Digitalisierung der Arzneimittelbranche Das Medikament per Klick

Immer mehr Medikamente werden online bestellt. Die meisten dieser Arzneimittel sind rezeptfrei erhältlich. Bald schon könnten jedoch deutlich mehr Bestellungen auf Rezept im elektronischen Warenkorb landen.
01.05.2019, 21:23
Lesedauer: 4 Min
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Das Medikament per Klick
Von Olga Gala

Nasenspray, Schmerztabletten und das Hustenmittel sind nur einen Klick entfernt – immer mehr Deutsche bestellen ihre Medikamente online. Meistens kaufen sie rezeptfreie Arzneimittel, laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) wird nur etwa ein Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente in Deutschland in Versandapotheken bestellt.

Das könnte sich bald ändern. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat Ende vergangenen Jahres das sogenannte E-Rezept auf den Weg gebracht – bis 2020 sollen Ärzte ein papierloses Rezept ausstellen können. Das digitale Rezept soll fälschungssicherer sein und auch nach einer Videosprechstunde vom Arzt verschrieben werden können. Davon sollen vor allem Menschen in ländlichen Regionen profitieren.

Wie genau das E-Rezept umgesetzt wird, steht allerdings noch nicht fest. Die Details sollen Krankenkassen, Ärzte und Apotheker selber aushandeln. Dazu laufen zum Beispiel bei der AOK verschiedene Projekte. In Mecklenburg-Vorpommern startet das Pilotprojekt Digitales Gesundheitsnetzwerk (Digen).

Dort sollen Gesundheitsdaten zwischen Medizinern, Krankenhaus, Patient und Apotheker ausgetauscht werden können. „Es ist eine Chance, um Medienbrüche zu vermeiden“, sagt Jörn Hons von der AOK Bremen/Bremerhaven. Aktuell stellt der Arzt nämlich ein Rezept auf Papier aus, der Patient geht damit zur Apotheke oder schickt es an die Versandapotheke. Das Rezept wird in das System eingelesen, und die Scans gehen schließlich an die Krankenkasse, wo sie weiter digital verarbeitet werden.

Das System muss für alle verständlich und benutzbar sein

Das geht einfacher. „Die Vernetzung muss klappen, ohne dass ein Patient sich entblößen muss“, sagt Hons. Auch bei einer digitalen Lösung müsse das System für alle verständlich und benutzbar sein.

Mit dem „Geschützten E-Rezept Dienst der Apotheken“ (Gerda) wird zurzeit in Baden-Württemberg eine mögliche Umsetzung des E-Rezepts erarbeitet. Bei dem Projekt sind neben der Landesapothekerkammer und dem Landesapothekerverband Baden-Württemberg unter anderem auch die Krankenkassen involviert. „Wir wollen es ganz bewusst neutral anbieten“, sagt Günther Hanke, Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.

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Im Frühsommer dieses Jahres beginnt bereits die flächendeckende Testphase in dem Bundesland. Ärzte sollen ein verschlüsseltes Rezept auf einem externen Server ablegen können. Der Patient entscheidet dann, in welcher Apotheke er es einlösen möchte. Der Patient müsse Herr über seine Daten sein, sagt Hanke. Die Identifikation könne über die elektronische Gesundheitskarte oder den Personalausweis laufen. Möglich sei auch die Umsetzung mit einer App, sagt Hanke. Der Vorteil: Der Patient könne sich in der App das Rezept anschauen und gegebenenfalls Rücksprache mit der Apotheke halten. Auch online soll es möglich sein, das Rezept einzulösen.

Versandapotheken setzen große Hoffnungen in die Einführung des E-Rezepts. Bislang müssen Patienten nämlich ihr Papierrezept einschicken – das kostet Zeit. Mit der digitalen Version lasse sich „die Patientensicherheit verbessern, die Bürokratie minimieren und die Versorgung zeitgemäß gestalten“, heißt es von der Zur-Rose-Gruppe, Mutterkonzern der Versandapotheke Doc Morris – einer der Marktführer in Deutschland. Die Schweizer Firma hofft, so ihren Marktanteil bei rezeptpflichtigen Medikamenten zu erhöhen. In Schweden und der Schweiz, wo es bereits ein digitales Rezept gebe, liege der Marktanteil des Versandhandels in diesem Bereich bei zehn Prozent, Tendenz steigend.

Das Onlinegeschäft mit Medikanenten nimmt zu

Das Onlinegeschäft mit Medikamenten nimmt auch in Deutschland zu. Die Schweizer konnten 2018 ihren Umsatz mit rezeptfreien Arzneimitteln um mehr als 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern, bei verschreibungspflichtigen Medikamenten war es immerhin ein Plus von fünf Prozent.

Etwa 3000 Apotheken in Deutschland dürfen Medikamente per Versand verkaufen, einen aktiven Versandhandel mit Webshop betreiben jedoch nur etwa 150 von ihnen. Die Großen der Branche wie etwa Doc Morris kommen sowieso meist aus dem Ausland. Im Gegensatz zu den deutschen Apotheken, für die Preise rezeptpflichtiger Medikamente und die Honorare der Apotheker geregelt sind, darf die Konkurrenz aus dem Ausland Rabatte gewähren. Seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von Oktober 2016 sind ausländische Versandhändler nämlich nicht mehr an die deutsche Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel gebunden.

Die schwarz-rote Regierung wollte laut ­Koalitionsvertrag den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten verbieten. Doch das Verbot ist gekippt. Gesundheitsminister Spahn will stattdessen gegen die Rabatte der Versandhändler vorgehen und die Apotheken vor Ort stärken, indem etwa Nacht- und Notdienste besser bezahlt werden sollen.

Art der Apotheke hängt von persönlichen Bedürfnissen ab

Ob nun mit E-Rezept oder klassisch auf Papier – welche Apotheke die richtige ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Das hänge sehr von den persönlichen Bedürfnissen ab, sagt Gerrit Cegielka von der Verbraucherzentrale Bremen: „Wer viel Beratung braucht oder sofort ein Medikament benötigt, ist in der Apotheke vor Ort besser aufgehoben.“ Anders sei die Lage, wenn jemand chronisch krank sei und der Bedarf geplant werden könne. Dank der niedrigeren Preisen in den Versandapotheken lasse sich Geld sparen.

Vorsicht geboten ist jedoch bei sehr günstigen Angeboten, vor allem von ausländischen Anbietern, die nicht in der EU sitzen. Bei zweifelhaften Anbietern sei nicht nur die Gefahr groß, ein gefälschtes Mittel zu erhalten. Auch die persönlichen und sensiblen Gesundheitsdaten können missbraucht werden. „Ein unseriöser Anbieter wird sie nutzen“, sagt Cegielka. Daher rät der Verbraucherschützer, sich das Impressum genau anzuschauen. Laut Gesundheitsministerium dürfen etwa nur Apotheken aus Island, den Niederlanden, Schweden, Tschechien und dem Vereinigten Königreich Arzneimittel nach Deutschland versenden.

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