Gipfeltreffen

Kim Jong Un setzt auf den Joker China

Bei dem bevorstehenden Treffen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump wird die chinesische Führung zwar nicht vertreten sein, doch Peking setzt alles daran, bei einer möglichen Neuordnung Ostasiens mitzureden.
09.06.2018, 21:22
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Kim Jong Un setzt auf den Joker China
Von Felix Lee
Kim Jong Un setzt auf den Joker China

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (links) bei seinem zweiten Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping im Mai dieses Jahres.

dpa

Soldaten mit Schlagstöcken patrouillieren in der Abfertigungshalle. Alle paar Meter stehen bewaffnete Polizeieinheiten. Wegen der verschärften Kontrollen bilden sich an den Eingängen lange Schlangen. Seit Wochen herrscht am Terminal 3 des Internationalen Flughafens von Peking immer wieder die höchste Sicherheitsstufe. Der Grund: Der Flughafen hat sich zum Drehkreuz entwickelt – für die Nordkorea-Diplomatie.

Vor knapp zwei Wochen war ein Verhandlungsteam des Weißen Hauses auf dem Weg nach Pjöngjang zur Zwischenlandung in Peking. Ein paar Tage später flog der nord-­koreanische Parteifunktionär und frühere Geheimdienstchef Kim Yong Chol in die USA, um dort US-Außenminister Mike Pompeo zu treffen – ebenfalls mit Zwischenstopp in Peking.

Dann die vielen Treffen zwischen chinesischen und nordkoreanischen und auch südkoreanischen Regierungsvertretern. An diesem Wochenende findet zudem in der von Peking aus nahe gelegenen Hafenstadt Qingdao das Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit statt, an dem unter anderem auch Russlands Staatspräsident Wladimir Putin teilnimmt. Auch auf diesem Treffen geht es nicht zuletzt um Nordkorea.

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Wenige Tage vor dem Gipfel am Dienstag zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un laufen die diplomatischen Maschinen auf Hochtouren. Trump fordert von Nordkorea die komplette Aufgabe aller Atomwaffen. Das Kim-Regime fordert eine Sicherheitsgarantie – und will Wirtschaftshilfe und die Aufgabe der Sanktionen erzielen.

Die chinesische Führung wird bei dem schon jetzt als historisch bezeichneten Treffen in Singapur zwar nicht vertreten sein. Doch Peking setzt alles daran, bei einer möglichen Annäherung Nordkoreas an die USA und einer sich daraus ergebenen Neuordnung in Ostasien dennoch mitzureden. Dafür sorgt nicht zuletzt auch Kim.

China und Nordkorea gelten zwar traditionell als enge Verbündete. Doch die nordkoreanischen Atom- und Raketentests der vergangenen Jahre hatten die Beziehungen zum großen Bruder schwer belastet. Seit der junge Kim vor fünf Jahren an die Macht gekommen war, hatte er dem chinesischen Nachbarn nicht einen Besuch abgestattet.

Mit konkreter Lösung ist nicht zu rechnen

Ein Zusammenbruch des nordkoreanischen Herrschaftssystems wollte China jedoch auch nicht riskieren. Denn das würde heißen, dass US-Truppen direkt an der chinesischen Grenze stehen. Für Peking war es also ein schwieriger Balanceakt. Schließlich stimmte Chinas Führung im UN-Sicherheitsrat für die von den USA eingebrachten Sanktionen.

Für das Regime in Pjöngjang war das ein besonders harter Schlag. 90 Prozent des nordkoreanischen Außenhandels liefen über China. Dann kam zu Beginn des Jahres Kims Charmeoffensive und seine erstmals geäußerte Bereitschaft, einer Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel grundsätzlich zuzustimmen. Die Definition darüber, was das konkret heißt, geht unter den Konfliktparteien jedoch weit auseinander.

Mit einer konkreten Lösung ist am Dienstag daher nicht zu rechnen. Aber dass sich überhaupt erstmals ein amtierender US-Präsident mit einem nordkoreanischen Machthaber trifft, gilt bereits als symbolträchtig. Allein diese Bilder dürften den Konflikt entschärfen. Nach offizieller Lesart begrüßt die chinesische Führung das Treffen.

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Der chinesische Außenamtssprecher Lu Kang spricht beispielsweise von einer „historischen Chance auf Frieden in der Region“. Beide Seiten sollten „sich auf halbem Wege treffen, sich mit Freundlichkeit und Aufrichtigkeit begegnen und günstige Bedingungen für das Treffen der Führer beider Länder schaffen“. Tatsächlich ist eine Denuklearisierung auf der koreanischen Halbinsel auch im Sinne Chinas.

Peking hatte noch bis Ende des vergangenen Jahres befürchtet, bei einer weiteren Verschärfung des Konfliktes könnten Südkorea und Chinas Erzfeind Japan Nordkoreas nukleare Aufrüstung zum Anlass nehmen, mithilfe der USA ihrerseits massiv aufzurüsten. Die 30 000 bereits in Südkorea stationierten US-Soldaten sind Peking ein Dorn im Auge. China will den US-Einfluss in der Region eindämmen.

Im Zuge von Kims Charmeoffensive gab es in Peking zwischenzeitlich jedoch die Befürchtung, China könnte bei der Annäherung außen vor gelassen werden. Im Sinne der Trump-Regierung wäre das. Ein wesentliches Ziel Washingtons mit der Sanktionspolitik gegen Nordkorea bestand schließlich darin, einen Keil zwischen Peking und Pjöngjang zu treiben.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit

Doch diesen Plan hat Kim inzwischen vereitelt. Seit März hat der nordkoreanische Machthaber dem großen Nachbarn gleich zwei Mal einen Besuch abgestattet. Mit Erfolg: Offiziell behauptet Peking zwar, die Sanktionen würden weiterhin gelten. De facto läuft der chinesisch-nordkoreanische Grenzhandel jedoch seit einigen Wochen wieder.

Die staatliche Fluggesellschaft Air China hat am vergangenen Mittwoch den regulären Flugbetrieb nach Pjöngjang wieder aufgenommen. Schon ist auch eine nordkoreanische Wirtschaftsdelegation zu Besuch in der südchinesischen Hightech-Stadt Shenzhen. Es gelte „vom großen Bruder“ zu lernen, heißt es. Beide Länder stehen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit in den Startlöchern. Kim kann also bereits konkrete Erfolge vorweisen.

Spätestens Kims zweites Treffen mit ­Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping im Mai war denn auch kein vorsichtiges Herantasten mehr. Washington bekam Pekings Einfluss auf Kim unmittelbar zu spüren. Nach Kims Stippvisite in der nordchinesischen ­Hafenstadt Dalian reagierte der zuletzt zu Zugeständnissen bereite Diktator wieder sehr viel gereizter, etwa auf Trumps Prahlerei.

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Der US-Präsident brüstete sich damit, den Konflikt zugunsten der USA gelöst zu haben. Kim drohte mit Absage. Prompt gab Trump dann Peking die Schuld dafür und sagte seinerseits den Gipfel ab. Keine 24 Stunden später relativierte Trump seine Aussage. Jetzt heißt es aus dem Weißen Haus: Kim habe um den Gipfel „gebettelt“.

Nun hat Trump Kim vorgeschlagen, es in Singapur keineswegs bei einem freundlichen Handschlag zu belassen, sondern ganz konkret ein Friedensabkommen miteinander abzuschließen. Der südkoreanische Präsident Moon Jae In könnte rasch eingeflogen werden. China soll nicht dabei sein. Die chinesische Führung reagiert darauf selbstbewusst.

Chinas Beteiligung sei unumgänglich

In einem Leitartikel der Staatszeitung „Global Times“ hieß es Mitte der Woche: Chinas Beteiligung sei unumgänglich. Jeder Deal zur formalen Beendigung des jahrzehntelangen Konflikts sei „sicherer“, wenn China dabei ist. Werde Peking nicht ausreichend eingebunden, sei jedes Abkommen zum Scheitern verurteilt. Auch Zhang Tuosheng, Direktor der China Stiftung für internationale strategische Studien, rät, China zu beteiligen.

Ein Ausschluss würde „den Deal weniger stabil machen“. Das klingt nach einer Drohung. Für Kim ist das eine weitere Karte, die er in Singapur sicherlich geschickt auszuspielen vermag. Und so wird es bei dem Gipfel am Dienstag zwischen Trump und Kim einen unsichtbaren Dritten geben. Sein Name ist Xi Jinping.

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