Neuer Fährfahrplan wegen Corona-Krise Halbe Fahrt voraus

Die Fährgesellschaft Bremen-Stedingen will ihre Crews schonen und zugleich auf das Minus bei den Pendlern reagieren. Ab Montag wird deshalb die Zahl der Schiffe und der Fahrtakt reduziert.
20.03.2020, 17:49
Lesedauer: 3 Min
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Halbe Fahrt voraus
Von Christian Weth

Bremen-Nord. Andreas Bettray hat schon öfter Pläne umgeschmissen. Doch noch nie gab es so viele Gründe für ihn wie diesmal: Der Fährchef sagt, dass er jetzt in erster Linie seine Crews schonen muss – und in zweiter auf das Minus bei den Pendler zu reagieren hat. Darum hat Bettray jetzt entschieden, die Zahl der Schiffe an allen Fährstellen zu reduzieren. Genauso wie den Takt, in dem sie über die Weser setzen. Ab Montag gilt ein Fahrplan, der den Grund für alle Änderungen im Namen trägt: Sonderfahrplan Corona-Krise.

Seit Freitag steht fest, dass die Fährgesellschaft nicht mehr so weitermachen wird wie bisher. Wenige Tage zuvor hat sich Bettray außer der Reihe mit dem Aufsichtsrat getroffen. Der Fährchef sagt, dass die Gesellschafter die Lage so einschätzten, wie er sie einschätzt: Der Fährbetrieb ist unbedingt aufrecht zu erhalten. Und damit das so lange wie möglich gelingt, sollen jetzt weniger Mannschaftsmitglieder an Bord arbeiten und weniger Schiffe fahren. Laut Bettray haben die Stadt Bremen und die niedersächsischen Gemeinden als Anteilseigner den Änderungen nicht bloß zugestimmt, sondern auch weitere Unterstützung zugesagt, wenn sie notwendig werden sollte.

Personelle Reserve

Ab Anfang nächster Woche wird ein Teil der Crew vorsorglich zu Hause bleiben. Bettray sagt, dass er für den Fall der Fälle eine personelle Reserve braucht. Der Fall der Fälle tritt nach seinen Worten ein, wenn sich Besatzungsmitglieder krank melden. Gäbe es auch nur einen Verdachtsfall, dass sich ein Mitarbeiter mit dem Virus infiziert haben könnte, falle automatisch die gesamte Mannschaft aus, weil jeder für eine gewisse Zeit isoliert werden muss. Bettray kommt auf 80 Frauen und Männer, die auf den Fähren arbeiten. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen soll pausieren. Der Fährchef spricht von Überstunden, die jetzt genommen werden, und von Urlaub, der nun vorgezogen wird.

Darum soll ab Montag an allen Fährstellen nur noch ein Schiff fahren. Bettray sagt, dass das einerseits zum Schutz der Mitarbeiter geschieht – und andererseits, weil die Zahl der Pendler immer weiter zurückgegangen ist, je länger die Corona-Krise andauert. Nach seiner Schätzung haben die fünf Fähren in dieser Woche nur halb so viele Fahrzeuge und Menschen wie sonst von einem Ufer zum anderen gebracht. In den Hauptzeiten von morgens halb sechs bis neun sei die Flotte nur zu einem Drittel beladen gewesen. Und ab neun jede zweite Fähre quasi leer gefahren. Deshalb werden die Schiffe bis auf Weiteres auch nicht mehr im Zehn-Minuten-Takt übersetzen.

Morgens und abends geht es jetzt alle 15, mittags alle 20 Minuten hin und her. In den Hauptzeiten wird ein zusätzliches Besatzungsmitglied an Bord sein. Es soll dafür sorgen, dass Autos und Lastwagen an Deck schneller in Position gebracht werden – auch wenn es dadurch nicht zügiger ans andere Ufer geht. Wie lange der Sonderfahrplan gelten wird, darüber kann Bettray nur spekulieren. Er sagt, nichts ausschließen zu können: weder dass die Änderungen über Monate gültig bleiben, noch dass weitere Einschränkungen folgen könnten. Zum Beispiel, dass irgendwann auch die Zahl der Fährstellen reduziert werden muss.

Wie lange die Fährgesellschaft ein Minus bei den Pendlern verkraften kann, ist für Bettray nach eigenem Bekunden eine zweitrangige Frage. Er sagt, dass der Schutz der Mitarbeiter wichtiger sei – und weniger Fahrten deshalb unbedingt notwendig seien, wenn der Betrieb aufrecht erhalten bleiben soll. Was auf den Abbau von Überstunden und Urlaubstagen folgt, ist bereits entschieden. Laut Bettrey wird die Gesellschaft das machen müssen, was andere Unternehmen inzwischen schon gemacht haben: Kurzarbeitergeld beantragen. Auch das, sagt der Fährchef, sei mit den Gesellschaftern auf der Aufsichtsratssitzung in dieser Woche besprochen worden.

Kassierer mit Handschuhen

Genauso wie mit dem Betriebsrat und dem Betriebsarzt. Laut Bettray sind beide bei den Gesprächen über Veränderungen immer dabei – nicht nur, wenn es um den Fahrplan geht. Der Fährchef sagt, dass die Sicherheitsbestimmungen an Bord immer wieder erweitert worden seien. Ihm zufolge sollen die Kassierer, die den Passagieren näher kommen als alle anderen Mitarbeiter auf dem Schiff, jetzt immer Latexhandschuhe tragen. Außerdem liege es ab sofort in ihrem Ermessen, welchen Fahrgast sie kontrollieren und welchen nicht. Gibt es Anzeichen dafür, dass ein Fahrer krank ist, darf das Fahrzeug vom Kassierer ausgelassen werden.

Das Tragen eines Mundschutzes, sagt Bettray, sei in Absprache mit dem Mediziner noch nicht angeordnet worden. Dafür aber etwas anderes: Die Crews bleiben so, wie sie sind – niemand soll vorerst in eine andere Mannschaft wechseln können. Und kein Schiffsteam nach Möglichkeit zu einer anderen Fährstelle verlegt werden, solange die Corona-Krise andauert. Auch das, meint der Fährchef, geschehe zum Schutz.

Weitere Informationen

Der Sonderfahrplan Coronakrise ist ab sofort auf der Internetseite der Fährgesellschaft Bremen-Stedingen unter der Adresse www.faehren-bremen.de abrufbar. Er kann auch als PDF-Datei heruntergeladen werden.

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