Heiner Mattfeldt aus Daverden Weltumsegelung mit Hindernissen

Mit Walen schwimmen, vor traumhaften Buchten ankern: Das hat Heiner Mattfeldt aus Daverden bei seiner Weltumsegelung erlebt. Es gab aber auch andere Begegnungen: mit einem Felsen und mit Corona.
18.07.2020, 05:00
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Weltumsegelung mit Hindernissen
Von Peter Voith

Er ist ein Norddeutscher durch und durch. Viel Aufhebens um seine Person macht er nicht gerne. Gut, Heiner Mattfeldt aus Daverden hat mit seinem zwölf Meter langen Segelboot den Atlantik überquert – und das nicht nur einmal. Der Laie denkt an Stürme und hohe Wellen. Der 69-jährige Rentner sagt: „Der Törn ist total entspannt. Man hat immer die Passatwinde aus Osten.“ Gut, Heiner Mattfeldt hat auf einem seiner vielen Törns Schiffbruch erlitten, als er mit seiner „Dörtita“ auf ein in den Karten nicht eingezeichnetes „Unterwasserhindernis“ stieß und sich schon innerlich von seinem Schiff verabschiedete, aber Heiner Mattfeldt sagt heute gelassen: „Ist ja noch mal gut gegangen.“ Jetzt gehört der gelernte Fernmeldemechaniker zu der erlesenen Gruppe von Menschen, die auch noch die Welt umsegelt haben.

Das indes macht ihn schon ein bisschen stolz. Heiner Mattfeldt zeigt in seiner Daverdener Dachgeschosswohnung auf einen Glaswürfel auf seiner Anrichte, den er von seinem Verein „Transocean Cuxhaven“ bekommen hat und der eine stilisierte Weltkugel beherbergt. Darauf eingraviert steht: „Transocean, Dörtita 2019“. Den Würfel hätte er eigentlich schon viel früher bekommen sollen. Aber den ursprünglichen Plan, sein Boot in diesem Frühjahr von der Karibik zurück in seinen Heimathafen Bremerhaven zu segeln, musste er aufgeben – wegen Corona. Wochenlang durfte er sein Boot in der Karibik nicht verlassen, bekam keinen festen Boden unter den Füßen. Nachdem er dann hatte lossegeln dürfen und den Atlantik überquert hatte – „ein lausiger Törn mit viel Gegenwind“ – lief er am 2. Juni im französischen Brest ein. Wieder an Land musste er ein paar Treppen steigen. Und erinnert sich: „Am nächsten Tag hatte ich Muskelkater ohne Ende.“

Lesen Sie auch

Heiner Mattfeldt ist die Segelleidenschaft nicht in die Wiege gelegt worden. Seine ruhige Art vielleicht. Aber nicht seine Rastlosigkeit. Die zeigte sich schon, als er 27 Jahre alt war. Er hatte seine Fernmeldetechniker-Ausbildung hinter sich und hätte bei der Bundesbahn verbeamtet werden und ein sorgloses Leben führen können. Aber was machte er? Er kündigte, weil er etwas von der Welt sehen wollte – auf seiner 250-er Honda. Also schmiedete er zusammen mit seinem Freund Artur Buchholz den Plan, mit dem Motorrad einmal um die Welt zu fahren. 1978 war es dann soweit: Anderthalb Jahre später hatten beide Motorräder jeweils 80 000 Kilometer mehr auf dem Tacho. Schon damals, so sagt er, habe er sich in den Häfen der Welt die Segelyachten angeschaut – und zu sich und seinem Freund gesagt: „Das mache ich als nächstes.“

Zuerst auf einer Jolle und dann auf einer Yacht

Nachdem er von der Motorrad-Weltreise zurück war, lernte er seine spätere Frau Dörte kennen. Auch sie konnte sich fürs Segeln begeistern. Sie machten Segelscheine, segelten zuerst auf einer Jolle und dann auf einer Yacht. 1987 ging es Richtung Mittelmeer. Hier lernte das Paar auch einige Spanier kennen, die seine Frau Dörte „Dörtita“ (die Verniedlichungsform) nannten – womit auch der Name seiner später von 1993 bis 1995 in Polen erbauten Yacht geboren war.

Kaum war die Dörtita nach seinen Wünschen fertiggestellt, ging es 1996 zum ersten Mal mit zwei Bekannten über den Atlantik: von den Kanarischen Inseln 2800 Seemeilen in die Karibik. Die Karibik sollte in den Folgejahren immer wieder für mehrere Monate, für die er in seinem Job als Fernmeldemechaniker Urlaub nahm, seine zweite Heimat werden: „Das ist das schönste Revier überhaupt. Schöne Ankerbuchten, eine Traumlandschaft einfach.“ Bevor er zu seiner Weltreise aufbricht, ist er immer wieder in der Karibik, lässt das Boot meistens da.

Denn in der Hurrikan-Zeit von Juni bis Oktober muss es aus dem Wasser. Im Jahr 2000 segelt er die „Dörtita“ zurück nach Bremerhaven, sie muss überholt werden. Die nächsten Jahre verbringt er mit seinem Boot mehrfach im Mittelmeer (Türkei, Griechenland, Tunesien), auf der Ostsee, und einmal macht er einen Törn um die britische Insel. Immer sind Bekannte und Freunde an Bord, die sich bei den jeweiligen Etappen abwechseln und – immer abhängig von ihrem jeweiligen Einkommen – Beträge für die Bordkasse hinterlassen.

Von Bremerhaven nach Barbados

In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends reift sein Plan, die Welt zu umsegeln. Am 27. Mai 2013 ist es endlich so weit. Von Bremerhaven aus segelt er mit wechselnden Crews Richtung Kanarische Inseln. Am 21. September macht er im Hafen von Teneriffa fest, wo er sich und das Schiff acht Wochen lang auf die Atlantiküberquerung vorbereitet. Am 18. November startet Mattfeldt zusammen mit seinen Bekannten Manfred Schlösser und Hans-Otto Teschner die Atlantiküberquerung. Vier Wochen später machen sie in Barbados fest.

In den nächsten Jahren erleben Heiner Mattfeldt und die wechselnden Crews wunderbare Tage an Land und im Wasser. Diverse Schulen von Delfinen kreuzen immer wieder ihr Boot, Wale tauchen auf und wieder ab. Einmal, nahe einer der vielen Inseln des Königreichs Tonga im Südpazifik, kann er – begleitet von einem heimischen Guide – sogar Minuten lang mit Buckelwalen schwimmen, die sich dort zur Paarungszeit immer versammeln. Jetzt wird Mattfeldt auch einmal emotional und sagt: „Ein supergeiles Erlebnis.“

Nahe der Galapagos Inseln liegt er vor Anker und ein Seelöwe denkt sich: Ich müsste mich mal ausruhen. Und was macht er? Er legt sich auf das Badebord am Heck der Dörtita. „Der hat sich durch uns überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen.“ Bei St. Helena gelingt es ihm sogar, über einem 15 Meter langen Walhai zu schnorcheln und dieses Erlebnis mit einem Fotoapparat festzuhalten: „Das werde ich mit Sicherheit auch nie vergessen.“ Ebenso wie das Erlebnis, als er mit seinem Freund Alfons Adam – der Daverdener bekam gerade das Bundesverdienstkreuz wegen seines Engagements für Schwerbehinderte (wir berichteten) – auf der indonesischen Insel Komodo auf riesige nach der Insel benannte Warane traf. Die Echsen, von denen es noch 3000 bis 4000 Exemplare gibt, können bis zu drei Meter lang werden, ihre Art gilt laut Weltnaturschutzunion als gefährdet.

Die Begegnung mit einem unkartierten Unterwasserhindernis

2014 noch in der Karibik unterwegs, ging es 2015 nach Panama. Dann durch den Kanal, von dort an den Galapagos-Inseln vorbei über Tahiti, Bora Bora bis nach Whangarei auf Neuseeland. Dort machte das Boot am 30. Oktober 2016 fest, um im April des folgendes Jahres nach Vanuatu zu starten. Mit an Bord ist sein guter Freund Wolfgang „Ede“ Zambok, der – wie Alfons Adam – mehrere Etappen der Weltumsegelung begleitete. Vor Port Resolution auf der Insel Tanna geschah es: die Begegnung mit einem unkartierten Unterwasserhindernis, wahrscheinlich einem Felsen.

Heiner Mattfeldt, sonst die Ruhe selbst, erzählt jetzt etwas aufgeregter: „Die Ruderwelle verbog sich, schlug ins Heck und verursachte ein großes Leck. Wir waren manövrierunfähig, das Boot drohte zu sinken.“ Mattfeldt zündete rote Signalraketen, was zum Glück ein paar Einheimische auf der Insel sahen. Die wiederum alarmierten den australischen Skipper Robert Latimer, der mit seiner Yacht „Chimere“ in der Bucht vor Anker lag. Er kam schnell zu Hilfe und, so Mattfeld, „Gott sei Dank hatte er eine elektrische Lenzpumpe an Bord, sodass wir das Wasser erstmal weitgehend aus dem Schiff bekamen und abgeschleppt werden konnten“.

Die „Dörtita“ musste zur Reparatur in die Werft. Fast ein Jahr dauerte es, bis sie wieder seetüchtig war. Von Juni bis Ende Juli 2018 segelte Mattfeldt wieder mit seinem Freund Alfons Adams: von Port Vila (Australien) nach Bali (Indonesien). Mitte August kam wieder „Ede“ Zambok an Bord, um das Boot bis kurz vor Weihnachten nach Lüderitz (Namibia) zu segeln – diesmal ohne nennenswerte Zwischenfälle, aber mit einer Besonderheit. Mattfeldt: „Auf dieser Reise erreichte ich die 100 000-Seemeilen-Marke meines Seglerlebens.“

Ende Januar ging es, wieder mit „Ede“ Zambok, weiter über den Südatlantik Richtung nördliche Küste Lateinamerikas. Am 23. März 2019 war es dann soweit: „Zusammen mit Ede durchkreuzte ich an diesem Tag die Kurslinie vom 6. Mai 2014 in Trinidad. Nach genau 37 397 Seemeilen hatte ich die Welt umsegelt.“

Ein gutes halbes Jahr machte sich Mattfeldt zusammen mit Freunden auf, sein Schiff wieder nach Deutschland zurückzubringen. Er kam bis zur Karibikinsel St. Kitts. Dann kam Corona. Die beiden Frauen, die bis hierhin mitgesegelt waren, Ulrike Wächter und Ute Mellentin, waren verzweifelt. Sie kamen nicht weg. Alle drei nahmen Kontakt mit dem deutschen Konsulat auf. Aber keine Chance, dort zu verschwinden – bis sich plötzlich doch noch eine Möglichkeit ergab. Es sollte einen „allerletzten Flug nach London“ geben, in dem noch einige Plätze frei waren. Die beiden Frauen zögerten keine Sekunde, obwohl dieser Flug mit rund 2350 Euro fast dreimal so teuer war wie der eigentlich gebuchte. Aber es half nichts.

Doch nun stand Heiner Mattfeldt alleine da. Er musste im Hafen ankern, durfte nicht an Land und wurde von Einheimischen versorgt, die mit dem Schlauchboot täglich von Schiff zu Schiff fuhren. Drei Wochen dauerte es, bis Heiner Mattfeldt die Behörden überzeugen konnte, ihn doch aus dem Hafen fahren zu lassen. Sein Ziel war das 80 Seemeilen entfernte Guadeloupe. Denn er hatte erfahren, dass Seglerfreunde dort vor Anker lagen. Und: Guadeloupe gehört zu Frankreich, also zur EU. Dort angekommen, musste er zwar in einer Bucht ankern, durfte aber kurz Land betreten, um beim Bäcker und im Supermarkt einzukaufen. Dann musste er aber sofort zurück aufs Schiff. Sein Problem war damit aber noch nicht gelöst: Denn Mattfeldt hatte immer noch keine Crew, die das Schiff zurück über den Atlantik nach Bremerhaven segeln konnte. Die dafür vorgesehenen Freunde konnten ja nicht einreisen, weil der Flugverkehr komplett darnieder lag. Der Zufall sollte ihm zu Hilfe kommen.

Ein Schiff für einen Euro

Er erfuhr, dass ein Bekannter von ihm, der 70-jährige Peter Frahm, in Grenada vor Anker lag und auch nach Hause wollte. Frahm habe wegen seines Alters ohnehin mit dem Segeln aufhören und sein Schiff verkaufen wollen. „Schließlich hat er das Schiff an ein paar Junge Leute für einen Euro verkauft – also quasi verschenkt“, schmunzelt Mattfeldt noch heute über diese Aktion.

Am 28. April diesen Jahres stachen sie in See und machten schließlich gute sechs Wochen später, am 15. Juni, in Bremerhaven fest. Mattfeldt erinnert sich: „Wir wurden von etlichen Leuten empfangen. Und ich weiß gar nicht, ob der Empfang gegen die Corona-Regeln verstieß. Aber in dem Moment war mir das auch egal. Es war einfach ein toller Empfang.“

Jetzt ist Mattfeldt wieder zu Hause in Daverden. Sein Boot muss an vielen Stellen repariert werden. Ob er noch mal auf große Fahrt geht? Er weiß es noch nicht, glaubt es aber eher nicht. Vielleicht verkauft er sein Boot, vielleicht segelt er noch ein bisschen in Nord- und Ostsee. Erstmal plant der immer noch rastlose Rentner eine Fahrradtour mit Freunden. Was er jetzt sagt, klingt ein bisschen nach Bilanz: „Ich habe in den über 30 Jahren meines Seglerlebens mindestens 15 Jahre an Bord verbracht, bin insgesamt 117.000 Seemeilen gesegelt. Bei meiner Weltumsegelung haben mich 49 Mitsegler begleitet, viele davon mehrfach. Wir haben 50 Länder besucht und dabei 252 Ankerplätze und Häfen.“ Der Norddeutsche durch und durch sinniert einen kurzen Moment und zitiert dann schmunzelnd einen bekannten Italiener: „Ich habe fertig.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+