Kommentar zum Tönnies-Corona-Cluster Aus dem Lot

Die Gretchenfrage, die sich im Fall des Schlachtbetriebs Tönnies stellt: Wo beginnt und wo endet unternehmerische Verantwortung? Begrenzt wird sie nicht durch gesetzliche Vorgaben, meint Silke Hellwig.
22.06.2020, 08:18
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Aus dem Lot
Von Silke Hellwig

Im Internet beschreibt sich das Unternehmen so: „Eigentümer und Management verfolgen wirtschaftlichen Erfolg auf der Grundlage von Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt (...) Tönnies stellt sich den damit verbundenen Diskussionen mit Offenheit, Respekt und Fairness.“ Illustriert ist dieses Bekenntnis mit einem Mann, der einer Kuh freundlich das Maul tätschelt. So funktioniert Werbung in eigener Sache, nicht nur in diesem Betrieb. Doch wer solche Werte für sich in Anspruch nimmt, muss sich daran messen lassen.

Wie weit es mit der Verantwortung und Offenheit her ist, zeigen die aktuellen Ereignisse. Schutzstandards wurden nicht eingehalten, die Krisenkommunikation des Unternehmens war unzulänglich, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet machte eine schlechte Figur – ein PR-Desaster. Es machte schlimmer, was schon schlimm genug war.

Damit bestätigt der Fall Tönnies alle Vorurteile gegen die Branche. Es geht um Arbeitsmigration aus Südosteuropa, um Massentierhaltung und -schlachtung, um Raubtierkapitalismus, um Subunternehmertum. Tatsächlich geht es im Grunde um die Frage, wo unternehmerische Verantwortung beginnt und wo sie endet. Wird ihr Umfang durch Gesetze bestimmt – die der Märkte, die des Bürgerlichen Gesetzbuches, ungeschriebene – oder durch eigene moralische Ansprüche?

Einfacher wäre es, auch in dieser Frage die Welt in Schwarz und Weiß zu teilen. Aber so leicht macht sie es einem nicht. Wer sich jetzt (zu Recht) über die Zustände in Schlachtbetrieben ereifert, muss sich schon fragen lassen, wie er sich die billigen Fleischpreise zuvor erklärt hat. Das macht die Lage keinen Deut besser, gewiss nicht, aber es zeigt, dass viele Menschen bereit sind, nicht so genau hinzusehen, wenn es unbequem werden könnte. Die hohen Infektionszahlen haben dazu geführt, dass etwas beleuchtet wurde, was schon vor der Krise da und mindestens in Teilen bekannt war.

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Nicht nur in Schlachtbetrieben arbeiten Frauen und Männer aus Südosteuropa, meist zu besonderen Konditionen, meist nicht aus Menschenfreundlichkeit. Aber auch nicht aus Menschenfeindlichkeit – vor allem in der Lebensmittelbranche herrscht ein gnadenloser Preiskampf, der Großkunde ist Großkönig. Wo viele Kilogramm Lebensmittel pro Jahr im Müll landen, werden sie nicht ausreichend wertgeschätzt, ob es sich um Fleisch- oder Wurstwaren handelt oder nicht. Die Schlachtbetriebe sind Teil eines Systems, das schon lange aus dem Lot geraten ist.

Konzernchef Clemens Tönnies scheint zu dämmern, dass unternehmerische Verantwortung mehr ist als gesetzeskonformes Verhalten: „So werden wir nicht weitermachen (...) Wir werden diese Branche verändern. Das steht fest.“ Das sind große Worte. Ihnen werden nicht minder große Taten folgen müssen.

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