Stiftung engagiert sich seit mehr als fünf Jahrzehnten für Worpswedes Kulturerbe und den Erhalt der Landschaft

Ewiges Sorgenkind: Der Niedersachsenstein

Worpswede. "Der Niedersachsenstein ist unser ewiges Sorgenkind", klagt Hans Ganten, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Worpswede. Die Substanz des 18 Meter hohen Baudenkmals ist mürbe, durch Risse dringt Wasser in die roten Ziegel. Der 1922 nach Plänen von Bernhard Hoetger errichtete Stein ist ein expressionistisches Monument, einzigartig in Deutschland. Vandalismus ist das zweite Problem, das Ganten bedrückt. Immer wieder Schmierereien, dann und wann eingeschlagene Fenster. "Wir geben uns Mühe, dagegen anzukämpfen", betont der Stiftungsvorsitzende. "Der Stein soll erhalten bleiben. Er ist ein Besuchermagnet."
20.08.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Michael Wilke

Worpswede. "Der Niedersachsenstein ist unser ewiges Sorgenkind", klagt Hans Ganten, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Worpswede. Die Substanz des 18 Meter hohen Baudenkmals ist mürbe, durch Risse dringt Wasser in die roten Ziegel. Der 1922 nach Plänen von Bernhard Hoetger errichtete Stein ist ein expressionistisches Monument, einzigartig in Deutschland. Vandalismus ist das zweite Problem, das Ganten bedrückt. Immer wieder Schmierereien, dann und wann eingeschlagene Fenster. "Wir geben uns Mühe, dagegen anzukämpfen", betont der Stiftungsvorsitzende. "Der Stein soll erhalten bleiben. Er ist ein Besuchermagnet."

Hans Ganten wird im September 74 Jahre alt. Gerade hat ihn die Stiftung Worpswede noch einmal im Amt bestätigt. Fünf weitere Jahre wird der Rechtsanwalt das Kuratorium leiten. "Dann ist Schluss", sagt er. "Ich mach' das jetzt schon 20 Jahre." Vorstandsmitglied ist Ganten seit 35 Jahren.

Die Stiftung tut viel für Worpswede. Sie hat den Weyerberg und das darauf wachsende Eylersche Gehölz schon Ende der 50-er Jahre gekauft, um die durch Sandabbau bedrohte Landschaft zu retten. Die Zerstörung am Fuße des Weyerbergs war 1957 Anlass für die Gründung. Jahrzehntelang baute der Besitzer eines Worpsweder Hartsteinwerks am weltberühmten Hügel unbeirrt Sand ab. Der Maler Bernhard Huys, Vereinsvorsitzender der Freunde Worpswedes, und sein Vorstandskollege Hans Hubert sahen die riesige Sandgrube am Fuß des Weyerbergs, da, wo heute der Sportplatz liegt - mit Entsetzen.

Sandabbau untergräbt Weyerberg Huys alarmierte Bremens Innensenator Willy Dehnkamp und bat darum, auf dem Ansgarikirchhof eine Tombola nach dem Vorbild der Bürgerpark-Tombola organisieren zu dürfen, Motto: "Bremen hilft Worpswede". Der "Reinertrag" solle "einer Stiftung zugeführt werden, deren ausschließliche Aufgabe es ist, die Worpsweder Landschaft als Oase der Stille für die schaffenden Menschen aus den Städten und als Stätte künstlerischer Intuition zu erhalten", schrieb Huys. Auf Anhieb wurden 540000 Lose verkauft, die Tombola spielte über 107377 Mark ein.

Am 3. Oktober 1957 gründeten die Freunde Worpswedes die Stiftung. Alles schien sich zum Guten zu wenden. Doch im Sommer 1958 stimmte Worpswedes Gemeinderat mit großer Mehrheit für eine Verlängerung der Ausnahmegenehmigung für den Sandabbau. Der Unternehmer hatte mit Entlassungen und mit der Schließung seines Betriebes gedroht. Bremens Innensenator sperrte das Konto mit dem Lotteriegeld für Worpswede.

Erst in den 60-er Jahren konnte die Stiftung nach dem Ende des Sandabbaus mit dem Kauf von Ländereien rund um den Weyerberg beginnen. Später erwarb sie auch das Gelände am Niedersachsenstein. Das war zu Beginn der 60-er Jahre noch gesperrt - wegen Steinschlag-Gefahr.

Heute gehört der Stiftung auch die Marcusheide. Die von einem Wäldchen gesäumte Heidefläche zwischen Barkenhoff und Bergstraße hat die gemeinnützige Institution erst vor zwei Jahren erworben. Das 100000 Quadratmeter große Areal, das der Bremer Kaufmannsfamilie Roselius gehörte, stand nicht mal unter Landschaftsschutz. Teile davon hätten eingezäunt und bebaut werden können. Das wollte die Stiftung verhindern. 100000 Euro hat sie für die Marcusheide bezahlt - mit einem Kredit. Die Zinsen, 25000 Euro in fünf Jahren, zahlen die 19 Mitglieder des Kuratoriums aus eigener Tasche. Um den Kredit tilgen zu können, müssen sie 100000 Euro an Spenden zusammenbringen.

Die gemeinnützige Stiftung hat das Ziel, "die Landschaft in und um Worpswede so zu erhalten und zu pflegen, dass das ländliche Kulturerbe im Ort sichtbar bleibt" - so formuliert es der Vorsitzende Hans Ganten. Geführt wird sie vom fünfköpfigen Vorstand und vom Kuratorium, das drei- bis viermal im Jahr zusammenkommt. Die Arbeitsgruppen treffen sich öfter. Sie kümmern sich um die Landschaftspflege, um die Denkmalpflege und darum, Spender zu finden, um die Vorbereitung von Aktionen und Arbeitstagen und um die Vorbereitung von Festen. "Rechtliche, kaufmännische und sonstige Verhandlungs- und Verwaltungsaufgaben liegen beim Vorstand", sagt Ganten. "Die Aufgabenfülle ist leicht zu erkennen. Gleichwohl werden alle Arbeiten ehrenamtlich erledigt."

Eine Arbeitsgruppe der Stiftung kümmert sich um die Sanierung der Bötjerschen Scheune vis-à-vis vom Rathaus. Die letzte große Drei-Ständer-Scheune im Kreis Osterholz ist marode. Ganten hat die reetgedeckte Fachwerk-Scheune nie abgeschrieben. Seit Jahren sammeln Stiftungsmitglieder Spenden für den historischen Bau. 120000 Euro müssen sie für die Grundsanierung eintreiben. 120000 Euro gibt das Land dazu, 50000 zahlt die Gemeinde.

Die Betreuung des Platzes rund um den Niedersachsenstein und die Instandhaltung des Hoetger-Denkmals, das an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnert, sind für Ganten "Dauerbrenner" der Stiftungsarbeit. Parolen und Farbkleckse auf den roten Steinmauern zu entfernen, sei "schwierig und teuer", sagt der Kuratoriumsvorsitzende. Doch muss das regelmäßig passieren, weil der Niedersachsenstein in Worpswede zu den begehrtesten Ausflugszielen gehört. Dazu kommt die Brüchigkeit der Steinkappen. "Jeder Frost sprengt die oberen Platten vieler Steine ab", erklärt Hans Ganten. "Sie bleiben dann beschädigt zurück oder müssen ausgetauscht werden: mühselig und teuer!"

Im Frühjahr sammeln die Kuratoriumsmitglieder achtlos weggeworfenen Müll und räumen rund um den Weyerberg und in der Marcusheide auf. Die Stiftung kümmert sich um knapp vier Dutzend Bänke an den Wegesrändern. "Eine schwierige Aufgabe", sagt Ganten. Immer wieder müssen die Holzbänke gereinigt werden, manche faulen durch, dann ist Ersatz nötig. Dafür sorgen arbeitslose Jugendliche, die der Landkreis in seiner Jugendwerkstatt beschäftigt. Ganten ist froh über die "wertvolle Hilfe bei der Reinigung und Instandsetzung". Die Bänke am Niedersachsenstein seien im vergangenen Jahr "allein von der Jugendwerkstatt in Schuss gebracht" worden.

Durch die Marcusheide ist der Grundbesitz der Stiftung Worpswede auf 30 Hektar gewachsen. 30 Hektar, das sind 300000 Quadratkilometer Land. Die Stiftung muss die ihr gehörenden Landschaftsteile mit den darauf stehenden Denkmälern und den Spazierwegen pflegen. Mit ehrenamtlichem Engagement ist das nicht zu schaffen. So bezahlt das Kuratorium den Gartenbaubetrieb Uphoff dafür, der auch den Winterdienst übernimmt.

Der Bauhof der Gemeinde unterstützt die ehrenamtliche Arbeit der Stiftung. Bauhof-Mitarbeiter leeren Papierkörbe an Wegesrändern und sammeln Müll im näheren Umkreis. Vor ein paar Wochen haben Ganten und Bürgermeister Stefan Schwenke einen Kooperationsvertrag zwischen Stiftung und Gemeinde unterschrieben.

Hans Ganten ist froh darüber, dass es gelungen ist, die Arbeit für Worpswede auf mehr Schultern zu verteilen. Im Dezember 2009 hat sich ein Freundeskreis der Stiftung Worpswede gebildet, um deren Arbeit zu unterstützen. Darin arbeiten mittlerweile 75 Freunde der Stiftung mit. Der Freundeskreis betreibt den "Stiftungsbasar", einen kleinen Laden mit Leseecke in der Bergstraßen-Passage, in dem gebrauchte Bücher, CDs und DVDs, Gebrauchsgegenstände, Schmuck und Tischwäsche angeboten werden. Der Erlös kommt der Stiftungsarbeit zugute.

Die Freunde der Stiftung organisieren zweimal im Jahr den Büchermarkt, die Erlöse fließen in die Stiftungskasse. Freundeskreis-Mitglieder säubern die Bänke auf dem Weyerberg, helfen bei der Pflege der Marcusheide und bereiten Feste vor. Das Familienfest am Niedersachsenstein bringt Spenden, das jährliche Benefizessen auch.

Die Arbeit geht weiter. Hans Ganten und die anderen Kuratoriumsmitglieder werden sich um Spenden bemühen, damit die Stiftung ihre Arbeit für die Allgemeinheit fortsetzen Kann. Und die Gemeinde Worpswede?. "Die Gemeinde ist gutwillig, aber arm", sagt Ganten. Seit Jahren kann die Kommune ihren Etat nicht mehr ausgleichen. Ganten weiß um die desolate Haushaltslage, er sitzt als Mitglied der den Grünen nahestehenden Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) im Gemeinderat.

Die Stiftung wird also weiter auf große und kleine Spenden angewiesen sein. Seit Monaten läuft eine besondere Aktion für die Sanierung der Bötjerschen Scheune. Immer mehr Worpsweder Bürger verpflichten sich, drei Jahre lang monatlich 10 Euro oder mehr an die Stiftung zu überweisen. Sollten sich hundert Worpsweder dafür finden, würde das 36000 Euro bringen - die Stiftung wäre einen großen Schritt weiter.

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