Der Weg des Nordbremer Grünabfalls Auf der Suche nach der verlorenen Harke

Unsere Autorin hat ein lieb gewonnenes Gartengerät aus Versehen in den Grünabfall geworfen. Und sie verfolgt das gute Stück aus Opas Zeiten bis auf die Blocklanddeponie.
23.09.2018, 17:58
Lesedauer: 5 Min
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Auf der Suche nach der verlorenen Harke
Von Edith Labuhn

Bremen-Nord. Irgendwann musste es ja passieren. Es ist aber auch eine schlechte Angewohnheit, Gartenwerkzeug im Unkrauteimer abzulegen. Nun ist es weg. Ausgerechnet Uropas gutes gusseisernes Spezialgerät, halb Harke, halb Schaufel, nahtlos gegossen, massiv, ideal, um noch der hartnäckigsten Efeuwurzel beizukommen. Unauffindbar. Der Verdacht liegt nahe, dass es mit in die Biotonne gewandert ist.

Und nun? Ersatz beschaffen? Wenn man nur wüsste, wie das Utensil korrekt heißt. Ist das eine Schaufelharke? Ein Handgrubber? Ein Blumenrechen? Über die Bildersuche im Internet kommt man der Sache näher. „Friedhofsgerät“ heißt es. Gibt es aber so nicht mehr.

Vielleicht ist es doch möglich, das alte Teil wiederzubekommen? Beim Kundendienst der Bremer Stadtreinigung ist man verdutzt. So etwas habe man ja noch nie gehört. Ja, dass aus Versehen Autoschlüssel in den Altpapier-Container fallen oder Handtaschen in der Altkleidersammlung landen, das schon. Und wenn man dann umgehend anruft, dann ist das Verlorene meist auch zu retten. Aber Gartengeräte? Nein.

Unternehmenssprecher Michael Drost bestätigt das. „Nach einer Harke hat noch nie jemand gefragt. Das sind ja meist eher günstige Geräte aus dem Baumarkt“, vermutet er. „Da lohnt sich der Aufwand wohl nicht.“ Aber er hakt nach, direkt vor Ort, auf der Blocklanddeponie. Sein Ergebnis: Doch, der Kompost wird nach dem Abkippen gesiebt, und er läuft auch unter einem Magneten hindurch.

Hoffnung keimt auf. So ein gusseisernes Teil müsste doch auffindbar sein. Um es vorwegzunehmen: Ein Wiedersehen mit Vermisstem bleibt trotz ausgefeilter Technik höchst unwahrscheinlich. Warum das so ist, meint Drost, lasse sich am besten bei einem Ortstermin auf der Blocklanddeponie erklären.

Und so schlüpft Tage später – wie immer, wenn sich Besuch angemeldet hat – Martin Dörrhage, Betriebsleiter der Kompostierungsanlage, in eine Signalweste und führt durch sein Reich. Hellbeige, graubraun und tiefschwarz türmt sich eine Hügellandschaft auf, dazwischen schmale Fahrwege, auf denen Bagger umherkurven. 65 000 Quadratmeter Fläche stehen für die Kompostierung zur Verfügung. „Das ist etwa so groß wie der Bauernhof meines Großvaters“, umreißt Dörrhage das Gelände, während er mit langen Schritten an Bergen von Grünschnitt vorbei auf die Halle am hinteren Ende des Areals zugeht.

Im vorderen Teil des Geländes wird aufgehäuft, was an Grünzeug von den Recyclinghöfen kommt, was Gartenbetriebe anliefern oder der Bremer Bürger bringt. Sollte hier einmal etwas von Wert hineingeraten, wäre es verloren. Obwohl: „Einmal hat ein Paar nach dem Abladen gleich beide Eheringe vermisst“, erinnert sich Dörrhage. Und da habe man mit vereinten Kräften gesucht, und immerhin einen der Ringe gefunden. Gerettet vor einem 435 PS starken Schredder, der sich darum kümmert, grobes Gehölz – und eben auch alles, was dazwischen liegt – kleinzukriegen.

Der vor dem Besuch angekündigte schwere Fäulnisgeruch scheint einstweilen mehr ein Gerücht. Duftendes frisches Heu liegt am Fuße eines der Sammelhügel. „Das ist doch gutes Futter“, wundert sich Dörrhage und greift ein Büschel heraus. „Das hätte Opa an die Schafe und Ziegen verfüttert.“ Doch der Hauch ländlicher Idylle verfliegt schon kurz vor der Halle. Gerade kippt einer der Abfallwagen seine Ladung mit dem Inhalt Nordbremer Biotonnen direkt auf eine Siebmaschine ab. Bald zum letzten Mal. Die Biotonnen-Abfuhr wird in Zukunft von einem Osnabrücker Unternehmen übernommen.

Noch aber rüttelt sich der Kompost hier durch die zehn mal zehn Zentimeter großen Löcher des Siebs. Alles, was größer ist, „Äste, Zweige, Krempel“, bleibt laut Dörrhage hängen und kommt auf einen Müllhaufen. Der wird von einem Subunternehmen zur Weiterverarbeitung abgeholt. „Das ist dann weg“, zuckt er im Hinblick auf vermisste Gegenstände mit den Schultern. Der Rest wandert unterdessen aufwärts, per Förderband unter einem imposanten Magneten hindurch. Dessen Beute findet sich eine Etage tiefer wieder, in einem kleinen Container. Fugenkratzer, Suppenkelle, sogar eine Edelstahlschaufel fischt Dörrhage heraus. Anfangs, als er vor 19 Jahren neu im Betrieb war, hat er selbst manchmal nach Verwertbarem geguckt. „Aber irgendwann war die Schublade auch voll.“ Uropas Harke jedenfalls könne hier nicht mehr sein, der Container wird spätestens nach ein oder zwei Tagen geleert.

Dörrhage führt eine Treppe hinauf in die Kommandozentrale der Kompostierung, direkt hinter dem Magneten. Von da aus fällt der Rohkompost in eine riesige Halle. „Und da liegt er dann erst einmal.“ Für wie lange und an welcher Position genau er im weiteren Verlauf zu liegen kommt, ist weit weniger simpel. Einem unergründlichen Muster folgend, zieht unter der Hallendecke ein Kran auf Laufschienen seine Bahn, lässt seine Greifschaufel niedersinken, zupacken, hochfahren, um sie ein paar Meter weiter mit Schwung zu öffnen. Natürlich steckt ein ausgefeiltes Computerprogramm dahinter. Präzise dirigiert es den Kran an seine Arbeit in der rund 500 Quadratmeter großen Halle, um die Verrottung zu optimieren. 25 sogenannte Zeilen von jeweils einem Meter werden so verwaltet. „Eintrag, Austrag oder Umschichten kann das heißen“, erklärt Dörrhage das klappernde Schaufelballett. Für einen Moment ist Opas Harke vergessen.

„Am Ende einer Woche fahren wir am hinteren Ende immer einen Teil raus“, erzählt Dörrhage. Und dann werde das jüngere Material zeilenweise weiter Richtung Tor geschaufelt. „Wenn ich will, arbeitet er die ganze Nacht.“ Um alles umzuschichten, also etwa 80 Prozent des Halleninhalts, benötigt der Kran rund 18 Stunden. Unter dem Material sind Stahlrillen, durch die Luft abgesaugt wird. Durch den entstehenden Durchzug „verrottet die ganze Geschichte schneller, und es hört auch schneller auf zu riechen.“ Der Kran wurde 1993 eingebaut und muss sich auch noch weiter rentieren. Dörrhage ist deutlich älter als der Kran. „Vier Jahre darf ich noch.“ Arbeiten, meint er.

Da bedauert er schon, die europaweite Ausschreibung der Bioabfall-Entsorgung aus den Bremer Tonnen sozusagen auf den letzten Metern verloren zu haben. Unter anderem zählte wohl zu den Forderungen die Verarbeitung zu Biogas, wofür es auf der Blocklanddeponie an technischen Einrichtungen fehle. Aber ohnehin sei das Geschäft mit dem Biodünger schwieriger geworden.

Um den beliebten Bremer Kompost muss auch künftig allerdings niemand fürchten. „Die Grünabfälle von den Höfen werden ja weiter verarbeitet.“ Und daraus entsteht der Bremer Kompost. Dörrhages ganzer Stolz. Er greift in die feinkrumige Erde, zeigt die verschiedenen Grade der Durchsiebung. Ein Stück weiter wirft eine große Maschine namens Komptech Cribus 2800 „Green efficiency“ im Sekundentakt kleine Ladungen Erde vom Förderband. Drei Siebvorgänge mit immer feineren Lochungen durchläuft der Kompost. Und auch hier wird Metall herausgefiltert. Unter dem Sieb liegen rostige Nägel. Zehn Millimeter ist die kleinste Lochung für den Feinkompost.

Ein großer Container steht weitgehend unbeachtet neben einer Halle. Die letzte Hoffnung in Sachen Opas Grabegabel, signalisiert Dörrhage. „Schrott“ – steht auf einem Schild am Container. Und er ist randvoll. Beziehungsweise mit dem, was unbeabsichtigt dazu gemacht wurde. Rosenscheren, Haushaltsscheren, Messer in jeder Machart, ungezählte Harken, Schaufeln, Sparschäler, Nussknacker, Schraubendreher, Pizzaschneider, Tortenheber, Quirle, Regenschirme – alles, was auch nur den Hauch von Metall an sich hat, landet hier. Wie ein halber Gullideckel in den Kompost gelangen konnte? Unerklärlich, aber für Dörrhage längst nicht mehr sonderlich bemerkenswert.

Es müsste jedenfalls schon ein unerhörter Zufall sein, würde man in den Tiefen verschlungener Drähte ein ganz bestimmtes Gerät entdecken. In den Container zu klettern ist strengstens verboten. Die Verletzungsgefahr zwischen all dem spitzen, kantigen, rostigen Zeug wäre zu groß. So bleibt am Ende nur die Einsicht, dass auch das eisernste Friedhofsgerät den Gang alles Irdischen antreten musste. Und der Trost, dass man nicht allein ist mit seiner Schusseligkeit.

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