Mysteriöser Wasserhahn-Diebstahl

Hohn und Spott für den BND

Unbekannte stehlen Wasserhähne aus der neuen BND-Zentrale und verursachen dadurch einen gewaltigen Wasserschaden im Haupthaus der Behörde. Während die Ermittler ratlos sind, hagelt es für den Geheimdienst Hohn und Spott.
06.03.2015, 00:00
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Hohn und Spott für den BND
Von Alexander Pitz
Hohn und Spott für den BND

Unbekannte haben einen Teil der neuen BND-Zentrale in Berlin unter Wasser gesetzt.

Paul Zinken, dpa

Unbekannte stehlen Wasserhähne aus der neuen BND-Zentrale und verursachen dadurch einen gewaltigen Wasserschaden im Haupthaus der Behörde. Während die Ermittler ratlos sind, hagelt es für den Geheimdienst Hohn und Spott.

Sicherheitszäune, Kameramasten, Bewegungsmelder, Flutlicht und am Eingangstor ein bedrohlich wirkendes Schild mit der Aufschrift: „Unbefugten ist das Betreten streng verboten!“ Wer an der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes an der Berliner Chausseestraße vorbeispaziert, könnte meinen, es handele sich bei dem gigantischen, hellgrauen Betonklotz um eine uneinnehmbare Hightech-Festung. In Wahrheit ist der Komplex eine der pannenträchtigsten Baustellen der Bundesrepublik. „Versager, Versager, alles Versager da drinnen“, schimpft ein 72 Jahre alter Passant, der die vor dem Gebäude postierte Journalistenschar ungefragt anspricht. Etliche sind geneigt, dem redseligen Ostberliner recht zu geben. Denn am Dienstag ereignete sich im Innern des scheinbar gut gesicherten Haupthauses der bisher wohl peinlichste Skandal im Zusammenhang mit dem milliardenteuren Projekt.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden, genauer kann die Polizei das bisher nicht rekonstruieren, drangen Unbekannte in die Geheimdienstzentrale ein. In den oberen Etagen, wo Büros und Besprechungsräume der BND-Mitarbeiter untergebracht sind, montierten sie insgesamt fünf Wasserhähne ab und nahmen sie mit. Der Wert der Hähne: nicht einmal 100 Euro pro Stück. Doch der entstandene Schaden erreicht voraussichtlich Millionenhöhe. Weil die Leitungen unter Druck standen, ergossen sich über mehrere Stunden Unmengen Wasser in den Sicherheitstrakt. Es drang durch die Zwischendecken, zerstörte Türen, Parkett und Teile der empfindlichen Elektrik.

Die Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar. Die Spekulationen reichen von einem gezielten Sabotageakt bis zu einem simplen Handwerkerstreich. Das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, auf das der BND verweist, beantwortet keinerlei Fragen zu Details. „Die Ermittlungen laufen“, ist das einzige Statement, das einer Sprecherin zu entlocken ist.

Im Bundestag, nur wenige Kilometer vom BND-Komplex entfernt, ist man dagegen weitaus auskunftsfreudiger. André Hahn (Linke), Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums und damit Deutschlands oberster Geheimdienst-Kontrolleur, macht keinen Hehl daraus, was er von dem skurrilen Vorfall hält. „Das ist der vorläufige Tiefpunkt. Die Eigensicherung beim BND hat wieder einmal versagt, und die Welt lacht.“ Der Neubau in Berlin sei schon mehrfach mit „Pleiten, Pech und Mehrkosten“ für die Steuerzahler verbunden gewesen. Drastischer formulierte es der Grünen-Politiker Konstantin von Notz, Mitglied im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags: „Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß.“

In der Tat wird der Umzug der rund 4000 Mitarbeiter des deutschen Auslandsgeheimdienstes vom bayerischen Pullach in die Bundeshauptstadt seit dem ersten Spatenstich 2006 von einer ganzen Reihe hochnotpeinlicher Zwischenfälle begleitet. Eigentlich sollte das Projekt schon 2013 abgeschlossen sein. Inzwischen hält man 2017 für realistisch, aber etliche Experten stellen auch diesen Termin infrage. Schuld an den Verzögerungen sind Pfusch am Bau, das spurlose Verschwinden geheimer Baupläne, aufwendige Umplanungen und Probleme mit der Klimaanlage. Die ursprünglich geplanten Kosten für den Neubau stiegen von ursprünglich 730 Millionen auf mehr als 900 Millionen Euro. Nun kommen durch den Wasserschaden weitere Zusatzkosten hinzu.

Obendrein ist der Imageschaden für den BND schier unermesslich. Statt als moderner und professioneller Nachrichtendienst wird die Behörde in der Öffentlichkeit zunehmend als Dilettantentruppe mit eklatanten Sicherheitslecks wahrgenommen. Erst vor einigen Monaten wurde ein BND-Mann enttarnt, der über Jahre hinweg Hunderte sensibler Dokumente an die Amerikaner weitergegeben hatte. Angesichts des bizarren Wasserhahn-Klaus in der Zentrale sprechen jetzt viele Kommentatoren auch noch vom „Watergate“ beim BND. Und in den sozialen Medien hagelt es Hohn und Spott. „Die waren ja noch nie ganz dicht“, ist eher einer der milderen Sprüche, die dort zu lesen sind. Hans-Christian Ströbele (Grüne), dienstältestes Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium, hat in seiner Karriere bereits so einiges erlebt, doch selbst er ist ob des neuerlichen Skandals verblüfft: „Das ist schon ein dicker Hund“, lautet sein Fazit.

Vor der BND-Zentrale macht derweil der 72-jährige Ostberliner immer noch seiner Empörung über die Zustände beim deutschen Geheimdienst Luft. „Man sollte denen das Gehalt streichen“, fordert er lautstark. „So eine Inkompetenz – vollkommen unfassbar.“ Zu DDR-Zeiten, so seine eigentümliche Einschätzung, sei „ doch nicht alles schlechter“ gewesen. „Eine solche Panne hätte es bei der Stasi jedenfalls nicht gegeben.“

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