Jan Raudszus über Antworten auf einen veränderten Terrorismus Neue Schrecken

Das Vorgehen von Terroristen, inspiriert oder beauftragt von dschihadistischen Gruppen, hat sich verändert und weiterentwickelt. Es ist fraglich, wie gut die Sicherheitskräfte in Europa darauf eingestellt sind.
17.01.2015, 00:00
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Neue Schrecken
Von Jan Raudszus

Das Vorgehen von Terroristen, inspiriert oder beauftragt von dschihadistischen Gruppen, hat sich verändert und weiterentwickelt. Es ist fraglich, wie gut die Sicherheitskräfte in Europa darauf eingestellt sind.

Zwischen dem 27. und 29. November 2008 ermordeten in Pakistan ausgebildete Attentäter in der indischen Metropole Mumbai 174 Menschen, 239 wurden verletzt. Die Terroristen bewiesen, dass keine komplizierte Bombe notwendig ist, um sehr viele Menschen umzubringen. Sturmgewehre, Handgranaten und Feuer sind mindestens genauso effektiv. Es überrascht wenig, dass aus Sicht der Terroristen Mumbai für einen ausgesprochen erfolgreichen Anschlag steht. Es wurden nicht nur sehr viele Menschen getötet, darüber hinaus zog sich der Angriff auch über mehrere Tage hin, weil die indischen Sicherheitskräfte nicht in der Lage waren, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Es mangelt ihnen an Ausbildung und Ausrüstung.

Terrorismus will möglichst viel öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen, um eine Gesellschaft zu spalten oder eine Regierung zu etwas zu zwingen. Ein Angriff, der mehrere Tage andauert, hat aus Sicht der Terroristen den Vorteil, dass Medien und die Öffentlichkeit lange gefesselt sind: Es gibt ständig neue Bilder, neue Entwicklungen.

So verwundert es geradezu, dass es einen Angriff wie jenen in Paris nicht schon früher gegeben hat. Seit 2008 taucht das Symbol Mumbai immer wieder in den Angriffsplanungen von gewaltbereiten islamistischen Gruppen auf. Inspiration ist eine der wichtigsten Kräfte, wenn es um die Entwicklung terroristischer Taktiken geht, Anpassung die andere.

Angriffe auf Flugzeuge und öffentliche Transportmittel sind schwerer geworden, die Aufmerksamkeit von Sicherheitskräften und Öffentlichkeit ist höher als früher. Die Bestandteile von Bomben und Sprengstoff werden immer stärker kontrolliert. Waffen zu besorgen ist hingegen immer noch relativ leicht. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass verschiedene islamistische Gruppen in ihren Online-Publikationen dazu auffordern.

Zwar zählt die klassische Bombe immer noch zum terroristischen Repertoire, aber die Methoden sind vielfältiger geworden. Immer öfter greifen die Attentäter zu Messern oder Schusswaffen. Und die gewaltbereiten Islamisten konzentrieren sich zunehmend auf besondere Kategorien von Opfern: Bürger jüdischen Glaubens und Menschen, die den Islam kritisieren oder diffamieren.

Die gute Nachricht ist, dass der Schutz von spezifischen Gruppen einfacher ist. Die schlechte ist: Die Sicherheitsbehörden müssen sich auf neue Gefahren einstellen. Denn Mumbai hat noch eine weitere wichtige Innovation gebracht: Zum Profil der neuen Attentäter gehört es, in Bewegung zu bleiben, ständig neue Brennpunkte zu schaffen und ihre Verfolger zu verwirren. Das ist den Attentätern von Paris sehr lange gelungen. Unter Kontrolle brachten die Behörden die Lage erst, als sich die Angreifer an festen Orten aufhielten. Dafür sind die Sondereinheiten trainiert.

Bisher hatte Deutschland Glück. Aber sind unsere Sicherheitsdienste auf eine Situation wie in Paris vorbereitet? Schwer bewaffnete mobile Attentäter, die nicht auf eine Einheit des Sondereinsatzkommandos warten? In Paris wirkte die normale Polizei mit der Situation überfordert. Es ist kaum davon auszugehen, dass das in Deutschland anders wäre. Gerade im Anfangsstadium solcher Ereignisse sieht die Polizei schlecht aus. Die Lage ist unübersichtlich, Beamte treffen unkoordiniert, einzeln oder in kleinen Gruppen ein. Daran lässt sich grundsätzlich wenig ändern. Trotzdem kann Planung, Ausbildung und Ausrüstung die Zeit verkürzen, in der solche Situationen kontrolliert werden. Von entsprechenden Veränderungen müssen vor allem die normalen Schutzpolizisten profitieren, sie sind die ersten, die am Einsatzort eintreffen.

Schulmassaker wie in Erfurt und Winnenden haben dazu geführt, dass viele Polizisten – auch in Bremen – mit einer modernen Ausbildung darauf vorbereitet werden. Das sind Situationen, die zumindest verwandt sind mit einem Terroranschlag dieser neuen Form. Alle zwei Jahre soll eine Fortbildung erfolgen. Nur, Bremen ist verschuldet, es wird gespart und die Personaldecke bei der Polizei ist dünn. Als Resultat müssen die Beamten öfter Personallücken füllen. Für Spezialtraining ist dadurch weniger Zeit.

Die schmale Personalsituation stellt auch infrage, wie schnell genügend Beamte für eine entsprechende Lage zusammengezogen werden können. Und wie lange hält die Polizei einen Dauereinsatz, wie die Jagd nach flüchtigen Attentätern, durch? Niedersachsen könnte im Notfall helfen. Allerdings ist die Reaktionsgeschwindigkeit unklar, und eine solche Kooperation muss regelmäßig trainiert werden, sonst scheitert sie vielleicht schon an unbekannten Funkfrequenzen.

Ereignisse wie die Anschläge von Paris sensibilisieren. Manch ein Beamter wird morgen die schusssichere Weste anlegen, die er gestern noch auf der Wache oder im Kofferraum gelassen hat – die Weste wiegt schwer nach zehn Stunden Dienst. Seine Vorgesetzten müssen sich darüber klar werden, dass Szenarien wie die in Frankreich auch in Deutschland möglich sind. Die Festnahmen mit Toten in Belgien nur Tage nach den Attentaten von Paris unterstreichen dies. Gibt es entsprechende Pläne? Brauchen mehr Beamte Zugang zu Waffen, die mit einer Kalaschnikow in Reichweite und Durchschlagskraft konkurrieren können? Wenn ja, müssen sie entsprechendes Training erhalten. Es gibt auch Gründe, eine solche Entwicklung abzulehnen – aber sie sollten diskutiert werden.

Die Politik muss sich fragen, wo die Grenze für den Personalabbau bei der Polizei liegt. Der Job der Beamten wird nicht einfacher. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie in kritischen Situationen nicht allein auf der Straße stehen und regelmäßig trainieren konnten.

Die Zivilgesellschaft selbst ist viel stärker als in der Vergangenheit in den Fokus von Extremisten geraten. Um dem entgegenzutreten, brauchen wir eine starke und inklusive Gesellschaft. Aber wir brauchen auch Sicherheitskräfte, die in der Lage sind, diese Gesellschaft gegen Angreifer zu schützen.

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