Geschäftsbericht: Farge-Vegesacker Eisenbahn Tradition auf der Schiene

Vor mehr als 120 Jahren wurde die Farge-Vegesacker Eisenbahn gegründet. Zwar ist das Unternehmen mittlerweile nicht mehr für den Zugverkehr auf der Strecke verantwortlich, dafür aber für die Infrastruktur.
11.08.2020, 05:52
Lesedauer: 3 Min
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Tradition auf der Schiene
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Bremen-Nord. Zwei Mal in der Stunde fährt die Regio-S-Bahn-Linie 1 pro Richtung zwischen den Bahnhöfen Vegesack und Farge. Dabei nutzt sie allerdings nicht, wie sonst in der Bundesrepublik üblich, die Gleise der Deutschen Bahn, sondern stattdessen die Schienen der Farge-Vegesacker Eisenbahn (FVE).

„Die FVE betreibt eine zehn Kilometer lange Eisenbahninfrastruktur im Bremer Norden und stellt damit die Weichen für den Schienengüterverkehr regional ansässiger Unternehmen“, sagt Henrik Wilkening, Geschäftsführer der FVE. Außerhalb der eigenen Gleise kümmert sich das Unternehmen um Infrastrukturdienstleistungen. So sorgen die Mitarbeiter etwa dafür, dass große Firmen an das Gleisnetz angeschlossen und somit direkt von Güterzügen angesteuert werden können.

Gegründet wurde das Nordbremer Unternehmen bereits 1888. „Damals wurde die Aktiengesellschaft mit eigener Infrastruktur sowie mit Personen- und Güterverkehr gegründet“, erzählt Wilkening, der seit 2007 die Geschicke des Unternehmens leitet. Im Laufe der Zeit konnte die Eisenbahngesellschaft mehrere Großkunden gewinnen, sodass etwa im Jahr 1936 mehr als 140 000 Tonnen über die Gleise befördert wurden. Entsprechend viel Personal beschäftigte die FVE damals. „In den 1950er-Jahren hatten wir mehr als 200 Mitarbeiter“, sagt Wilkening.

Die Historie der Farge-Vegesacker Eisenbahn ist eng mit großen Namen der Nordbremer Industriegeschichte verbunden. So zählten etwa die Bremer Woll-Kämmerei, die Maschinenfabrik Krause und auch der Bremer Vulkan zu den Kunden des Unternehmens. Die Firmen verfügten über einen eigenen Bahnanschluss und konnten so über die Schiene etwa mit Rohmaterialien versorgt werden.

So erfolgreich wie der Güterverkehr war die andere Sparte des Unternehmens, der Personenverkehr, allerdings nicht. Deshalb wurde die Anzahl der Verbindungen reduziert. Zwischen 1958 und 1961 fuhren täglich nur noch zwei Züge. „Weil der Betrieb nicht gewinnbringend war, wurde der Personenverkehr 1961 eingestellt“, so der Geschäftsführer. Stillgelegt war die Bahnstrecke von Vegesack nach Farge damit aber nicht. Gützerzüge nutzten die Schienen auch weiterhin.

Mittlerweile gehört das Nordbremer Traditionsunternehmen zur Captrain Deutschland-Gruppe, die wiederum teil der staatlichen französischen Eisenbahngesellschaft SNCF ist. Dennoch hat die FVE ihren Sitz nach wie vor in Farge, in unmittelbarer Nähe zum dortigen Bahnhof. Aktuell arbeiten für das Unternehmen 22 Menschen in den Bereichen Verwaltung und Infrastruktur. „Einige Kollegen sind auch für die Infrastruktur der Teutoburger Wald-Eisenbahn in Gütersloh zuständig“, sagt Wilkening.

Auf der Stammstrecke zwischen Farge und Vegesack rollen heutzutage jährlich rund 29 000 Züge. Ein Teil davon sind nach wie vor Güterzüge. „Grundsätzlich dürfen – bis auf wenige Ausnahmen – alle Güter transportiert werden. Die Transporte variieren je nach Auftragslage“, sagt Wilkening. Besonders häufig würden allerdings Güter für das Energie-Kraftwerk in Farge über die Gleise der FVE transportiert.

Auch wenn die Nordwestbahn seit der Reaktivierung der Strecke 2007 für den Personenverkehr im Bremer Norden zuständig ist, kümmert sich die Farge-Vegesacker Eisenbahn trotzdem noch um die Infrastruktur zwischen den Haltepunkten Vegesack und Farge. „Wir halten zum Beispiel die Bahnhöfe instand. Aber auch die Modernisierung von 25 Bahnübergängen entlang der Strecke ist unsere Aufgabe“, erzählt Wilkening.

So war die Farge-Vegesacker Eisenbahn auch bei der Ertüchtigung der Strecke vor 13 Jahren beteiligt. „Das passierte damals in Zusammenarbeit mit dem Land Bremen in nur sieben Monaten“, erinnert sich der Geschäftsführer. Zwischen 2010 und 2011 wurde die Strecke zudem elektrifiziert, damit die Bahnen der Regio-S-Bahn Farge umstiegsfrei mit dem Hauptbahnhof verbinden können.

Die Zukunft seines Unternehmens sieht Geschäftsführer Henrik Wilkening positiv. „Gerade der Schienenpersonennahverkehr wird als nachhaltiges und klimaschonendes Verkehrsmittel mehr denn je genutzt. Hinzu kommt, dass der CO2-Ausstoß von Güterzügen fünfmal geringer ist als von Lkws“, sagt er und verweist dabei auf eine Untersuchung des Umweltbundesamtes. „Die Transportlösungen auf der Schiene sind für den Klimaschutz deshalb eine große Chance.“

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