Kultur

Umplanen ist Alltag während Pandemie

Das Kulturbüro Bremen-Nord hat wegen Corona bis dato rund 200 Veranstaltungen dreimal verschoben. Das Team lässt sich aber nicht entmutigen und plant immer wieder neu.
22.01.2021, 05:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Imke Molkewehrum

Bremen-Nord. Spaziergänge, Joggen oder Radfahren haben aktuell Hochkonjunktur. Die meisten Menschen sehnen sich aber auch nach Gastronomie und Kultur. In Bremen-Nord sorgt das Kulturbüro mit Overbeck-Museum, Kito, Bürgerhaus Vegesack, und Kulturbahnhof für Bildende Kunst, Musik, Theater, Lesungen, Partys, Kinderzirkus oder Seniorenarbeit. Kurzum für alles, was das Leben bereichert und seit Wochen und Monaten fehlt.

Malte Prieser ist für das Programm des Kulturbüros zuständig. Aktuell ein eher frustrierender Job. „Zu Beginn der Pandemie war das erste Ziel, unsere vier Einrichtungen abgesichert zu wissen“, sagt der Kulturwissenschaftler. „Wir waren ja die Ersten, die vom Lockdown betroffen waren.“ 90 Prozent der Tätigkeiten seien prompt entfallen. Einzig das Overbeck-Museum habe anfangs noch öffnen können. Mithilfe von Behörde und Politik seien die vier Einrichtungen und Mitarbeiter dank der Kurzarbeit nun aber abgesichert.

„Das ist bei den freien Künstlern aber leider nicht der Fall“, sagt Malte Prieser. „Mir tut es deshalb immer noch leid, dass wir Künstler verschiedener Genres im Sommer animiert haben, bei uns mitzumachen. Wir hatten in allen vier Einrichtungen ein coronakonformes Konzept und Programm aufgestellt, aber das war dann alles für die Katz. Wir mussten im Oktober alles wieder absagen“, bedauert der 42-Jährige.

Die Cafeteria des Bürgerhauses sei beispielsweise vergeblich mit Desinfektionsmittel-Spendern, Laufwegen und Plexiglasscheiben ausgestattet worden. Natürlich gebe es Verständnis für die Maßnahmen, „aber es war unheimlich frustrierend, dass wir alles umsonst geplant hatten“. Umso dankbarer sei das Kulturbüros-Team, dass der Kulturbahnhof - in einer Zwischennutzung gegen Miete - für Gerichtsverhandlungen genutzt worden sei.

Kräftezehrend ist dagegen das ständige Umdenken bei den Events. „Wir haben circa 200 Veranstaltungen, die wir jetzt zum dritten Mal abgesagt haben“, erzählt Prieser. Theoretisch sei die erste Veranstaltung dieses Jahres für den 4. Februar geplant. Auf dem Kalender steht ein Konzert mit den vier Streichern des „Kaiser-Quartetts“, aber auch das wird wohl nicht stattfinden. Prieser: „Allein im Februar hätten wir 20 Veranstaltungen gehabt, aber die Planungen sind wohl wieder für den Eimer.“

Für die Künstler ist das ein Desaster. Es gebe zwar Fördermaßnahmen, aber das Geld komme oft nicht an. Vielen bleibe nur der Gang zum Amt, weiß der Kulturexperte. Und der sei mitunter erniedrigend. Einer klassischen Musikerin, die beim Arbeitsamt Hartz IV beantragen wollte, habe die dortige Mitarbeiterin geraten, erst mal ihre Geige zu verkaufen.

Ähnlich sei es einem renommierten Tour-Begleiter ergangen. Er müsse aus seiner geräumigen Wohnung ausziehen, bevor er Unterstützung erhalte. Prieser: „Das muss doch mit Blick auf die spezielle Situation anders gehandhabt werden.“ Manchen Menschen breche 100 Prozent des Umsatzes weg. „Ich kenne Leute, die aktuell nicht mehr überleben können und eine andere Berufslaufbahn einschlagen, beispielsweise als Lehrer oder in Pflegeberufen.“

Schwierig sei die aktuelle Lage aber auch für lokale Anbieter, die sich für das Kulturbüro um die Security, das Catering oder die Technik gekümmert haben. „Die waren immer mit Inbrunst dabei, kannten die Häuser und haben mit den Künstlern kontaktet.“ Hierbei habe nicht unbedingt das Geld im Vordergrund gestanden, betont Prieser, „aber die Leidenschaft geht verloren, wenn man nicht weitermachen kann“.

Malte Prieser geht davon aus, dass sich der Kulturbereich erst 2023 langsam normalisiert, „weil wir aktuelle Veranstaltungen schon jetzt auf 2022 verlegen. Erst für 2023/24 können wir wieder neu denken.“ Bis dahin gelte es, offen für neue Ideen zu sein. Und diese Bereitschaft zeige sich aktuell sogar bei sonst eher anspruchsvollen prominenten Künstlern. Die Namen will Prieser nicht nennen. Fakt sei aber, dass für einige Musiker, die zuvor bei Technik und Licht jedes Detail vorgegeben hätten, der eigentliche Auftritt im Vordergrund stehe. „Plötzlich gehen sie back to the roots.“

Zurück zu den Wurzeln will auch das Team des Kulturbüros. „Das Overbeck-Museum ist sicher der erste Ort, der geöffnet wird“, meint Malte Prieser. Im Fokus des Kulturbüros stünden gegebenenfalls aber auch Corona-gemäße Veranstaltungen für Kinder und Senioren. Erfahrungen mit geeigneten Konzepten habe das Kulturbüro im September und Oktober während der Aktionswochen „Gemeinsam gegen Ausgrenzung und Diskriminierung“ gemacht. Die Lesungen und Workshops in Kooperation mit dem Mädchentreff „Lilas Pause“, der Initiative „Partnerschaft für Demokratie“, dem Denkort Bunker Valentin oder dem Blumenthaler „Nunatak“ seien gut angekommen. „Daraus ist eine tolle Veranstaltung mit lokalen Künstlern entstanden. Das könnte auch nachhaltig werden“, meint Prieser.

Partys mit 500 Jugendlichen im Kulturbahnhof werde es dagegen leider wohl langfristig nicht geben. Zur Diskussion stehe mittelfristig maximal eine Bestuhlung des Kubas für 30 Personen. Malte Prieser sieht es positiv: „Aber wir freuen uns schon jetzt auf all unsere Gäste, die uns hoffentlich nicht vergessen und später umso häufiger kommen werden.“

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