Engagement gegen Genmais Christoph Bautz machte Dampf im Internet

Verden. Zweieinhalb Monate hat sich der Geschäftsführer des Verdener Online-Netzwerks 'campact', Christoph Bautz, gegen Genmais engagiert. Am 14. April ist er am Ziel. Als er in seiner Holzhütte an der Ostsee im Internet liest 'Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner verbietet Genmais' macht er einen Luftsprung.
01.01.2010, 17:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Charles Fays

Verden. Eigentlich will Christoph Bautz beim Kraniche gucken auf Rügen entspannen. Doch die Kampagne lässt ihm auch im Urlaub keine Ruhe. Die innere Uhr rast im selben Takt der hektischen 60-Stunden-Wochen weiter: Zweieinhalb Monate hat sich der Geschäftsführer des Verdener Online-Netzwerks 'campact' gegen Genmais engagiert. Am 14. April ist er endlich am Ziel. Als er in seiner Holzhütte an der Ostsee im Internet liest 'Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner verbietet Genmais' macht er einen Luftsprung.

Bautz sieht das als Verdienst seiner Verdener Organisation an. 'Campact', der Name setzt sich aus 'Campaign & Action' zusammen, versucht seit fünf Jahren, Menschen über das Internet für politische Kampagnen zu gewinnen. Ein Schwerpunkt war in diesem Jahr der Kampf gegen genetisch veränderte Lebensmittel. Für den Geschäftsführer war das Genmais-Verbot sein Highlight des Jahres: 'Denn das war die Kampagne, in der ?campact? am Klarsten aufgetreten ist.'

Der 36-jährige Diplom-Biologe sagt: 'Viel von dem, was ?campact? zusammen mit verschiedenen Naturschutzorganisationen erarbeitet hat, findet sich jetzt in dem Gesetzestext wieder, der den Anbau von Genmais auf deutschen Feldern seit dem 14. April verbietet'. So hätte Aigner das Verbot gegen das Mais der Sorte MON 810 des Konzerns Monsanto auch deswegen durchsetzen können, weil seine Organisation ihr einen Überblick über verschiedene Risikostudien geliefert habe. Bautz führt aus: 'Eigens dafür haben wir bei einem Genmaisexperten eine Schnellstudie in Auftrag gegeben, die Landwirtschaftsministerin Aigner zur Grundlage genommen hat, um Genmais wegen gesundheitlicher Bedenken aus dem Verkehr zu ziehen'.

Der 14. April war ein strategisch wichtiges Datum, weil die Bauern ohne die Verbotsverfügung ab dem 15. April angefangen hätten, Genmais auszusäen. Um das zu verhindern, hatte Bautz zuvor Druck auf Aigner aufgebaut, indem er via Internet eine Unterschriftenaktion initiierte. 'So hat Aigner innerhalb von drei Wochen 50000 Postkarten bekommen.' Außerdem war Bautz während der Kampagne fünf Mal in den Wahlkreis der Landwirtschaftsministerin nach Starnberg gereist. Dort habe er sie über kreative Aktionen und Plakate bei Wahlkampfauftritten für die Genproblematik sensibilisiert und persönlich darauf angesprochen. 'Das war wichtig, denn bevor Aigner im Oktober 2008 Nachfolgerin von Horst Seehofer wurde, galt sie als Befürworterin von gentechnisch veränderten Lebensmitteln', sagt Bautz. Dass er bei den Demonstrationen vor den Augen der Ministerin in Starnberg mindestens 300 Aktivisten mobilisieren konnte, habe dazu beigetragen, sie umzustimmen.

Doch das allein reichte noch nicht. Zusätzlich habe er eine Emnid-Umfrage in Auftrag gegeben, bei der sich 80 Prozent der Bayern gegen Genmais ausgesprochen hatten. Zudem habe die Organisation mehrere Zehntausend Euro investiert, um in der 'Süddeutschen' und der 'Zeit' Anzeigen gegen Genmais zu schalten und 30000 Euro, um aus Ballons einen 60 Meter langen Schriftzug 'Gen-Food Nein danke!' zu formen.

Das Geld dafür bekam Christoph Bautz aus Spenden der inzwischen rund 200000 Newsletter-Abonnenten. Von der Gründung des Netzwerks 2004 bis heute verdoppelte sich 'campact' nach dem Schneeballprinzip jährlich. Jetzt nennt Bautz sein Internet-Netzwerk stolz 'die inzwischen größte politische Internet-Organisation Deutschlands". Abgeschaut hat der Tierfreund sich die Struktur, als er in den USA das politische Online-Netzwerk 'MoveOn' kennenlernte. Es wurde mit seinen inzwischen über fünf Millionen Newsletter-Abonnenten zu seinem Vorbild, denn er glaubt: 'Je mehr mitmachen, desto mehr wird man politisch wahrgenommen.'

Bautz fasziniert die Macht, etwas zu verändern und Menschen durch Projekte für einen politischen Zweck zu mobilisieren. Der gebürtige Darmstädter hat sich schon als Elfjähriger sozial engagiert. Auslöser waren Erdkröten, die auf der Straße von Autos überfahren wurden. Also beschloss er, sich dem Naturschutzbund anzuschließen und mit anderen Naturschützern Erdkröten über die Straße zu tragen. Aus Sorge um die Tiere verzichtete er bis heute auf ein Auto und setzt auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Die zehn Kilometer von seiner Wohnung in Dörverden nach Verden bewältigt er seit zehn Jahren täglich mit dem Rad.

Sein erstes großes Projekt hatte Bautz als 23-Jähriger: Er pachtete sich mit befreundeten Naturschützern 80 Hektar Obstwiesen und machte daraus ein Naturschutzzentrum. Als der Naturliebhaber das 'Kultur-Biotop' sechs Jahre später verließ, hatte er einige Erfolge vorzuweisen: 'Pro Jahr besuchten uns 400 Schulklassen, produzierten wir 30000 Liter Apfelsaft und gaben 500 Schafen Weidefläche', so Bautz. Seine Freunde arbeiten dort weiter, doch Bautz zog es nach seinem Diplom mit 26 Jahren zu einem größeren Projekt bei 'attac'.

Die Globalisierungskritiker hatten ihren Sitz im Verdener Ökozentrum, das sich gerade im Aufbau befand. Der 'Öko' sah in dem Zentrum das große Pendant zu seinem Darmstädter Naturschutzzentrum. Hier glaubte er noch mehr bewegen und die Welt verändern zu können. Sein Ziel war und ist es, die Gesellschaft sozial gerechter, ökologisch nachhaltiger und in Konfliktsituationen friedlicher zu machen. Als Bautz mit 'attac' in den USA 'MoveOn' kennenlernte, merkte er, wie viel sich über das Internet bewegen lässt.

Das amerikanische Netzwerk, das 1998 von zwei engagierten Bürgern gegründet wurde, gab den Anstoß dafür, dass Christoph Bautz und Günter Metzges sechs Jahre später die deutsche Kopie 'campact' erschufen. Metzges kam dazu 2004 wie gerufen, denn dieser hatte an der Uni Bremen über die Einflussmöglichkeiten von Organisationen, Verbänden und Bürgerinitiativen auf politische Entscheidungsprozesse promoviert.

Der Biologe kannte den Politologen bereits als Mitbegründer des Ökozentrums. Nachdem den inzwischen zwölf Mitarbeitern bei 'campact' in diesem Jahr mit dem Genmais-Verbot der große Coup gelungen ist, haben sie sich für das nächste Jahr bereits ein neues, noch größeres Ziel gesetzt: Die schwarz-gelbe Bundesregierung soll am zurzeit heftig wackelnden Atomausstieg festhalten. Mit dem Selbstbewusstsein eines Chefs der größten politischen Internet-Organisation Deutschlands fordert er mit fester Stimme: 'Bis 2020 müssen alle Atommeiler abgestellt sein!'

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