Geiseldrama von Gladbeck

Der Fotograf im Bus

Jochen Stoss stieg während des Gladbecker Geiseldramas zu den Geiseln und ihren Entführern auf dem Parkplatz in Bremen-Huckelriede in den Bus und machte dort Fotos. Er war für den WESER-KURIER unterwegs.
11.08.2018, 06:00
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Der Fotograf im Bus
Von Jürgen Hinrichs
Der Fotograf im Bus

Der Fotograf im ­Rücken von Hans-­Jürgen Rösner. ­Jochen Stoss hat das Geschehen in Huckelriede dokumentiert. Er stieg dafür auch in den Bus mit den Geiseln.

Fotos aus einer ARD-Dokumentation

Es ist ein Termin, wie er häufig vorkommt in Lokalredaktionen. Der Zirkus ist da! Er baut auf der Bürgerweide seine Zelte auf. Schöne Geschichte, immer wieder gern. Also hin und ein paar Fotos machen. Für Jochen Stoss, der schon lange im Beruf ist, gehört das zur Routine. Menschen, Tiere, Sensationen – alles hat er schon einmal vor der Linse gehabt, allemal eben auch den Zirkus und seine Spezialitäten.

Stoss, damals 45 Jahre alt, fotografiert, nicht im Zelt, sondern außen vor, und hört dabei ein Geräusch, das ihm noch einigermaßen fremd ist. „Vier Tage vorher hatte ich mir ein Autotelefon angeschafft“, erzählt er. Etwas ganz Besonderes zu der Zeit, und noch gar nicht richtig in Gebrauch. Nun aber klingelt es. Der Redaktionsleiter ist dran. „Brich sofort ab“, weist er seinen Fotografen an, „komm zum Pressehaus, nimm den Richter mit, und dann fahrt ihr nach Blumenthal, dort sollen die Gangster sein, die in Gladbeck eine Bank überfallen und Geiseln genommen haben.“ Gangster mit Geiseln – das ist jetzt keine Routine mehr.

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Wolfgang Richter ist der Polizeireporter. Gemeinsam geht es über die Autobahn Richtung Bremen-Nord. Die beiden Männer sind voller Spannung, was wird sie erwarten? In Blumenthal angekommen, vor einem Wohnblock, in dem die Gesuchten Unterschlupf gefunden haben sollen, stellen Richter und Stoss fest, dass sie am falschen Ort sind.

Niemand da, keine Verbrecher, keine Polizei, niemand. Doch wie das unter guten Kollegen so ist, sie unterstützen sich. Ein Reporter der „Bild“-Zeitung gibt der Konkurrenz vom WESER-KURIER am Telefon die entscheidenden Tipps. Der Apparat im Auto bewährt sich ein weiteres Mal. Stoss lenkt seinen Wagen zunächst nach Vegesack. Auch dort kommen er und seine Begleitung zu spät.

Die Täter sind weg. Wieder hilft ein Hinweis des „Bild“-Reporters, der die ganze Zeit näher dran ist und seine Kollegen nun nach Huckelriede lotst. „Da wussten wir schon, dass der Bus gekapert wurde“, erinnert sich Stoss. Nicht dran zu denken, vermuten sie damals, an den Bus heranzukommen.

Es ist ein Job

Nach Huckelriede sind sie trotzdem und wundern sich: „Es gab keine Absperrungen, wir konnten mit unserem Auto direkt ranfahren.“ Eine Situation, mit der sie nicht gerechnet haben. Surreal, aberwitzig, und doch auch wieder so, dass die Journalisten sich einfügen: Es ist ein Job, na dann mal los.

Der Abend naht, die Redaktion hat Zeitdruck und nervt mit Anrufen, ständig klingelt das Autotelefon. Was mal ein Segen war, ist jetzt ein Fluch. „Der Lokalchef wollte wissen, was wir liefern können, ob und wie viel, an was anderem war der nicht interessiert.“ Vor Ärger haben sie irgendwann einfach den Hörer aufgeschmissen. Soll der Chef doch sehen, wo er bleibt mit seinen ewigen Nachfragen.

Auf dem Busparkplatz und drumherum wird es immer unruhiger. „In den Fenstern und auf den Dächern, überall Polizei“, schildert der Fotograf. Weiter weg werden Sperren aufgebaut. Stoss steht in einer Traube von Reportern, das Fernsehen ist da; live und in Farbe wird von einem Geschehen berichtet, das so richtig keiner übersieht und begreift.

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Als einer der Gangster, es ist Hans-Jürgen ­Rösner, aus dem Bus steigt und auf die Journalisten zugeht, wird es ganz verrückt. „Der hat uns nach der Polizei gefragt. ,Wir brauchen einen Ansprechpartner‘, hat er gesagt.“ Weil kein Beamter in der Nähe ist, übernimmt einer der Fotografen die Rolle, er will vermitteln, damit die Geiselgangster ihre Forderungen loswerden können.

„Lass es, habe ich zu ihm gesagt, das ist zu gefährlich. Er hat es dann aber doch gemacht, ein ganz ruhiger Typ eigentlich, kein Draufgänger.“ Aus diesem Kontakt heraus entsteht eine Dynamik. Rösner lädt zum Fotografieren in den Bus ein. Und Stoss, der gerade noch gewarnt hatte, geht mit. „Da war natürlich Druck“, sagt er, „zwei Kollegen machen es, und ich soll Nein sagen? In der Redaktion wäre das wahrscheinlich nicht gut angekommen. ,Werd‘ doch Bäcker‘, hätten sie gesagt.“ Also steigt er in den Bus, den anderen hinterher.

Fotos von Tätern und Opfern

„Es war furchtbar heiß da drin und still, niemand hat gesprochen“, beschreibt Stoss die ­Atmosphäre. Rösner, sein Komplize Dieter ­Degowski und Marion Löblich, die Geliebte von Rösner, halten Pistolen in den Händen. Löblich war auf der Flucht nach dem Banküberfall von den beiden Tätern aus ihrer Wohnung abgeholt worden. „Sie hat gezittert, so aufgeregt war die.“

Die Frau schreit ihn an: „Was willst Du hier?“ Rösner erklärt ihr, dass es okay ist, wenn der Fotograf seine Bilder macht. Trotzdem, sie bleibt hypernervös. „Was hast du da für einen Mist gebaut, habe ich mir im Nachhinein gesagt, was sollte das, warum?“, sagt Stoss. In den Minuten im Bus, es sind sieben oder acht, vielleicht auch weniger, so genau weiß er das nicht mehr, funktioniert der Profi, als wäre es ein Job wie jeder andere. Er fotografiert.

Die Bilder zeigen Täter und Opfer, darunter den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi, der später von Degowski mit einem Kopfschuss getötet wird, und die neunjährige Schwester des Italieners. Stoss und die anderen beiden Fotografen, jemand von der Deutschen Presseagentur und der Mann, der in die Vermittlerrolle geschlüpft ist, fragen nicht einmal um Erlaubnis.

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Sie fotografieren, wen sie vor die Linse bekommen. Ein Automatismus, vielleicht auch das, was man déformation professionnelle nennt. Stoss rätselt bis heute, was Rösner damit bezwecken wollte, Journalisten in den Bus zu holen. Als die Fahrgasttüren wieder aufgehen, ist er erleichtert, ihm ist nichts passiert. Der Fotograf springt ins Auto und fährt in die Redaktion, um die Bilder ins Labor zu bringen.

„Ich habe gemerkt, dass ich mit den Nerven ziemlich am Ende bin. Als ich nach Hause kam, hat sich meine Frau gewundert: Wie siehst Du denn aus?“ Er hat sich dann gleich hingelegt. Am Tag darauf wieder zur Arbeit, die nächsten Termine, das normale Geschäft. Ein Auftrag der Redaktion führt ihn zurück nach Huckelriede, wo Passanten zum Gedenken an die Opfer Blumen niederlegen. Er fotografiert, die Zeitung bekommt ihre Bilder, so wie an jedem Tag und bei jeder Gelegenheit.

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