Raststätte Grundbergsee

Ein Leben an der Autobahn

Für Lkw-Fahrer aus Osteuropa ist es normal, bis zu zwei Monate „auf Tour“ zu sein. Woche um Woche verbringen sie ihren Sonntag auf Rasthöfen an der Autobahn, tausende Kilometer von der Familie entfernt.
03.03.2020, 10:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Hake (Fotos) und Björn Struß (Text)

Sonntag – ein Tag für Freunde oder die Familie. Ob ein Besuch der Eltern oder ein Tagesausflug mit den Kindern, den Sonntag können die meisten Menschen frei gestalten. Doch für unzählige Lkw-Fahrer aus Osteuropa spielt sich der Sonntag Woche um Woche auf deutschen Rasthöfen ab. Sie verbringen dann ihre Zeit an der Autobahn, während die Räder still stehen. Ein Besuch der Raststätte Grundbergsee-Süd, die nur ein Grünstreifen vom ewigen Rauschen der Autobahn 1 trennt.

Mit einem Spielplatz, Bäumen, grünen Wiesen und Sitzgruppen ist der Parkplatz direkt neben Fast Food und frischem Kaffee für eine Raststätte recht ansprechend gestaltet. Doch dieser Bereich ist für Autofahrer gemacht. Erst einige Meter weiter, hinter hochgewachsenen Bäumen, beginnt das Leben der Trucker. Dutzende tonnenschwere Lkw stehen dort, viele Stellplätze sind trotzdem unbesetzt. Ganz am Ende, dort wo die Autofahrer schon das Gaspedal durchdrücken, steht ein Toilettenhäuschen. So müssen sich die Lkw-Fahrer seltener auf den Weg in Richtung Tankstelle machen. Die Infrastruktur trennt ihr Leben von den konsumierenden Urlaubsfamilien.

Beim Toilettenhäuschen hat Stan Florin seinen Lkw abgestellt. Er hat sich einen Hocker und einen kleinen Klapptisch aufgebaut. Neben vorgekochten Hähnchenteilen liegt Graubrot auf dem Tisch, daneben stehen Gläser mit eingelegtem Gemüse. Als Tischdeckenersatz dienen alte Zeitschriften. Florin ist Bulgare, zwei Landsleute haben sich zu ihm gesellt. Sie kennen sich erst seit wenigen Stunden. Nur einer von ihnen spricht Englisch, ohne ihn wäre die Unterhaltung für den Reporter unmöglich. Für Florin ist es in Ordnung, dass eine deutsche Zeitung über ihn schreibt. Seine Kollegen halten sich mit einer Portion Skepsis zurück.

„Das Leben ist hart“

„Das Leben als Lkw-Fahrer ist hart“, gibt Florin zu. Mit 2300 Euro brutto verdient der 47-Jährige aber deutlich mehr, als in Bulgarien üblich ist. „Ich brauche das Geld für meine Familie“, betont er. In seiner Heimatstadt Giurgiu, rund 2000 Kilometer entfernt, leben seine Frau und zwei Kinder. Eine Tochter ist mit 20 Jahren bereits erwachsen, die zweite ist 13 Jahre alt. Für insgesamt zwei Monate ist Florin von seiner Familie getrennt, lebt in dieser Zeit auf den Autobahnen Europas. „Am Sonntag telefoniere ich gerne mit der Familie“, berichtet er. Sein Smartphone macht es möglich, auch regelmäßig Fotos aus der Heimat zu erhalten. Nach den zwei Monaten hat er drei Wochen am Stück frei.

Lkw-Fahrer wie Florin müssen in der Europäischen Union Ruhezeiten einhalten. Nach einer Fahrzeit von acht Stunden muss die Fahrt für elf Stunden unterbrochen werden, spätestens nach sechs dieser Intervalle folgt für die Fahrer das Wochenende. Dann müssen sie eine Unterbrechung von 45 Stunden einlegen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann diese Wochenruhezeit auch auf 24 Stunden verkürzt werden. Das Lkw-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen führt dazu, dass die Fahrer fast immer den Sonntag für diese lange Pause nutzen.

Seit der Ost-Erweiterung der EU sind immer mehr Fahrer aus Osteuropa auf deutschen Autobahnen unterwegs. Dies zeigen auch die Kennzeichen der Brummis auf dem Rastplatz: Polen, Bulgarien, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei. Und in den wenigen Lkw mit deutschen Kennzeichen sitzt in der Regel auch ein osteuropäischer Fahrer. An diesem Sonntag ist nicht ein einziger deutschsprachiger Trucker anzutreffen.

Beratungsstelle bietet Hilfe an

Diese Entwicklung kennt auch Eliza Vladimirova. Sie arbeitet in Bremen für die „Beratungsstelle für mobile Beschäftigte und Opfer von Arbeitsausbeutung“ (Moba). Mit Fördermitteln der EU und der Bremer Wirtschaftssenatorin haben hier Gewerkschaften ihre Kompetenzen gebündelt. „Die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer sind schlimm“, sagt Vladimirova. Sie fordert, dass die Menschen mindestens jede zweite Woche eine Chance haben, Familie und Freunde wiederzusehen. Die Fahrer hätten oft mit Einsamkeit zu kämpfen, was zu ernsten psychischen Problemen führen könne.

„Die Fahrer wissen oft nicht, dass es Gewerkschaften gibt, die sich für sie einsetzen“, erklärt Vladimirova. Deshalb nähmen viele die schlechten Arbeitsbedingungen hin. Laut der Beraterin versuchen viele Arbeitgeber, den deutschen Mindestlohn zu umgehen und zahlen zum Teil nur fünf Euro pro Stunde. „Um gegen solche Missstände vorzugehen, verlangen die Behörden persönliche Aussagen“, erklärt sie. Dazu seien die Fahrer aber nur selten bereit, weil sie ihren Job behalten wollen.

So geht es auch Stan Florin. Er sagt trotz allem: „Das ist ein guter Job“. Florin erinnert sich gerne an seine Zeit als Fußballspieler in der zweiten bulgarischen Liga. „Ein Jahr auch in der ersten Liga“, sagt er mit Nachdruck seinem Kollegen, der übersetzt. Doch das liegt schon Jahre zurück. Florin nimmt einen Schluck von seinem „bulgarischen Whisky“ und guckt zum grauen Himmel. Es wird stürmischer. Bald muss er zurück in die Fahrerkabine.

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