Gedenken an Opfer der Reichspogromnacht Bremen-Nord vergisst nicht

Oberschüler aus Lesum haben Textilbänder mit den Namen der Opfer der Reichspogromnacht gebastelt. Diese schmückten die Gedenkveranstaltung auf dem Jacob-Wolff-Platz. Teilnehmer warnten vor Fremdenfeindlichkeit.
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Von Anna Prigge

Der 9. November ist ein historischer Tag. Er kennzeichnet dieses Jahr zum einen das dreißigjährige Jubiläum des Mauerfalls. Zum anderen ist der 9. November ein Tag zum Innehalten. Denn vor 81 Jahren eskalierte in der Reichspogromnacht die Gewalt der Nationalsozialisten gegen jüdische Menschen. Auch in Bremen-Nord wurden Juden ermordet und Synagogen in Brand gesteckt. Am Wochenende erinnerten Gedenkveranstaltungen in Aumund, Blumenthal und Burglesum an die gezielten Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes.

86 Namen wurden von sieben Schülerinnen der Oberschule Lesum zu Beginn der Gedenkveranstaltung in Aumund verlesen. Diese 86 jüdische Menschen aus Bremen-Nord verloren durch die Gräueltaten der Nationalsozialisten ihr Leben. Einer von ihnen war Jacob Wolff, der letzte Vorsteher der Jüdischen Gemeinde für Vegesack und Umgebung. Im Dezember 1942 starb Jacob Wolff an den Folgen seiner Haft im Konzentrationslager Theresienstadt. Der Platz, auf dem die Synagoge bis 1938 stand, wurde am 8. November 2007 in Gedenken an ihn als Jacob-Wolff-Platz benannt. Die SA brannte das jüdische Gotteshaus, die Synagoge in Aumund, einen Tag nach der Reichspogromnacht nieder.

Jedes Jahr organisiert das Projekt Internationale Friedensschule Bremen, das als Ort der Begegnungen der Generationen und Kulturen im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Vegesack seinen Sitz hat, eine Gedenkveranstaltung an dem ehemaligen Standort der Synagoge, neben der Aumunder Kirche. Auf dem Platz wurde 1978 auf Anregung des Vegesacker Politikers Claus Buerger, eine Gedenktafel vom Bildhauer Ulrich Conrad geschaffen. Zudem leistete die Bildhauerin Clarissa Dietrich 2019 mit einer Splitter-Skulptur einen künstlerischen Beitrag zur Gedenkstätte.

Karsten Ellebrecht vom Projekt Internationale Friedensschule Bremen leitete durch die Gedenkveranstaltung. Die Schülerinnen des achten Jahrgangs der Oberschule Lesum verlasen nicht nur die Namen der Verstorbenen, sondern hatten im Rahmen eines Wahlpflichtkurses im Vorfeld der Gedenkveranstaltung Textilbänder mit den Namen der Opfer gebastelt, die einen Baum auf dem Jacob-Wolff-Platz während der Gedenkveranstaltung schmückten. Karsten Ellebrecht berichtete den Anwesenden vom Ehepaar Goldberg aus Burg, die am 10. November 1938 von einem SA-Trupp ermordet wurden. Hierzu veranstaltete das Ortsamt Burglesum zusammen mit dem Beirat Burglesum eine weitere Gedenkfeier auf dem Goldbergplatz, bei der Pastor Florian Giese von der Söderblom-Gemeinde eine Rede hielt.

Zudem erinnerte Karsten Ellebrecht in Aumund, an den von den Nationalsozialisten ermordeten Leopold Sinasohn aus Platjenwerbe. In ganz Deutschland wurden während der Reichspogromnacht im November 1938 mindestens 90 jüdische Menschen ermordet und unzählige jüdische Geschäfte und Synagogen angegriffen. Ellebrecht verwies weiter auf heutige fremdenfeindliche Angriffe wie der Anschlag von Halle oder der Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke. „Die Zeichen stehen auf Sturm“, hob Ellebrecht die Wichtigkeit hervor, heute angesichts fremdenfeindlicher Parolen und Übergriffen, Widerstand zu zeigen.

Auch der Vegesacker Beiratssprecher Torsten Bullmahn betonte, dass sich solche Geschehnisse aus der Reichspogromnacht nie wiederholen dürfen. „Es kann immer und überall passieren“, sagte Bullmahn, „aber dagegen werden wir uns mit aller Macht stemmen“. Zum friedlichen Zusammenleben könne und solle jeder einen Teil beitragen, so der CDU-Politiker. Nach der Gedenkveranstaltung lud der Vegesacker Pastor Jan Lammert zu der vom Bremer Lehrer Rolf Rübsam gestalteten Ausstellung ,Sie lebten unter uns' zur Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde Vegesack im benachbarten Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde Alt Aumund ein.

Bei der Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz in Blumenthal, hielten Ute Reimers-Bruns von der Initiative Blumenthal, Hans-Gerd Thormeier, Beiratssprecher in Blumenthal sowie der Blumenthaler Ortsamtsleiter Peter Nowack Redebeiträge. Wiltrud Ahlers vom Projekt Internationale Friedensschule Bremen berichtete von jüdischen Familien aus Bremen. Auch in Blumenthal wurden die Namen all jener Nordbremer, die während des Holocausts deportiert wurden, verlesen und der Toten gedacht.

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