Interview

Frauenhaus-Chefin: „Häusliche Gewalt ist eine Atmosphäre“

Im Gespräch mit den VERDENER NACHRICHTEN erklärt Ulla Schobert, die Leiterin des Frauenhauses, warum Frauen so oft Opfer von Gewalt werden und wo sie Hilfe finden.
30.01.2019, 17:16
Lesedauer: 6 Min
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Von Marie Lührs
Frauenhaus-Chefin: „Häusliche Gewalt ist eine Atmosphäre“

Schon vor der ersten Ohrfeige beginnt die Gewalt mit Beschimpfungen und Herabwürdigungen.

Maurizio Gambarini

Warum werden Frauen so häufig Opfer von Gewalt?

Frauen werden besonders häufig Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt und Gewalt durch Beziehungspartner. Dabei spielt das Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Macht und Kontrolle in der Beziehung werden von den Männern mit Gewalt durchgesetzt. Zudem erhöht das Miterleben häuslicher Gewalt in der Kindheit das Risiko, als erwachsene Frau ebenfalls Opfer von Gewalt durch den Beziehungspartner zu werden.

Gibt es eine Altersgruppe, die besonders häufig betroffen ist?

Eine EU Studie belegt, dass 35 Prozent der Frauen in Deutschland körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Partner oder eine andere nahe stehende Person seit ihrem 15. Lebensjahr erlitten haben. 60 Prozent der Frauen haben mindestens eine Form der sexuellen Belästigung erfahren. Das betrifft alle Altersgruppen. Besonders häufig sind junge Frauen bis 30 Jahren von Gewalt in der Partnerschaft betroffen. Das mag daran liegen, dass in diese Zeit die meisten Risikofaktoren fallen. Ein besonderes Risiko besteht in Zeiten von Veränderungen, zum Beispiel Heirat oder Zusammenziehen, Schwangerschaft und erste Lebensjahre des Kindes, Trennung oder Beginn des Ruhestandes. So sind gerade auch Seniorinnen betroffen! Das Risiko, Opfer von Gewalt in der Beziehung zu werden, nimmt ab 60 Jahren zu und steigert sich noch einmal in der Altersgruppe der 65- bis 70-jährigen Frauen.

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Wo fängt Gewalt an?

Gewalt beginnt schon vor der ersten Ohrfeige mit Beschimpfungen, Beleidigungen, Herabwürdigungen, lächerlich machen vor anderen sowie Kontrolle und Isolierung. Oft verlangt der Partner, genau zu wissen, was die Frau macht, mit wem sie sich trifft und was sie mit ihren Freundinnen oder ihrer Familie bespricht. Er ruft beispielsweise ständig an, um zu kontrollieren, ob sie auch Zuhause ist, prüft Kassenbons, um zu kontrollieren, ob und wie lange sie einkaufen war, holt sie von der Arbeit ab, damit sie sich nicht mit Kolleginnen oder Kollegen trifft und so weiter. Die Gewalt steigert sich mit der Zeit und erfolgt immer häufiger. Von der Ohrfeige zu schweren Formen der Misshandlung ist der Weg vorgezeichnet. Besonders gefährlich ist für die Frauen die Zeit der Trennung. In diese Zeit fallen die meisten gefährlichen Körperverletzungen mit schweren Verletzungen sowie Totschlag und Mord zum Opfer.

Warum ist es für viele Frauen so schwierig, sich von einem gewalttätigen Partner zu trennen?

Häusliche Gewalt ist nicht „eine“ Misshandlung, sondern eine Atmosphäre, in der dem Opfer die Schuld und die Verantwortung für das Verhalten des Täters gegeben wird. Die Opfer erleben eine Gewaltspirale. Viele Täter zeigen nach der Tat Reue und versprechen Besserung. Das möchten die Frauen gern glauben. Jedoch erleben sie nach dieser Phase eine Phase der Bagatellisierung und Schuldzuweisung durch den Täter. Er behauptet, es sei ja gar nicht so schlimm gewesen und die Frau habe ihn durch ihr Verhalten erst dazu gebracht, zuzuschlagen. Das führt zu Scham- und Schuldgefühlen. Frauen versuchen dann, alles besser zu machen. Tatsächlich führt das aber nur zu weiteren Misshandlungen. Viele Frauen schätzen auch die Gefahr der Trennungssituation realistisch ein und haben große Angst davor. Zudem führt die erlebte Hilflosigkeit in der Misshandlungssituation zu einer Traumatisierung der betroffenen Frauen. Das macht es ihnen schwer, sich ohne Hilfe zu trennen. Und nur etwa jede fünfte Frau ist über Hilfs- und Unterstützungsangebote informiert. Nicht zu unterschätzen ist auch die Haltung von Außenstehenden, die nicht glauben mögen, dass der nette und hilfsbereite Bruder, Nachbar oder Arbeitskollege ein Gewalttäter ist. Statt Unterstützung erfahren die Frauen hier Entmutigung.

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Wie können Außenstehende Betroffenen helfen?

Wenn sich die Frau nahe stehenden Personen anvertraut, ist das Wichtigste, ihr zuzuhören und ihr zu glauben. Dann sollten sie die Betroffene über Hilfs- und Unterstützungsangebote informieren und ihr auch anbieten, sie zum ersten Beratungstermin zu begleiten. Grundsätzlich gilt es, aufmerksam zu sein und bei begründetem Verdacht wie Beobachten von Misshandlungen oder Hilferufen aus der Nachbarwohnung die Polizei zu rufen.

Welche Unterstützung bietet die BISS?

Die BISS berät und unterstützt die Opfer von häuslicher Gewalt insbesondere nach einem Polizeieinsatz. Betroffene können sich aber auch selbst melden. Sie erhalten Informationen über das Gewaltschutzgesetz. Das Gesetz ermöglicht ihnen, sich die Wohnung zuweisen zu lassen und eine Verfügung zu erlangen, die dem Täter verbietet, sich ihr zu nähern oder ihr etwa an der Arbeitsstelle, dem Sportclub, dem Kindergarten oder der Schule der Kinder aufzulauern. Sie werden auch zum Gericht, der Polizei oder Anwältin begleitet, wenn sie es wünschen. Außerdem wird mit ihnen die Gefährdungssituation geprüft und ein individueller Sicherheitsplan erstellt. Um die Belastungen nach erlebter Gewalt zu bearbeiten, bieten wir darüber hinaus Beratung zum Verarbeiten der erlittenen Gewalt und zur Stärkung des Selbstwertgefühls und des Selbstbewusstseins an. Wenn nötig, vermitteln wir weiterführende Hilfen. Wir beraten ebenso Frauen, die von Stalking oder Zwangsverheiratung betroffen sind. Auch für Kinder, die häusliche Gewalt miterlebt haben, bieten wir Beratung und Unterstützung an.

Was für Frauen suchen in der Beratungsstelle Hilfe?

Etwa zwei Drittel der Frauen haben einen Polizeieinsatz wegen häuslicher Gewalt erlebt. Über diese Einsätze informiert uns die Polizei. Wir nehmen Kontakt zu den Opfern auf und bieten unsere Hilfe und Unterstützung an. Ein weiteres Drittel hat von uns gehört und meldet sich selbst. Es sind Frauen jeder Altersgruppe und jeder sozialen Schicht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in einer gewalttätigen Beziehung leben oder andere Formen von Gewalt erleiden. Manche kommen, um für sich zu klären „Ist das schon Gewalt und was kann ich tun?“. Manche haben schon sehr lange Gewalt erlebt und suchen Hilfe bei der Trennung.

Wann ist das Frauenhaus eine Lösung?

Im Frauenhaus werden Frauen, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind, zusammen mit ihren Kindern aufgenommen. Hier erhalten sie intensive Hilfe und Unterstützung in Fragen der Sicherheit, bei der Bearbeitung ihrer Gewalterfahrungen, der Sicherung ihrer Lebensgrundlage und beim Aufbau eines eigenständigen gewaltfreien Lebens. Dabei werden sie von einer festen Ansprechpartnerin begleitet. Die Kinder werden ebenso unterstützt. Einzelförderung, Hilfe bei den Hausaufgaben und verschiedene Gruppenangebote sollen ihnen helfen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden, Sicherheit zu erfahren und wieder Lebensfreude zu entwickeln. Die von Gewalt betroffenen Frauen entscheiden selbst, ob das Angebot der BISS oder des Frauenhauses für sie die richtige Lösung ist. Besonders gefährdete Frauen und Frauen, die einen Neuanfang an einem neuen Ort planen, wählen eher das Frauenhaus.

Wie viele Frauen leben dort? Und wie sieht ihr Alltag aus?

Im Frauenhaus können bis zu elf Frauen zusammen mit ihren Kindern leben. Sie leben in verschiedenen Wohnbereichen. Alle erhalten ein eigenes Zimmer, größere Familien zwei. Es stehen ihnen sechs Bäder, vier Küchen, zwei Wohnzimmer und ein schöner großer Garten zur Verfügung. Der Alltag ist ganz normal. Jede Frau führt ihren eigenen Haushalt und versorgt ihre Kinder selbst. Schulpflichtige Kinder gehen zur Schule, die Vorschulkinder werden an drei Tagen vormittags in der Gruppe betreut. Manche Frauen gehen ihrer Arbeit nach, manche mussten ihre Arbeitsstelle bei der Flucht aufgeben, müssen sich neu orientieren und vorübergehend Hilfe zum Lebensunterhalt beantragen. Darüber hinaus sind im Rahmen der Trennung viele Dinge wie Haushaltsauflösung, Sorge- und Umgangsrecht für die Kinder zu regeln. Die Aufarbeitung der erlebten Gewalterfahrungen ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt für die Frage, wie gestalte ich jetzt mit den Kindern meine neue Zukunft.

Minderjährige können in dem Frauenhaus nicht aufgenommen werden – wie wird Ihnen geholfen?

Kinder können zusammen mit ihrer Mutter ins Frauenhaus aufgenommen werden. Jugendliche, die selbst Opfer von Gewalt sind, können sich in der BISS beraten lassen. Gemeinsam entwickeln wir Lösungen und vermitteln auch in spezialisierte Einrichtungen für Minderjährige.

Warum ist die Adresse des Frauenhauses geheim?

Aus Sicherheitsgründen. Täter sollen die betroffenen Frauen nicht weiter bedrohen können. Die Frauen sollen die Möglichkeit haben, zur Ruhe zu kommen.

Gibt es im Landkreis Verden ein ausreichendes Unterstützungsangebot für Frauen und Mädchen?

Im Landkreis Verden gibt es ein vielfältiges Beratungs-, Hilfs- und Unterstützungsangebot für Frauen und Mädchen. Neben Frauenhaus und BISS gibt es die Frauenberatung Verden und Horizonte mit dem Schwerpunkt sexuelle Gewalt. Durch gute Zusammenarbeit und Vernetzung können wir gemeinsam viel erreichen. Probleme gibt es bei der therapeutischen Versorgung für traumatisierte Frauen. Sie müssen lange Wartezeiten auf sich nehmen.

Das Interview führte Marie Lührs.

Info

Zur Person

Ulla Schobert ist seit 2000 geschäftsführende Leiterin des Frauenhauses – 2002 kam die BISS (Beratungsstelle für häusliche Gewalt) hinzu. Bereits 1992 begann ihre Tätigkeit im Verdener Frauenhaus, das vom Verein „Frauenhaus Verden – Frauen helfen Frauen“ getragen wird.

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