Geistige Altersvorsorge Wer sein Gehirn herausfordert, kann Demenz effektiv vorbeugen

Ob mit Sudoku, Kreuzworträtseln oder dem Erlernen einer Fremdsprache: Die Möglichkeiten für Gedächtnistraining im Alter sind vielfältig. Und schaden kann die geistige Altersvorsorge nicht.
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Von Sebastian Krüger und Angelika Röpcke

Gedächtnistraining ist nach Ansicht von Prof. Wolf Dieter Oswald gerade deshalb nötig, „weil wir alle Alzheimer bekommen, wenn wir nur alt genug werden. Wer eine Demenz hat, kann sich nicht mehr selber versorgen“, warnte der ehemalige Leiter der Forschungsgruppe Prävention und Demenz an der Universität Erlangen-Nürnberg schon vor Jahren. Für ihn lautet das Motto aus diesem Dilemma: „Hilfe zur Selbsthilfe.“

Nachlassende Gehirnleistung macht sich oft an Kleinigkeiten bemerkbar. „Man kann sich Telefonnummern oder eine Einkaufsliste nicht mehr so gut merken oder weiß nicht mehr auf Anhieb, wo das Auto geparkt ist“, sagt Florian Schmiedek vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt. Spätestens dann sollten Betroffene aktiv etwas gegen die geistige Alterung tun. Ob Gedächtnistraining wirklich etwas bringt, ist zwar noch nicht abschließend geklärt, sagt Schmiedek. Verkehrt sei es aber auf keinen Fall.

Nach Ansicht des Psychologen kann jeder zu Hause etwas für sich tun. Zum Beispiel mithilfe von Wortlisten-Übungen: Dabei werden Strategien entwickelt, sich verschiedene Wörter gut zu merken – möglicherweise durch visuelle Vorstellung. „Visuelle lebhafte Vorstellungen können als Erinnerung besser im Gehirn verankert werden“, sagt Schmiedek.

Doch wer sich mehrere Wörter gut merken kann, muss nicht unbedingt auch in anderen Bereichen wie beim Speichern von Telefonnummern fit sein. „In der Regel beziehen sich die Effekte der geübten Aufgaben nur auf ähnliche Aufgaben“, warnt er vor allzu großem Optimismus. „Hoffnungen auf die allgemeine Verbesserung der Intelligenz sind überhöht.“

Oswald zufolge sind geistige Übungen nur dann sinnvoll, wenn sie mit Bewegungstraining kombiniert werden und nicht routiniert sind: „Die, die in ihrer Freizeit Aktivitäten für Körper und Kopf unternehmen, nicht in Routine, sondern immer in Abwechslung, kriegen später weniger Demenz.“ Der Professor empfiehlt unter anderem Farbwort-Übungen. Dabei werden nacheinander und möglichst zügig verschiedene Farben wie Rot und Blau auf einen Zettel geschrieben, allerdings jeweils in einer anderen Farbe. „Das Wort Blau wird in Rot geschrieben“, erklärt er. Diese vermeintlich leichte Aufgabe stelle enorme Anforderungen an das Gehirn. „Man muss schnell sein und mehr als zwei Dinge gleichzeitig tun.“

Übungen für den Alltag finden sich Oswald zufolge fast überall. „Auf der Autobahn sollte man mal die Schilder für die Raststätten anschauen und sich später fragen: Was stand da eigentlich drauf?“ Auch die Tageszeitung eigne sich für Gehirntraining: „Jeden Tag einen Zeitungsartikel nehmen und beispielsweise alle Buchstaben a und n schnell und hintereinander im Text anstreichen“, empfiehlt er.

Von Kreuzworträtseln als Gehirnfitness hält der Experte nichts: „Kreuzworträtsel sind glatte Routine. Wenn Sie das Zehnte gelesen haben, können sie das Elfte schon auswendig.“ Sudoku sei zwar anspruchsvoller, aber letztlich auch Routine. Das Geheimnis liege vielmehr im steten Fordern und „Quälen“ des Gehirns. „Immer das gleiche Klavierstück zu spielen, bringt gar nichts“, sagt Oswald. „Mit 80 Jahren das Klavierspielen anzufangen, bringt dagegen etwas.“ Daneben sollte aber auch Sport wie Gymnastik oder Gleichgewichtstraining nicht zu kurz kommen.

Gedächtniskurse lohnen sich nach Ansicht der Heidelberger Gerontologin Christina Ding-Greiner nur, wenn sich die Teilnehmer auch bewegen und gesund ernähren. Strammes Gehen sei beispielsweise sinnvoll. Pro Woche sollten zwei Eier, ein- bis zweimal Fisch und viel Obst und Gemüse auf dem Speiseplan stehen. Magermilchprodukte lieferten das nötige Eiweiß und Kalzium. Zusätzlich rät sie Älteren, soziale Kontakte zu suchen. „In der Volkshochschule eine Sprache lernen, aber auch Gedächtniskurse können sinnvoll sein“, sagt die Ärztin. „Das Schlimmste wäre, auf der Couch sitzend Chips in sich reinzustopfen.“

„Prävention ist nur bedingt möglich“, sagt Marion Langhorst von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. Aber: „Alles, was dem Herzen guttut, ist auch gut für den Kopf.“ Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und Aktivität sowie das Pflegen sozialer Kontakte seien wichtige Strategien. All das könne Erkrankungen jedoch nicht ganz verhindern. Gedächtnistraining und Rätsel würden auf Dauer nicht viel bringen, da schnell Routine einsetze. Herausforderungen seien notwendig, betont Langhorst. Man müsse seinen Geist mit Neuem konfrontieren und sich wagen, aus den gewohnten Denkbereichen herauszugehen.

Eine positive Lebenseinstellung sei ebenfalls ein wichtiger Ansatz zur Vorbeugung. Auf eine beginnende Demenz würden viele Betroffene mit depressiven Symptomen reagieren, was wiederum häufig zu einem sozialen Rückzug führe. „Die Grenzen zwischen Demenz und Depression können verschwimmen“, sagt Langhorst, „beides geht oft miteinander einher.“

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