Viele junge Männer flohen vor Armut und fanden Arbeit in den Niederlanden – als Grasmäher oder Torfstecher Wie norddeutsche Wanderarbeiter in die Welt zogen

Bremen. Im 18. und 19.Hoffnung auf Lohn und BrotEtwa ab 1650 bis um 1900 zogen als Lohnarbeiter jeweils in den Sommermonaten die Hollandgänger, mit der Sense auf der Schulter Richtung holländischer Grenze. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen.
25.03.2018, 00:00
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Bremen. Im 18. und 19. Jahrhundert heuerten junge Männer aus der norddeutschen Küstenregion auf Walfangschiffen an. Informationen über diesen Trend sind in Schriften und Bildern gut dokumentiert. Wenig dagegen weiß man über die Hollandgänger, die in weit größerer Zahl zur Arbeit ins westliche Nachbarland zogen. Wahrscheinlich fehlte diesen Wanderarbeitern der Reiz des Abenteuerlichen, der Walfang und Seefahrt umgab. Der Dreißigjährige Krieg hatte große Verwüstung und Armut hinterlassen. Zumal in ausgeplünderten ländlichen Regionen die Mittel zum Lebensunterhalt äußerst dürftig waren.

Hoffnung auf Lohn und Brot

Etwa ab 1650 bis um 1900 zogen als Lohnarbeiter jeweils in den Sommermonaten die Hollandgänger, mit der Sense auf der Schulter Richtung holländischer Grenze. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Heuerleute, verschuldete Kleinbauern, Häuslinge, Tagelöhner, nicht erbberechtigte Bauernsöhne zogen in Trupps gemeinsam nach Westen. Sie kamen aus Friesland, dem Emsland, der Oldenburger Gegend aber auch aus Syke, Hoya und Verden.

Man schätzt die Zahl der Wanderarbeiter auf dem Höhepunkt der Bewegung Mitte des 18. Jahrhunderts auf 27 000. Die Zahl verminderte sich allmählich im 19. Jahrhundert. Die Auswanderung nach Amerika bot eine weit bessere Alternative. Aber zunächst waren die Niederlande für die Hollandgänger eine Chance, drückender Armut zu entgehen. Die Situation in Holland versprach reichlich Arbeit. Die Küstenregion, in der 80 Prozent der Bürger wohnten, war durch Handel, Schifffahrt und Schiffbau sehr wohlhabend geworden. Das karge, dünn besiedelte Hinterland wurde vernachlässigt. Hier gab es ein reiches Betätigungsfeld für die Wanderarbeiter.

Um die Osterzeit zogen sie los. Zu der zunächst kleinen Gruppe aus den Regionen stießen bald andere Trupps. Die Katholiken unter den Arbeitern besuchten auf dem Hinweg eifrig die Kirchen ihrer Konfession. Im kalvinistischen Holland würden sie kaum ein Gotteshaus ihres Glaubens finden. Nur mit dem Nötigsten an Nahrung und Kleidung ausgerüstet sammelten sie sich in Lingen. Gemeinsam passierte der lange Zug die niederländische Grenze. Vor Ort übernahm ein Bas oder Meisterknecht die Organisation. Er war der Chef und besaß häufig schon einige Jahre Verbindung mit den Auftraggebern. Man plante im Voraus, wo die Leute zum Torfstechen, zum Ausheben von Entwässerungsgräben oder zur Grasmahd einzusetzen waren.

Keine Alternative

Die Torfstecher waren gegenüber den Grasmähern schlechter gestellt. Jene erhielten nur Brot, Butter und Speck, während die Grasmäher mit einer angemessenen Mittags- und Abendmahlzeit rechnen konnten. Feuerstellen und Schlafräume wurden ihnen vom jeweiligen Auftraggeber zugewiesen. Die Grasmäher blieben, bis aus der Mahd Heu getrocknet und dieses dann eingefahren wurde. In einer Saison konnte ein fleißiger Arbeiter in sechs Wochen 30 bis 40 Gulden, in einem Vierteljahr 80 bis 100 Gulden verdienen. Der Einsatz war straff organisiert. Der Bas war verpflichtet für Arbeit zu sorgen, währen die Männer seinen Anweisungen bedingungslos zu folgen hatten. Die deutschen Landesherren sahen die Abwanderung vieler Arbeitskräfte höchst ungern, konnten aber keine Alternative bieten.

Große Freude herrschte, wenn die Wanderarbeiter wieder zu ihren Familien zurückkehrten. Dann wurden die eigenen Äcker abgeerntet. Mit dem erworbenen Kapital konnten nützliche Anschaffungen getätigt werden. Mit der Zunahme der Auswanderung nach Amerika, vor allem aber dem Aufkommen der Industrie, dem Bau von Eisenbahnen und dem beachtlichen Bedarf an Arbeitern in den heimischen Fabriken ging die Hollandgängerei zurück. Schließlich waren es nur noch wenige hundert aus dem Emsland oder Ostfriesland, die den Weg ins Nachbarland zogen.

In den norddeutschen Gebieten hat der Hollandgang deutlich dazu beigetragen den Übergang von der Natural- in die Geldwirtschaft zu fördern. In einer zeitgenössischen Schrift heißt es: „Wie die Niederländer von jeher von deutschen Einflüssen berührt worden sind, so auf dem Gebiet der Wissenschaft und Kunst, so verdanken manche Zweige ihre wirtschaftliche Kultur und Blüte deutscher Arbeitskraft. Vor allem in den blühenden Fluren Süd- und Nordhollands sowie des Groninger Landes hat deutscher Fleiß aus dem öden Boden fruchtbares Land geschaffen“. Dass niederländische Kultur auch Norddeutschland nachhaltig bereichert hat, lässt vor allem das Bremer Beispiel deutlich erkennen.

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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