Manfred Damberg, Kreistagsabgeordneter aus Wilstedt: Trinkwasser keine Müllkippe

Erdgasfirmen angezeigt

Der Wilstedter Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg will nicht länger hinnehmen, dass giftiges Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung ins Erdreich gepumpt wird. Er hat Strafanzeige gegen die Firmen Exxon und RWE-Dea erstattet.
29.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Der Wilstedter Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg will nicht länger hinnehmen, dass giftiges Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung ins Erdreich gepumpt wird. Er hat Strafanzeige gegen die Firmen Exxon und RWE-Dea erstattet.

Landkreis Rotenburg. Weil noch immer giftiges Lagerstättenwasser aus der Erdgasförderung ins Erdreich verpresst wird, hat der Wilstedter Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg Strafanzeige erstattet. "Millionen Liter des mit hochgiftigen Stoffen verunreinigten Abwassers werden seit Jahren ins Grundwasser gepumpt. Das verpresste Abwasser enthält Giftstoffe, die auf keinen Fall ins Grundwasser gelangen dürfen", so der studierte Chemiker.

Dass diese Gifte ohne Not verpresst würden, sei ein "nicht zu haltender Zustand", er habe daher die Firmen Exxon und RWE-Dea bei der Staatsanwaltschaft Verden angezeigt. "Hier wird unser Trinkwasser als Müllkippe missbraucht. Die Belastungen des Abwassers sind so groß, dass eine Verpressung ins Grundwasser eine schwere Umweltgefährdung darstellt und damit strafbar ist", so Damberg in einer Mitteilung. Auch habe er das niedersächsische Umweltministerium über diese Vorgänge informiert.

Damberg, der für die Partei Die Linke im Kreistag sitzt, bezieht sich auf eine Analyse, die das Landesbergamt am 25. Juli 2011 im Bereich Söhlingen (Bohrstelle SOLG Z2) vorgenommen hat. Die Ergebnisse hat die Kreisverwaltung in der jüngsten Umweltausschusssitzung am 15. Mai an die Abgeordneten verteilt. Demnach enthält das Lagerstättenwasser krebserregendes Benzol und auch Toluol und Xylole in Mengen, die im Trinkwasser so nicht auftreten dürften. Die Konzentration liege beim Benzol etwa 13000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert. Gefährlich sei auch die Vielzahl der hochgiftigen "polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe". Allein der Wert für Naphthalin liege 16700 Mal über dem Grenzwert. Hinzu kommen noch Fluoren, Phenantren, Pyren, Benz(a)anthracen und Crysen und andere, die die Giftigkeit weiter erhöhten. Das noch problematischere Benz(a)pyren überschreite den Trinkwassergrenzwert um das 500-fache.

Laut Damberg wäre eine Reinigung des Lagerstättenwassers auf Trinkwasserqualität technisch möglich. Dann wäre dieses Wasser unbedenklich, doch sei das den Erdgasbetrieben wohl zu teuer. "Deshalb wählt man lieber die billigere Variante, das vergiftete Abwasser ungereinigt ins Grundwasser zu pumpen. Den Schaden haben wir als Verbraucher", so der Abgeordnete. Bis heute seien schon Millionen Kubikmeter des verseuchten Abwassers ins Grundwasser verklappt worden, und ein Ende sei nicht abzusehen.

Beim Landkreis Rotenburg sieht man das Verpressen des Lagerstättenwassers "sehr kritisch". Der Erste Kreisrat Torsten Lühring sagte auf Anfrage: "Das Lagerstättenwasser stammt aus einer Tiefe von 5000 Meter. Wenn es genau dorthin zurückgepumpt würde, wo es herkommt, würde ich mir weniger Sorgen machen." Im Landkreis Rotenburg gebe es fünf Stellen, an denen Lagerstättenwasser verpresst werde, und zwar jeweils in Tiefen um die 1000 Meter. "Man weiß nicht genau, wie es sich in diesen Bodenschichten ausbreitet", so Lühring, das sei wissenschaftlich noch nicht erforscht.

Dass Lagerstättenwasser ins Erdreich gepumpt werde, sei rechtlich allerdings nicht zu beanstanden. "Das ist vom Landesbergamt genehmigt", sagt Lühring. Der Landkreis als Wasserbehörde sei bisher noch nicht einmal an den Genehmigungsverfahren beteiligt worden. Das zumindest solle sich ändern, wenn das Bergrecht novelliert wird. Fraglich sei derzeit freilich noch, wie mit den Altfällen verfahren werde.

Künftig müsse das Bergamt das Einvernehmen der Unteren Wasserbehörden, also der Landkreise, herstellen, wenn es die Verpressung von Lagerstättenwasser genehmigen wolle. "Wir würden nur zustimmen, wenn die Unternehmen nachweisen, dass sie auf lange Sicht das Grundwasser nicht gefährden. Ein solcher Nachweis ist nach einer Kenntnis nicht möglich", so Lühring, es bleibe immer ein Restrisiko.

Millionen Kubikmeter Abwasser

Aus einem Schreiben des Bergamts an den Landkreis geht hervor, welche Mengen an Lagerstättenwasser bis 2011 ins Erdreich gepumpt wurden: Gilkenheide Z1 bei Hiddingen 850184 Kubikmeter seit 1988, in Söhlingen H 1 941861 Kubikmeter seit 1984, in Sottrum Z1 rund 898881 Kubikmeter seit 1990, in Stapel Z 1 43 Kubikmeter seit 1991 und in Wittorf Z 1 seit 1995 circa 621902 Kubikmeter – in Tiefen zwischen 787 und 1734 Metern.

Neue Anträge fürs Versenken von Lagerstättenwasser lägen zurzeit nicht vor, allerdings wisse er, dass ein Fracking-Antrag für den Bereich Bötersen beim Bergamt vorliege. Der sei noch nicht genehmigt, was den Vorteil habe, so Lühring, "dass nicht gefrackt wird". Das so genannte "Fracking" ist ein umstrittenes Verfahren, bei dem unter enormen Druck Wasser, Sand und Chemikalien in das Bohrloch gepumpt wird, um die Erdgasausbeute zu erhöhen. Es sorgt zunehmend für Unruhe in der Bevölkerung, weil einige der verwendeten Chemikalien giftig sind und möglicherweise unkontrolliert in die Umwelt oder ins Grundwasser gelangen können.

Zur Frage, ob das Lagerstättenwasser das Grundwasser gefährdet, sagte ein Sprecher des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) eine Antwort für den morgigen Donnerstag zu. Das Thema sei so komplex, dass zwei Fachabteilungen an der Stellungnahme arbeiteten.

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