Unicef-Sprecher Tarneden über die Konkurrenz durch Online-Plattformen und die Spendenbereitschaft der Deutschen „Im Nothilfefall sind digitale Kanäle wichtig“

Herr Tarneden, wie nutzt Unicef die Möglichkeit, online Spenden zu sammeln?Rudi Tarneden: Die Digitalisierung prägt ja mittlerweile alle unsere Lebensbereiche. Das gilt natürlich auch für Spendenorganisationen wie Unicef.
22.12.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Im Nothilfefall sind digitale Kanäle wichtig“
Von Melanie Reinsch

Herr Tarneden, wie nutzt Unicef die Möglichkeit, online Spenden zu sammeln?

Rudi Tarneden: Die Digitalisierung prägt ja mittlerweile alle unsere Lebensbereiche. Das gilt natürlich auch für Spendenorganisationen wie Unicef. Da ist zum einen die umfassende Onlinepräsenz durch Webseiten und soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instagram. Hierdurch versuchen wir, den Dialog von Spendern, Unterstützern und Engagierten so passgenau und individuell wie möglich zu gestalten. Es ist aber weiterhin so, dass das traditionelle Mailing, also das Anschreiben von möglichen Spendern per Brief, eine hohe Bedeutung hat. Wenn man jüngere Zielgruppen gewinnen möchte, spielen die digitalen Kanäle aber eine große Rolle – genauso im Nothilfefall zum Beispiel nach einem Erdbeben. Dann reagieren sehr viele Spender über den schnellen Weg der Webseite.

Haben Sie Sorge, dass sich digitale Spendenplattformen als Konkurrenz zu traditionellen Spendenorganisationen entwickeln könnten?

Zunächst muss man die Unterschiede verstehen. Plattformen sind eben Plattformen, das heißt, sie sind Verteilkanäle, wo letztlich Kontakte moderiert und organisiert werden. Wir sind eine Hilfsorganisation, die die Programme, für die wir stehen, verantwortet. Und die dem Spender gegenüber Rechenschaft ablegt, was mit den Mitteln geschieht und was diese Arbeit bewirkt. Eine Plattform wie Gofundme ist insofern weiter weg von der Hilfsrealität. Wie ja auch der Name sagt, ist diese eine Mischung aus individuellem Appell und Crowdfunding, wo man versucht, Unterstützer für bestimmte Anliegen zu gewinnen. Hinter dem einen stehen langfristige Programme, die nachhaltige Ergebnisse bringen sollen, und hinter dem anderen steht mehr oder weniger spontan organisierte Hilfsbereitschaft – zum Teil für individuelle Anliegen. Es werden also dabei unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Deshalb ist abzuwarten, wie sich dies weiterentwickelt. Auf einer anderen Plattform, Betterplace, stellen auch wir Projekte ein, für die wir Mittel brauchen.

Warum?

Damit wir den Menschen, die sich dort karitativ organisieren wollen, ein entsprechendes Angebot machen können. Aber die meisten, die uns unterstützen wollen, kommen lieber direkt zu uns. Das hat sicherlich auch mit der Bekanntheit und der Bedeutung der internationalen Arbeit von Unicef zu tun. Wir erhalten Spenden über die Plattform, aber bei Weitem nicht in einer vergleichbaren Größenordnung wie über unsere eigenen Kanäle.

Welche Rolle spielt Google bei der eigenen Sichtbarkeit im Netz?

Eine große. Wir tun sehr viel, damit die entsprechenden Suchbegriffe, die über die Suchmaschinen eingegeben werden, eine gute Auffindbarkeit sichern.

Ein gutes Ranking bei Google kann aber auch viel Geld kosten. Nicht jeder Spender möchte, dass Teile seiner Spende am Ende bei Google landen …

Ein gutes Ranking beruht vor allem darauf, dass wir zu den Interessen und Suchbegriffen die relevanten Inhalte gut auffindbar machen. Hier arbeiten wir intensiv dran. Daneben nutzen wir auch Sponsored Links. Wir bekommen bei Google als Unicef dafür ein Kontingent für Werbung freigeschaltet. Um erfolgreich Unterstützung zu mobilisieren, müssen wir selbst im gewissen Maße auch investieren. Das Wichtige ist, dass Kosten und Nutzen in einem sehr guten Verhältnis zueinanderstehen. Das steht ganz oben.

Wie hat sich die Spendenbereitschaft in den vergangenen Jahren entwickelt?

Wir sehen eine große Spendenbereitschaft in Deutschland, das hat Tradition. Das ist beeindruckend. Wir leben in einer unruhigen Zeit, die Menschen sind sensibilisiert und wissen, dass man etwas für die Kinder in den Krisenländern tun muss, weil sonst die Probleme immer größer werden. Im vergangenen Jahr haben wir über 108 Millionen Euro an Spenden und Erlös aus dem Verkauf von Unicef-Grußkarten erhalten. 400 000 Einzelpersonen haben an Unicef gespendet. Wir haben auch viele junge Leute, die zum Beispiel regelmäßig mit kleinen Beträgen – zum Beispiel zehn Euro helfen.

Wofür spenden die Menschen am häufig-sten?

Sehr gern wird das Thema Bildung unterstützt, aber auch die Wasserversorgung von Kindern oder der Kampf gegen Hunger und Mangelernährung sowie die Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten.

Wann spenden die Deutschen am lieb-sten?

Traditionell ist es so, dass in unserem Kulturkreis die letzten drei Monate des Jahres die Zeit des Spendens ist. Das ist geprägt durch das christliche Abendland und eben Weihnachten. Aber es gibt auch sehr schnelle und starke Reaktionen, wenn nach einer Naturkatastrophe oder in einer Krisensituation akut Geld gebraucht wird.

Das Gespräch führte Melanie Reinsch.

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