Aktion in Nordbremen Apotheken stellen sich gegen den Online-Versand

Bundesweit sammeln Apotheken gegenwärtige Unterschriften gegen den Online-Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel. Initiiert hat die Aktion ein 19-jähriger Pharmaziestudent, der auch online Unterstützung erhält.
09.08.2019, 08:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Molkewehrum

Online-Apotheken haben sich zu einer ernsthaften Konkurrenz für Apotheken vor Ort entwickelt. Auch in Bremen-Nord. Allein in den zurückliegenden zehn Jahren haben hier fünf Apotheken geschlossen: Dem stand lediglich eine Neueröffnung in Lesum im Jahr 2015 gegenüber. Aktuell gibt es in Bremen-Nord somit noch 24 inhabergeführte Apotheken. Dies entspricht einem Rückgang von 17 Prozent binnen zehn Jahren, der auch stadtweit zu verzeichnen ist.

Eine Ursache für das Apothekensterben sind sie Online-Versandhändler. Unter der Überschrift „Alle 38 Stunden schließt eine Apotheke in Deutschland“ kämpft der Pharmaziestudent Benedikt Bühler gegenwärtig für den Erhalt der traditionellen Apotheken. Er will vor allem unterbinden, dass verschreibungspflichtige Arzneimittel bei ausländischen Versand-Apotheken bestellt werden können.

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Die Forderung im Wortlaut: „Der Deutsche Bundestag möge beschließen, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu verbieten, um das Bestehen der Apotheke vor Ort in Zukunft zu gewährleisten. Nur durch eine Präsenzapotheke kann die flächendeckende vollumfassende Patientenversorgung mit Nacht- und Notdiensten, der Herstellung von individuellen Rezepturen und vielem mehr gesichert werden. Außerdem sind circa 160.000 familienfreundliche Arbeitsplätze, vor allem im ländlichen Raum, langfristig gefährdet.“

50.000 Unterschriften benötigt

Bundesweit liegen seit dem 17. Juli in Apotheken Unterschriftenlisten aus. Wer dort unterzeichnet, unterstützt die Petition des 19-jährigen Pharmaziestudenten, der aktuell an der Budapester Semmelweis Universität studiert. Außerdem haben Gegner der aktuellen Gesetzgebung noch bis zum 13. August um 23.59 Uhr unter epetitionen.bundestag.de (ID94089) die Möglichkeit, den Antrag online zu unterstützen. Kommen binnen 30 Tagen 50.000 Unterschriften zusammen, wird die Forderung im Petitionsausschuss des Bundestages zur Diskussion gestellt.

Gegen den Online-Handel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln argumentiert auch Jan Weisenburger, Inhaber der Bermpohl-Apotheke in Vegesack. Je weniger Apotheken es vor Ort gebe, desto schwieriger werde es, die Notdienste aufrecht zu erhalten. „Aber nachts um zwei Uhr können die Online-Apotheken nicht mehr helfen“, sagt der 41-jährige Pharmazeut.

„Etwa 400 bis 500 meiner Kunden schon haben unterschrieben“, freut sich Weisenburger. „Darunter waren auch junge Leute. Es gibt schon Leute, die das Internet auch kritisch beurteilen. Nach dem Motto: Es kann nicht alles online vonstatten gehen. Schließlich gehe es dabei auch um Zehntausende Arbeitsplätze.

Es sei natürlich nicht zu verhindern, dass fast 50 Prozent der Deutschen frei verkäufliche Medikamente inzwischen auch Online bestelle. „Das lehne ich auch nicht kategorisch ab. Kritisch sehe ich das aber bei verschreibungspflichtigen Arzneien. Hier ist eine persönliche Beratung notwendig. Weisenburger: „Eine 0800-Nummer mit einem x-beliebigen Gesprächspartner reicht da nicht aus. Wir reden hier ja nicht von Gummibärchen.“

Die Pharmazeutin Jutta Bannert, spricht für insgesamt fünf Nordbremer Apotheken. Sie bedauert, dass bis dato nur wenige Kunden die Forderung zum Verbot des Online-Vertriebs rezeptpflichtiger Medikamente unterzeichnet hätten. „Dafür, dass wir viele Kunden haben, ist das nicht viel. Die Kunden wissen gar nicht, wie gut sie hier in Bremen-Nord versorgt sind.“ Mit ihren Unterschriften sollten die Kunden die Apotheken vor Ort stärken, hofft die Pharmazeutin.

Neben Einbußen auch ein Preiskampf

Abgesehen von den Einbußen durch den Online-Versand verschreibungspflichtiger Arzneien fürchtet Jutta Bannert aber auch einen Preiskampf. „Bisher haben die Medikamente noch einheitliche Preise, aber wenn die Preisbindung kippt, werden viele kleine Apotheken keine Chance mehr haben. Die werden dann von den Online-Händlern überrannt“, prophezeit Bannert.

Schon jetzt sei ungerecht, „was die ausländischen Versender für Möglichkeiten haben“. In Holland, wo die meisten Online-Apotheken ihren Sitz haben, gebe es ganz andere Spielregeln, sagt die Nordbremerin. „Die verteilen Gutscheine und machen Werbung. Wir dürfen den Kunden nicht mal mehr Proben mitgeben. Ich frage mich, warum unsere Regierung nicht auf gleiche Spielregeln achtet.“

Katastrophal sei auch, dass chronisch Kranke in letzter Zeit von Krankenkassen und Vereinen Post erhalten hätten, in der sie aufgefordert worden seien, ihre Medizin künftig online zu bestellen. „Dabei brauchen die Apotheken vor Ort die chronisch Kranken, um zu überleben.“ Allein mit den akut Erkrankten sei das nicht möglich.

Weil sie bei Online-Bestellungen statt der vertrauten Medikamente nun importierte Arzneimittel erhalten, seien viele Patienten nun verunsichert. „Die kommen dann aber in die Apotheken und lassen sich dort das neue Inhalationsgerät oder den Insulin-Pen erklären.“

Ihre Kollegin Christine Haschke ergänzt: Die Versorgung über das Internet dauert ein paar Tage, in der Apotheke kommt die Ware noch am selben Tag an. Das können wir gewährleisten.“ Außerdem sei die Beratung über mögliche Wechselwirkungen von Arzneien vonnöten. „Wir fragen nach und erklären alles.“ Bei Bedarf stellen wir außerdem individuelle Salben, Zäpfchen oder Kapseln her“, sagt Haschke und ergänzt: „Außerdem sind wir Apotheken vor Ort im Notfall die ganze Nacht da.“

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