Cannabis Was Kiffen im Körper macht

Cannabis ist in Europa mit großem Abstand die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Forscher haben inzwischen einige Erkenntnisse darüber gewonnen, was genau die Hanfpflanze im Körper bewirkt.
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Was Kiffen im Körper macht
Von Jürgen Wendler

Cannabis ist in Europa mit großem Abstand die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Forscher haben inzwischen einige Erkenntnisse darüber gewonnen, was genau die den Rausch verursachenden Bestandteile der Hanfpflanze im Körper bewirken.

Keine andere illegale Droge wird in Deutschland so häufig konsumiert wie Cannabis. Schon seit vielen Jahren werden immer wieder Stimmen laut, die die Legalisierung dieses Rauschmittels fordern. Zu denen, die sich öffentlich für die Freigabe stark machen, gehört unter anderem der Rechtswissenschaftler und Diplom-Psychologe Lorenz Böllinger, emeritierter Professor der Universität Bremen. Er sieht im Strafrecht kein geeignetes Mittel, um den Konsum zu beeinflussen. Gegner der Legalisierung weisen hingegen auf gesundheitliche Risiken hin, die mit dem Cannabiskonsum verbunden seien.

Zu den Wissenschaftlern, die bei der Erforschung der Wirkungsweise des Rauschmittels wichtige Beiträge geliefert haben, gehört der Neuropharmakologe Professor Michael Koch von der Universität Bremen. Nach seinen Angaben haben sich bereits im dritten vorchristlichen Jahrtausend chinesische Gelehrte mit der Frage beschäftigt, wie sich Stoffe aus der Hanfpflanze (Cannabis sativa) auf die Psyche auswirken.

THC dockt an Rezeptoren an

Es dauerte jedoch bis in die 1960er-Jahre, ehe Wissenschaftler herausfanden, was genau für die Rauschwirkung verantwortlich ist: ein Stoff namens Tetrahydrocannabinol (THC), der in verschiedenen Teilen der Pflanze in unterschiedlichen Mengen vorhanden ist. Besonders hoch ist der Anteil dieses Stoffes in weiblichen Pflanzen – und hier insbesondere in Blütenständen. Aus dem harzartigen Sekret solcher Pflanzen wird Haschisch hergestellt, aus Blüten und Blättern Marihuana.

Seine Wirkung kann das Tetrahydrocannabinol, das auch als Cannabinoid bezeichnet wird, im menschlichen Organismus nur deshalb entfalten, weil es dort Strukturen gibt, an die es andocken kann, sogenannte Rezeptoren. Wie Koch erklärt, sind solche Rezeptoren in den 1990er-Jahren entdeckt worden. Einer wird CB1 genannt, ein anderer CB2. Der zuletzt genannte ist unter anderem in Immunzellen und Hoden zu finden, der Rezeptor CB1 hingegen in Nervenzellen im Gehirn. Der Fachausdruck für diese Zellen lautet Neurone.

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Körpereigene Cannabinoide

Wie Koch erklärt, befinden sich die als CB1 bezeichneten Rezeptoren in Synapsen, genauer: in sogenannten Präsynapsen, also Zellteilen, über die Signale an andere Zellen weitergegeben werden. DieTeile in den Zellen, die die Signale empfangen, werden Postsynapsen genannt. Dort können körpereigene Cannabinoide gebildet werden, die zu den Rezeptoren in Präsynapsen wandern und dort die Weitergabe von Signalen beeinflussen können. Sie können verhindern, dass Transmitter freigesetzt werden. Mit anderen Worten: Cannabinoide können nicht nur von außen in den Körper gelangen, sondern von diesem auch selbst hergestellt werden. Was sie im Einzelfall bewirken, hängt von der Nervenzelle beziehungsweise der Art des Transmitters ab, sprich: Unterschiedliche Wirkungen sind möglich. So kann zum Beispiel Erregung gedrosselt werden. Andererseits ist es möglich, dass Hemmungen abgebaut werden. Cannabinoide können Verhaltensweisen und geistige Leistungen folglich in vielerlei Hinsicht beeinflussen.

Ärzte setzen künstlich hergestelltes Tetrahydrocannabinol, das als Dronabinol bezeichnet wird, ein, um Patienten mit unterschiedlichen Beschwerden zu helfen. Laut Koch kann das Mittel Übelkeit verhindern, Schmerzen lindern und den Appetit fördern. Deshalb werde es zum Beispiel gern Menschen verabreicht, die unter den Nebenwirkungen einer Chemotherapie litten. Bei Multipler Sklerose könne das Mittel helfen, die Zahl der Krankheitsschübe zu verringern.

Der Bremer Professor hat seit der Jahrtausendwende gemeinsam mit unterschiedlichen Mitarbeitern mehrere Studien veröffentlicht, die mögliche Risiken des Cannabiskonsums verdeutlichen. Bei den Ergebnissen, die bei Versuchen mit Ratten gewonnen wurden, ist nach seinen Worten davon auszugehen, dass sie sich auf den Menschen übertragen lassen. Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Miriam Schneider untersuchte er den Einfluss des synthetischen Cannabinoids WIN 55,212-2, das heißt einer künstlich hergestellten Cannabissubstanz, auf heranwachsende und erwachsene Ratten.

Im Tierexperiment zeigte sich, dass sich ein regelmäßiger Konsum der Droge in vielerlei Hinsicht negativ auswirkte. Die Aufmerksamkeit ließ nach, das Kurzzeitgedächtnis litt, und die Tiere wirkten unmotivierter. Dies alles galt allerdings nur für pubertäre Ratten, nicht für ausgewachsene. Bei Letzteren waren keine negativen Auswirkungen zu erkennen. Die Aufmerksamkeitsstörungen blieben nach Beendigung der Cannabinoidbehandlung noch etwa drei Monate bestehen.

Schlechteres Gedächtnis

Bei weiteren Untersuchungen stellten Koch und seine Mitarbeiter fest, dass auch erwachsene Ratten, die während ihrer Jugend einem Cannabinoid ausgesetzt waren, ein schlechteres Arbeitsgedächtnis und ein geringeres Maß an Aufmerksamkeit aufwiesen. Außerdem ließen sich Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns nachweisen. Im Belohnungssystem war bei den erwachsenen Tieren eine erhöhte Aktivität zu beobachten. Die Bremer Wissenschaftler werteten dieses Phänomen als Hinweis auf eine gesteigerte Anfälligkeit für Rauschdrogen. Bei Menschen steige die Wahrscheinlichkeit, dass sie harte Drogen nutzten, wenn sie während der Pubertät Erfahrungen mit Cannabis gesammelt hätten, sagt Koch.

Die Pubertät sei offensichtlich eine Entwicklungsphase, in der das Gehirn besonders empfindlich auf den Einfluss solcher Rauschmittel reagiere. Eine von anderen Forschern durchgeführte, 2012 veröffentlichte Studie hat nach den Angaben des Bremer Neuropharmakologen die Vermutung bestätigt, dass es auch bei Menschen Folgen für die Motivation, die Aufmerksamkeit und das Kurzzeitgedächtnis hat, wenn sie während der Pubertät Cannabis konsumieren. Klar sei zudem, dass ein früher Cannabisgebrauch das Risiko erhöhe, an Schizophrenie zu erkranken.

Wie Koch erläutert, wirkt beim Cannabiskonsum die Droge im gesamten Gehirn. Deshalb lasse sich kaum vorhersagen, welche Folgen der Konsum im Einzelfall habe. In den vergangenen Jahrzehnten seien Pflanzen mit einem besonders hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol gezüchtet worden. Für die Wirkung der Droge sei aber nicht nur die Menge an Tetrahydrocannabinol wichtig, sondern auch das Cannabidiol, das ebenfalls in der Hanfpflanze enthalten sei. Dieser Stoff wirke sich zwar nicht selbst auf die Psyche aus, verzögere aber den Abbau von Tetrahydrocannabinol in der Leber.

Vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse erscheint es Koch als selbstverständlich, dass Cannabis keinesfalls von Jugendlichen konsumiert werden sollte. Auch bei Schwangeren berge es große Gefahren, weil es die Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn des ungeborenen Kindes beeinflusse. Für ein wesentliches Argument des Rechtswissenschaftlers Böllinger habe er aber durchaus Verständnis, sagt Koch. Der Staat dürfe dem Einzelnen nicht vorschreiben, wie er mit seiner Gesundheit umzugehen habe. Angesichts der wissenschaftlichen Befunde erscheine es ihm dennoch falsch, den Cannabiskonsum unkontrolliert freizugeben. Kontrolle sei in jedem Fall unverzichtbar.

Drogenkonsum in Zahlen

Unter den illegalen Drogen ist Cannabis europaweit mit großem Abstand die am häufigsten konsumierte. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht weist in ihrem Bericht für das Jahr 2015 darauf hin, dass 23,3 Prozent aller Europäer im Alter von 15 bis 64 Jahren Cannabis zumindest einmal ausprobiert hätten. Ein Prozent konsumiere Cannabis täglich oder nahezu täglich. Bei den Zahlen handelt es sich um Schätzungen auf der Grundlage von Befragungen. Zum Vergleich: Der Anteil der 15- bis 64-Jährigen, die Kokain ausprobiert haben, liegt nach Darstellung der Beobachtungsstelle bei 4,6 Prozent. Bei Ecstasy seien es 3,6 Prozent und bei Amphetaminen 3,5 Prozent.

Die Zahl für Deutschland weicht bei den Cannabiskonsumenten nur unwesentlich von der für Europa ab. Der Drogenbericht nennt für Deutschland einen Anteil von 23,1 Prozent. Während der Cannabiskonsum in Ländern wie Deutschland, Spanien und Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren etwa auf dem gleichen Niveau geblieben oder sogar zurückgegangen ist, verzeichnen Fachleute für Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen sowie Frankreich und Bulgarien eine Steigerung. Von den 19,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren, die während der zwölf Monate vor der Befragung Cannabis konsumiert hätten, seien 14,6 Millionen im Alter zwischen 15 und 34 Jahren gewesen, erklärt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.

Von den Patienten, die sich erstmals wegen Drogenproblemen in eine Therapie begäben, nenne die größte Gruppe Cannabis als ihr Hauptproblem. Die Gesamtzahl der Menschen, die sich in Europa erstmals wegen Cannabisproblemen in Behandlung begeben hätten, sei von 45.000 im Jahr 2006 auf 61 000 im Jahr 2013 gestiegen.

Wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, erklärt, ist in Deutschland Cannabiskonsum bei den unter 25-Jährigen mittlerweile der Hauptgrund für ambulante und stationäre Behandlungen sowie die Inanspruchnahme von Einrichtungen der Suchthilfe bei Drogenproblemen. Etwa zehn Prozent der regelmäßigen Cannabiskonsumenten entwickelten eine Abhängigkeit. Bei denen, die in jungen Jahren Cannabis konsumierten, steige das Risiko, abhängig zu werden, um das Sechsfache an.

Nach Darstellung der Drogenbeauftragten hat die Offenheit gegenüber dem Konsum von Cannabis in Deutschland zugenommen. Vor diesem Hintergrund verweist sie auf die gesundheitlichen Risiken, die vor allem für junge Menschen mit einem intensiven Cannabiskonsum verbunden sind. Zu den Problemen, die auftreten könnten, gehörten unter anderem Angststörungen.

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