Bundestagswahl Wie Voteswiper, Wahl-O-Mat und Co. bei der Wahlentscheidung helfen

Wen wähle ich bei der Bundestagswahl? Wahlentscheidungshilfen wie der Wahl-O-Mat können dazu dienen, die passende Partei zur politischen Position zu finden. Eine Auswahl im Überblick.
02.09.2021, 13:07
Lesedauer: 5 Min
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Wie Voteswiper, Wahl-O-Mat und Co. bei der Wahlentscheidung helfen
Von Patricia Friedek
Inhaltsverzeichnis

Ein Großteil der etwa 60,4 Millionen Wahlberechtigten wird sich spätestens im September diese eine Frage stellen: Welche Partei soll ich wählen? 47 Parteien treten an, die Auswahl ist so vielfältig wie selten bei einer Bundestagswahl. Wahlentscheidungshilfen sollen dabei unterstützen, die passende Partei zur politischen Einstellung zu finden. Die bekannteste Anwendung ist der Wahl-O-Mat, doch die Vielfalt ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Hier eine Auswahl.

Wahlswiper

Der Wahlswiper des Vereins Voteswiper ist eine Entscheidungshilfe, deren Anwendung an die Dating-App Tinder erinnert: Mit einem Wisch nach rechts oder links auf dem Smartphone oder Tablet kann der Nutzer oder die Nutzerin eine Frage mit "Ja" oder "Nein" beantworten. In kleinen Erklärvideos werden Begriffe und politische Sachverhalte kurz zusammengefasst. Zusätzlich bietet der Wahlswiper die Möglichkeit, eine Aussage doppelt zu gewichten. 36 Fragen oder Thesen müssen die Nutzer beantworten, um ein Ergebnis zu bekommen. Am Ende spuckt der Wahlswiper dann das perfekte "Match", also die am besten passende Partei aus und ordnet die weiteren nach Zustimmungswert in Prozent untereinander. Der Wahlswiper kann sowohl als App heruntergeladen als auch über den Browser genutzt werden.

Wahl-Kompass

Der Wahl-Kompass fragt zu Beginn nach einer Datenspende zu Forschungszwecken. Dort kann der Nutzer oder die Nutzerin etwa das Geburtsjahr, Geschlecht oder den beruflichen Status angeben und beantworten, welche Partei er oder sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt hat. 30 Thesen stellt die Anwendung auf – die Besonderheit: Sie können in fünf Stufen beantwortet werden, auf einer Skala von "Stimme vollkommen zu" bis "Stimme überhaupt nicht zu." Anschließend fragt der Wahl-Kompass noch, wie wahrscheinlich es ist, dass man eine der aufgeführten Parteien wählt. Als Ergebnis erhalten Nutzerinnen und Nutzer dann tatsächlich einen Kompass, auf dem die Richtungen "Progressiv-Ökologisch", "Konservativ-Traditionell", "Eigene Verantwortung" und "Umverteilung" erscheinen. Die Parteien sind entsprechend ihrer Positionen auf dem Kompass verteilt und das eigene Ergebnis erscheint als roter Pfeil. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die Themen auszuwählen, die einem selbst wichtig sind. Der Wahlkompass wurde von einem Team der Uni Münster erstellt.

Dein Wal

Die Entscheidungshilfe Dein Wal spricht durch ihr Design und ihre Sprache vor allem ein jüngeres Publikum an. Nach Angaben der Entwicklerinnen und Entwickler soll es im September eine neue Auflage von "Dein Wal" geben. Der Unterschied zu anderen Entscheidungshilfen: Die Plattform nutzt nicht die Wahlprogramme der Parteien, sondern berücksichtigt, wie die Parteien tatsächlich in der Vergangenheit abgestimmt haben. Am Ende verrät der Anbieter, mit welchem Abstimmungsverhalten Nutzerinnen und Nutzer mit welcher Partei am ehesten übereinstimmen. Das Angebot war zumindest bei der Europawahl nicht umfassend: "Dein Wal" bildet nur Parteien ab, die bereits im Parlament sitzen und mitentscheiden. Politische Kompromisse werden nicht berücksichtigt, was Kritiker als Nachteil des Portals sehen. Dein Wal wurde 2017 von zwei Ingenieuren ins Leben gerufen. 

Wahl-O-Mat

Der Wahl-O-Mat geht in diesem Jahr laut der Bundeszentrale für politische Bildung am 2. September online, auch auf weser-kurier.de. Erstmals wurde er zur Bundestagswahl 2002 eingesetzt, 2017 wurde er bis zum Wahltag im September 15,7 Millionen Mal genutzt. Er gehört also zu den beliebtesten Wahlentscheidungshilfen. Auch hier gibt es mittlerweile die Möglichkeit, eine Auswahl an Parteien zu treffen, die verglichen werden sollen. Nutzerinnen und Nutzer können außerdem die Thesen der Parteien direkt miteinander vergleichen. 2019 klagte die Partei Volt gegen den Wahl-O-Mat, weil sie sich in der Entscheidungshilfe benachteiligt sah. Das Verwaltungsgericht Köln hatte das Angebot zur Europawahl deshalb kurzzeitig verboten. Am Ende gab es eine außergerichtliche Entscheidung: Bei künftigen Wahlen soll die Auswertungsseite des Wahl-O-Mat ohne eine Beschränkung auf maximal acht Parteien auskommen, also ähnlich wie bei den anderen digitalen Helfern.

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Klimawahlcheck

Der Klimawandel ist eines der Themen, die den Wahlkampf in diesem Jahr dominieren. Das Bündnis Klima-Allianz Deutschland, die Organisation German Zero und der Naturschutz­bund haben als Antwort darauf den Klimawahlcheck entwickelt – eine Entscheidungshilfe, die sich auf Themen rund um den Klimaschutz beschränkt. Gleich zu Beginn fragt das Tool, welche Themen einen besonders interessieren: Energie, Mobilität oder Landwirtschaft und Artenvielfalt zum Beispiel. Beim Klick auf eines der Felder werden fünf Fragen gestellt, auf die in fünf Stufen geantwortet werden kann. Die Auswertung zeigt dann, wie stark die Parteien den jeweiligen Aussagen zugestimmt haben. Am Ende gibt es noch eine Gesamtauswertung, in der die Ergebnisse zu den einzelnen Themenfeldern aufgelistet sind. Ein ähnliches Tool hat die Diakonie Deutschland erstellt: Beim Sozial-O-Mat werden Fragen zu Arbeit, Gesundheit, Familie und Kindern und Migration gestellt und die Ergebnisse miteinander verglichen.

Zur Sache

Wahlentscheidungshilfen erhöhen die Wahlbeteiligung

Die digitalen Helfer zu politischen Wahlen existieren seit knapp 20 Jahren und sind damit für Politik- und Sozialwissenschaftler ein junges Forschungsfeld. Holger Döring, der zwischenzeitlich am Forschungsinstitut Socium und als Vertretungsprofessor für Politikwissenschaften an der Uni Bremen arbeitete, entwickelte 2013 zusammen mit Studierenden selbst eine Entscheidungshilfe. Eine wesentliche Erkenntnis einer Studie sei, dass Wahlentscheidungshilfen die Wahlbeteiligung erhöhen, sagt Döring. Laut einer Studie lag die Beteiligung um 0,7 bis 4,4 Prozentpunkte höher, wenn digitale Helfer genutzt wurden. "Das ist vergleichsweise viel", meint Döring. Einige Nutzerinnen und Nutzer würden ihre Wahlentscheidung oder ihre politische Position nach dem Durchspielen einer solchen Anwendung überdenken. Allerdings sei zu beobachten, dass Wahlentscheidungshelfer vor allem von bereits Informierten genutzt würden, die ihr Wissen damit noch ausbauten.

Das Problem bei Wahlentscheidungshilfen sieht Döring vor allem in der Gewichtung der verschiedenen politischen Positionen: Da werde dann zum Beispiel die Relevanz des Renteneintrittsalters mit der des Baus einer Bundesautobahn gleichgestellt. Zudem fehlten Faktoren, die sonst bei der Wahlentscheidung eine Rolle spielten, etwa die Personenfrage oder das Vertrauen in politische Eliten.

Kritiker bemängeln, dass die meisten Wahlentscheidungshelfer komplexe Themen auf simple Ja- und Nein-Antworten reduzierten oder extreme Forderungen, zum Beispiel nach der Todesstrafe, immer wieder zum Thema machten – während sie aktuelle Debatten außer acht ließen. Döring rät auch, zu überprüfen, woher die Helfer eigentlich ihre Informationen beziehen.

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