Ärger über Belegpflicht Achimer Verkäufer reagieren genervt auf die Bonpflicht

Kiosk-Betreiber, Bäckereien und andere Einzelhändler müssen seit diesem Jahr bei jedem Kauf einen Kassenbon aushändigen. Die neue Vorschrift sorgt für Unmut.
02.01.2020, 22:02
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Struß und Marie Lührs

Zu jedem Kauf gehört von nun an auch ein Kassenbon. Seit dem 1. Januar gilt für Einzelhändler in Deutschland die Bonpflicht, Kunden müssen den Beleg allerdings nicht mitnehmen. Insbesondere Mitarbeiter von Bäckereien und Kiosken, bei denen kleine Geldbeträge über die Ladentheke gehen, müssen sich daran gewöhnen. Die neue Pflicht soll die Steuerhinterziehung bekämpfen, weil Luftbuchungen oder andere Tricks nun kaum noch möglich sind. Diese neue Regelung trifft allerdings auf viel Unmut.

Einer der sich über die neue Pflicht ärgert, ist Horst Rotermundt. Er ist Herr über sechs Bäckereifilialen und hat am zweiten Januar bis mittags bereits in seiner Filiale in Holtum (Geest) beobachtet, wie sich die Kassenbons angesammelt haben. „Ab heute drucken wir alle aus und bieten sie den Kunden an“, erklärt er. Doch viele Kunden seien gar nicht daran interessiert, den Bon mitzunehmen. „Der durchschnittliche Einkauf liegt hier bei 3 bis 4,50 Euro“, sagt Rotermundt.

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Bei höheren Beträgen oder Artikeln, bei denen ein Umtausch möglich ist, könne er den Sinn eines Kassenbons durchaus verstehen, aber beim Brötchenkauf fehle ihm das Verständnis. „Es ist relativ teuer“, nennt er einen Kritikpunkt. Außerdem schade die neue Vorschrift der Umwelt. Denn es werde nicht nur Papier „verschwendet“, sondern auch Sondermüll produziert. Die Abrechnung werde überwiegend auf Thermopapier gedruckt und das gehöre in den Restmüll, erklärt Rotermundt. Der Ausdruck sei zudem überflüssig, denn die modernen Kassen speichern ohnehin jeden Schritt detailliert ab.

Für den Bäcker bringt die Gesetzesänderung noch ein weiteres Problem mit: Er muss neue Kassen anschaffen. Denn die aktuellen, die gerade einmal sieben oder acht Jahre alt sind, können nicht den neuen Vorschriften entsprechend nachgerüstet werden. Zwei Jahre hat er nun Zeit, ein neues System anzuschaffen. „Pro Geschäft sind das dann bis zu 9000 Euro“, zeigt er die Investitionskosten auf. Geld, das er nicht auf der hohen Kante habe und nun ansparen müsse. Auch hier macht sich wieder der Umweltaspekt bemerkbar: Einwandfrei funktionierende Kassen müssen auf absehbare Zeit verschrottet werden.

Im Papierhaus Bengen in Achim stellte der Chef die Kasse bereits einige Tage vor dem Jahreswechsel um. Bisher war hier ein Tastendruck nötig, um für den Kunden einen Bon zu drucken. Nun passiert dies bei jedem Kassieren automatisch. Neben Füllern und Kugelschreibern verkauft das Schreibwarengeschäft auch Zeitungen und Zeitschriften. Auch wenn diese kaum mehr als einen Euro kosten, gilt die Bonpflicht auch hier. „Für eine Bild-Zeitung ist der Bon absolut sinnfrei“, meint Matina Schönian, die in dem Geschäft arbeitet. Viele Kunden hätten mit Unverständnis reagiert, als ihnen der Beleg gegeben wurde. „Zu 99 Prozent landete der Bon direkt im Müll“, denkt Schönian.

Das neue Jahr hat aber nur in einem Teil des Geschäftes verändert. Denn das Papierhaus Bengen fungiert auch als Annahmestelle der Deutschen Post. Hier erhalten die Kunden schon seit einigen Jahren immer einen Beleg. „Im Weihnachtsgeschäft sind da Berge an Zetteln entstanden“, berichtet Schönian. Dieses Szenario könnte sich nun auch am zweiten Tresen des Geschäftes abspielen. Die Verkäuferin ist aber nicht nur genervt. Sie findet es gut, dass der Staat etwas gegen Steuerhinterziehung unternimmt. „Das ist eine gute Sache. Aber wer betrügen will, wird auch weiterhin einen Weg finden.“

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Auch Sonja Becker versucht weitestgehend vergeblich, ihre Kassenausdrucke im Verdener Kiosk Tabak Bartels an den Mann und die Frau zu bringen. „Ich bin heute extra früher gekommen“, erzählt sie. So wollte sie sichergehen, dass beim ersten Kunden alles funktioniert. Ihre Kasse ist bereits auf dem neusten Stand. Nach einem System-Update speichert die Kasse quasi jeden Handgriff ab – auch wenn der im Anschluss wieder rückgängig gemacht wird.

In den vergangenen Jahren hat ein jeder bei ihr einen Bon bekommen, der danach gefragt hat. Zeitungskäufern hat sie gerne einen Ausdruck angeboten, für den Fall, dass sie noch anderswo einkaufen gehen. Am Donnerstag bekam jeder mit seinem Wechselgeld das Stück Papier ausgehändigt. Die Reaktion der meisten Kunden: „Den können sie behalten!“ Am liebsten würde sie die zurückgelassenen Bons aufheben. „Ich würde sie gerne sammeln und nach Berlin in den Bundestag bringen“, erzählt sie.

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