März einen globalen Aktionstag geplant.

Die Proteste haben eine deutliche Botschaft: Die Jugend möchte endlich über die eigene Zukunft mitentscheiden. So fordert etwa auch die Jugend-NGO „Demokratische Stimme der Jugend“, ein Mitinitiator von „Fridays for Future“, ausdrücklich eine Generationengerechtigkeit und einen Deutschen Jugendrat – ein Gremium aus Jugendlichen, das die Politik in Zukunftsfragen berät.

Das politische Interesse steigt

Laut einer Shell-Jugendstudie steigt seit 2015 das politische Interesse junger Menschen. Es wird gar von einem Aufbruch der Jugend gesprochen. Die Aktionsformen haben sich allerdings im Laufe der Jahre geändert. Jugendliche treten seltener in Parteien ein. Dafür finden die politischen Aktivitäten individueller statt und in sozialen Netzwerken. Die Jugend boykottiert Konsumgüter aufgrund politischer Konflikte, demonstriert für soziale Gerechtigkeit, unterzeichnet Petitionen. Nichtregierungsorganisationen werden den Parteien vorgezogen. Die Bewegung „Fridays for Future“ wäre wohl nie ohne Greta Thunberg so groß geworden. Mit Pappschild und festem Willen – so stand die Schülerin am 20.August 2018 das erste Mal vor dem schwedischen Reichstag. Sie war alleine und entschlossen. Heute gibt die 16-Jährige Interviews bei CNN oder dem Spiegel, sie spricht auf Konferenzen. Sie ist das Gesicht der Bewegung geworden.

Das Besondere an der Schülerin: Greta Thunberg ist unaufgeregt, ernst, radikal und sie hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. „Für mich sind die meisten Sachen schwarz oder weiß“, sagt Thunberg. „Wenn der Klimawandel gestoppt werden muss, müssen wir ihn stoppen. Es gibt keine Grauzone, wenn es um das Überleben geht.“ Eben diese Radikalität führt vielleicht zu ihrem Erfolg. Und sie inspiriert Jugendliche weltweit. Thunbergs Botschaft: Ihr habt zwar kein Wahlrecht, aber ihr könnt trotzdem für eure Zukunft einstehen.

Die Jugend ist deutlich in der Minderheit

Die Jugend hat es in Deutschland derzeit schwer, Gehör zu finden. Sie befindet sich deutlich in der Minderheit: Laut Bundesjugendkuratorium betrug der Anteil der 18- bis 30-Jährigen bei den Wahlberechtigten im Jahr 2017 nur 15,4 Prozent. Bei den 50- bis 60-Jährigen waren es hingegen 20 Prozent und bei den über 70-Jährigen 20,7 Prozent.

Themen, die junge Menschen als wichtig erachten, drohen damit seltener auf die politische Agenda gesetzt zu werden. Doch politische Entscheidungen benötigen einen breiten Diskurs in der Gesellschaft, um die Demokratie zu stärken. Umso wichtiger ist es daher, mit den streikenden Schülern in einen Dialog zu treten. Sie zeigen Zivilcourage und politisches Engagement – sie sollten dafür nicht belächelt oder bestraft werden.

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