Praxisdichte im Bremer Norden Wieder ein Arzt weniger

Hans-Jürgen Loewe hat jahrelang vergeblich nach einem Partner für seine Praxis gesucht. Jetzt geht der Blumenthaler Mediziner – und löst damit eine erneute Debatte über Ärztemangel aus.
01.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wieder ein Arzt weniger
Von Christian Weth

Hans-Jürgen Loewe hat so lange nach einem Partner für seine Praxis gesucht, dass er gar nicht mehr genau sagen kann, wie lange. Es könnten sechs, aber auch sieben Jahre gewesen sein. Inzwischen sucht der Mediziner nicht mehr. Jetzt geht er. Und nimmt seinen Praxissitz mit. Von Rekum nach Marßel. Von einer Einzel- zu einer Gemeinschaftspraxis. Loewe sagt, keine andere Wahl zu haben – und die Politik, dass es wieder einen Arzt weniger in Blumenthal gibt.

Loewe meint, alles versucht zu haben: Er bot seine Praxis und eine Partnerschaft auf Börsen an, in Gesprächen mit Kollegen, bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Der Verband der Mediziner sollte helfen, jemanden zu finden. Laut Loewe wird es einem Arzt, der keinen Partner hat, immer schwerer gemacht, für die Patienten da zu sein. Das hat der Mediziner ihnen auch geschrieben. In einem Merkblatt an sie weist er darauf hin, dass die Bürokratie zugenommen hat. So sehr, dass sie für einen Arzt allein zu viel ist.

Warum sich niemand für seine Praxis interessiert hat, darüber kann Loewe nur spekulieren. Er sagt, was auch andere Mediziner sagen: dass der Norden der Stadt vielen Berufsanfängern weniger attraktiv und lukrativ erscheint. Dass es in Blumenthal, Vegesack und Burglesum ihrer Meinung nach weniger Privat- und mehr Kassenpatienten gibt als in Schwachhausen, Mitte und Oberneuland. Und dass das am Ende den Ausschlag dafür gegeben haben könnte, sich nicht zu bewerben. Weder auf eine Partnerschaft noch um eine Nachfolge.

Dabei war Loewes Praxis in Rekum alles andere als eine Landarztpraxis, die gerade mal so eben bestehen konnte. Der Mediziner sagt, dass die Zahl der Patienten in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Nach seiner Rechnung hatte er 2250 Personen in seiner Kartei, von denen zwar nicht alle, aber viele regelmäßig in die Praxis kamen. Jetzt hofft Loewe, dass ein Teil seiner Patienten mit ihm in die Gemeinschaftspraxis nach Marßel wechselt – und ein anderer, der nicht so mobil ist, auf sein Angebot eingeht, ihn zu Hause zu besuchen.

Beiratspolitiker hoffen etwas anderes: Dass die Zahl der Praxen in Blumenthal nicht ab, sondern wieder zunimmt. Dass die Kassenärztliche Vereinigung die Versorgung mit Medizinern nicht bloß stadtweit betrachtet, sondern auch ortsteilbezogen. Und dass sie zusammen mit der Behörde endlich Anreize wie Boni und Hilfe bei der Wohnungssuche schafft, damit nicht passiert, was jetzt in Rekum geschieht: Bisher gab es mit Loewe zwei Hausärzte im nördlichsten Ortsteil Bremens, ab diesem Monat gibt es dort noch einen Allgemeinmediziner.

Dass es einen Mangel an Ärzten gibt, davon gehen inzwischen alle Nordbremer Ortsamtsleiter aus. Auf der Dezember-Sitzung des Regionalausschusses erklärten sie das Problem zu einem immer größeren werdenden Problem. Die Verwaltungschefs sprachen nicht nur von Hausärzten, die fehlen, sondern auch von Amts- und Fachärzten. Ihnen zufolge ist die Medizinerdichte inzwischen so dünn, dass bei einem Aus einer einzigen Praxis die Zahl der verbleibenden Spezialisten im Ortsteil gleich um ein Drittel oder um die Hälfte sinkt.

Christoph Fox kennt die Rechnungen, die aufgemacht werden – und auch die Zahlen, die kursieren. Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung hat andere. Und nach denen ist der Stadtbezirk über- statt unterversorgt. Nach seiner Rechnung gibt es allein in Blumenthal 19 Hausärzte, ohne die Praxis von Loewe. Dass es in einigen Gebieten der Stadt mehr Ärzte gibt als in anderen, weiß auch Fox. Der Medizinerverband erlebt es immer wieder, dass Bewerber erklären, gerne nach Bremen kommen zu wollen, aber ungern nach Bremen-Nord.

Fox sagt, dass sich die Kassenärztliche Vereinigung seit Jahren dafür ausspricht, mit der Politik an Mechanismen zu arbeiten, um weniger gefragte Stadtteile bei Ärzten gefragter zu machen. Doch bisher, meint er, stellen sich die Parteien dieser Verantwortung nicht. Von finanziellen Anreizen, die immer wieder gefordert werden, hält der Sprecher wenig. Er glaubt, dass sie verpuffen, weil sie in vielen Regionen angeboten werden. Und einfach festlegen, dass ein Praxissitz bleibt, wo er ist, kann der Verband nicht. Fox zufolge fehlt ihm dafür die gesetzliche Basis.

Die SPD in Blumenthal will trotzdem über neue Entscheidungsgrundlagen sprechen – und über Möglichkeiten, wie das Minus an Praxen aufgefangen werden kann. So steht es in einer Aufforderung an die Gesundheitsbehörde und die Kassenärztliche Vereinigung, über die der Beirat auf seiner nächsten Sitzung abstimmen soll. Bis dahin hat Loewe längst in der neuen Praxis angefangen. 28 Jahre war er in Rekum. Mit seinem Wechsel nach Marßel wird dort die Zahl der Ärzte nicht steigen. Auch Loewe schließt eine Lücke. Er kommt für einen Kollegen, der gestorben ist.

Info

Zur Sache

Anreize für Ärzte

Überlegungen, wie der Bremer Norden für Mediziner attraktiver werden könnte, hat es immer wieder gegeben. Mal sprachen Behördenspitzen davon, mehr Werbung für Vegesack, Burglesum und Blumenthal unter Ärzten machen zu wollen. Mal davon, die Kassenärztliche Vereinigung dazu zu bewegen, die Zahl der Anreize für Mediziner zu erhöhen. Manche Kommunen gehen nämlich längst weiter als Bremen. Sie zahlen nicht nur Boni, wenn sich ein Arzt ansiedelt, sondern bieten neben vergünstigten Krediten auch einen Service der Verwaltung an, bei denen sich Mitarbeiter um die Wohnungs- und Kitaplatzsuche kümmern. Auch Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) hat im Regionalausschuss erklärt, auf mehr Anreize setzen zu wollen. Sie kündigte an, sich dafür einzusetzen, dass Lücken bei Praxen geschlossen werden.

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