Falsche Richtung

Geisterfahrer: Von den Ursachen und den Folgen

Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Verkehrsfunk im Radio nicht vor Falschfahrern warnt. Laut einer Studie des ADAC werden jährlich etwa 2200 solcher Vorfälle gemeldet.
05.02.2018, 21:52
Lesedauer: 4 Min
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Geisterfahrer: Von den Ursachen und den Folgen
Von Aljoscha-Marcello Dohme
Geisterfahrer: Von den Ursachen und den Folgen

Eine Horror-Vorstellung für viele Fahrer: unerwarteter Gegenverkehr auf der Autobahn.

123RF, 123rf Montage: Franz Berding

Bei Dunkelheit sowie am Wochenende sind tendenziell mehr Geisterfahrer unterwegs als tagsüber unter der Woche. Immer wieder führen Geisterfahrten auch zu schweren Unfällen. 2016 kamen in Deutschland bei Zusammenstößen mit Falschfahrern zwölf Menschen ums Leben. In Bremen kommt es genauso wie in Hamburg und Berlin, bezogen auf die Länge des Autobahnnetzes, besonders häufig zu Falschfahrten.

Wie es zu dieser Ballung in den Stadtstaaten kommt, ist nicht eindeutig belegt. Die Experten des ADAC vermuten jedoch als Grund die verhältnismäßig hohe Anzahl an Anschlussstellen, die durch kurze Stadt- und Zubringerautobahnen begünstigt werden. Die Ursachen für Geisterfahrten sind vielfältig. Neben Übermüdung können auch Alkohol oder der Einfluss von Medikamente zu Falschfahrten führen.

Für Autofahrer gibt es deutliche Zeichen, die sie auf ihre Geisterfahrt aufmerksam machen können. Stehen die Leitpfosten auf der linken Seite und sind keine Reflektoren erkennbar, ist dies ein Indiz für eine Geisterfahrt. Haben zudem alle Schilder und Verkehrszeichen den gleichen Grauton und befindet sich der Mittelstreifen auf der rechten Seite, sind dies weitere Anhaltspunkte für eine Falschfahrt.

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Nehmen Autofahrer diese Signale war, dürfen sie auf keinen Fall einfach wenden. Der ADAC rät stattdessen, die Warnblinkanlage sowie das Licht einzuschalten und an den Rand zu fahren. Wenn das Auto steht, sollten Betroffene umgehend die Polizei rufen. Die Beamten können dann entsprechende Maßnahmen einleiten, um das Fahrzeug gefahrenlos auf die richtige Spur zu bringen.

Vor Geisterfahrern kann laut TÜV Süd am besten der Verkehrsservice im Radio schützen. In einer solchen Situation ist es zunächst wichtig, das Tempo zu drosseln. So kann das entgegenkommende Fahrzeug rechtzeitig erkannt und ihm ausgewichen werden. Zudem sollten keine anderen Autos überholt werden. Die sicherste Variante in einem solchen Fall ist jedoch, die Autobahn zu verlassen und beispielsweise auf einem Parkplatz so lange zu warten, bis im Radio Entwarnung gegeben wird.

Probleme an Anschlussstellen

Geisterfahrer sollten laut dem TÜV Süd nicht von anderen Autofahrern auf eigene Faust gestoppt werden. Stattdessen sollte umgehend die Polizei informiert werden, wenn Falschfahrer auf der Autobahn unterwegs sind. Vielfach rechnen Autofahrer laut des ADAC nur an Anschlussstellen mit Geisterfahrern. Tatsächlich können Falschfahrten aber auch an anderen Orten wie Autobahnkreuzen oder Autobahndreiecken beginnen.

Zudem bestehe auch die Gefahr, dass Autofahrer an Rastanlagen fälschlicherweise die Ausfahrt nehmen und so zu Geisterfahrern werden. Gänzlich verhindern lassen sich Geisterfahrten nie. Menschen, die sich beispielsweise das Leben nehmen wollen, werden auch trotz Hinweisschildern und anderen Maßnahmen zu Falschfahrern.

Damit Menschen nicht aus Unachtsamkeit auf der falschen Seite fahren, gibt es verschiedene Ansätze. In Deutschland sollen Geisterfahrer in Zukunft elektronisch gewarnt und sogar gestoppt werden. Unter anderem aus diesem Grund hat das Bundesverkehrsministerium ein „Digitales Testfeld Autobahn“ in Bayern installiert. Wann dieses Warnsystem in Deutschland ausgebaut wird, steht noch nicht fest.

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Im Land Bremen wird seit rund drei Jahren ein sogenanntes Lagebild von Falschfahrern von der Polizei in Kooperation mit dem Amt für Straßen und Verkehr (ASV) erstellt. Kontrolliert werden dabei die Autobahnen, die im Bereich der Bremer Polizei liegen.

Auf dieser Grundlage versucht das ASV, mögliche Unklarheiten durch Verkehrsschilder zu beseitigen. „Um Falschfahrten zu vermeiden, ist es entscheidend, dass die verkehrliche Situation beim Auffahren auf die Bundesstraßen und Autobahnen für den Fahrzeugführer eindeutig geregelt ist und es nicht zu Missverständnissen kommen kann“, sagt Martin Stellmann, Sprecher des ASV.

In Österreich werden verschiedene Mittel eingesetzt, damit Autofahrer erst gar nicht zu Geisterfahrern werden. An mehr als 400 Orten befinden sich laut des österreichischen Autobahnbetreibers Asfinag sogenannte „Geisterfahrer-Warntafeln“, die im Auffahrtsbereich zur Autobahn mit den Worten „Stop“ und „Falsch“ auf die Gefahr hinweisen.

Stahlspitzen beschädigen Reifen

Zudem wurden Sensoren in die Fahrbahn integriert. Diese lösen in der Verkehrsleitzentrale einen Alarm aus, wenn die Sensoren in falscher Richtung befahren werden. Außerdem wurden zwanzig sogenannte Geisterfahrerkrallen in die Fahrbahn eingebaut.

Sobald ein Fahrzeug die Autobahn in falscher Richtung befährt, schießen Stahlspitzen aus dem Boden und beschädigen so die Reifen. Installiert werden diese Krallen an Orten, an denen besonders häufig Falschfahrer auftauchen. Ermittelt werden diese Stellen durch eine regelmäßige Auswertung der Unfallstatistiken.

Allerdings sind die Schilder kein Garant für weniger Falschfahrer. In einem Pilotprojekt wurden an verschiedenen Orten in Bayern Warntafeln nach österreichischen Vorbild aufgestellt. Auf der A 3 zwischen dem Autobahnkreuz Deggendorf in Bayern und der Landesgrenze zu Österreich wurden nach einer Auswertung des ADAC beispielsweise zehn Geisterfahrer mehr verzeichnet als im selben Zeitraum ohne spezielle Warnhinweise.

Mautstationen halten von Irrfahrt ab

Ähnliche Maßnahmen zum Schutz vor Geisterfahrern wie in Österreich werden auch in der Schweiz ergriffen. Vor rund zehn Jahren hat das für die Schweizer Nationalstraßen zuständige Bundesamt für Straßen (Astra) an allen rund 400 Ausfahrten im Land beidseitig Warnhinweise installiert, die ein Drittel größer sind als normale Verkehrsschilder.

Als weitere Sicherheitsmaßnahme befinden sich an allen Ausfahrten auf der Fahrbahn überdimensionierte Pfeile, die die richtige Fahrtrichtung angeben. Auf Geisterfahrerkrallen verzichtet die Schweizer Behörde. „Diese Maßnahme wurde verworfen, weil die Blaulicht-Fahrzeuge gegebenenfalls bei dringenden Fällen in die falsche Richtung über die Ausfahrt auf die Autobahn gelangen müssen“, erklärt Guido Bielmann, Sprecher des Astra.

In Italien sind Geisterfahrer kaum ein Thema. Dies liegt an den Mautstellen, die Autofahrer passieren müssen. Ähnlich sieht es auch in Frankreich aus. Dort halten ebenfalls die Mautstationen die meisten Falschfahrer von einer Irrfahrt ab.

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