Segelschiffe aus dem Weserraum Akribisch recherchierte Schiffsschicksale

Der Blumenthaler Schiffahrtshistoriker und promovierte Jurist Peter-Michael Pawlik hat Band 4 und 5 der Reihe „Von der Weser in die Welt“ veröffentlicht.
04.01.2021, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marina Köglin

Bremen. Am 20. März 1904 kollidierte die Bark „Mona“ in der Irischen See mit dem britischen Vollschiff „Lady Cairns“. Während die „Lady Cairns“ sofort sank, wobei die gesamte Besatzung ums Leben kam, wurde die „Mona“ schwer beschädigt nach Dublin geschleppt. Dieses Unglück fand Eingang in die Literatur: James Joyce erwähnt es in seinem 1922 erschienenen Roman „Ulysses“. Und auch in Peter-Michael Pawliks soeben veröffentlichtem vierten Band der Reihe „Von der Weser in die Welt“ begegnet die „Mona“ dem Leser: Die Bark wurde zwar in North Hylton gebaut, war aber von 1893 bis 1906 an der Weser beheimatet.

„Von der Weser in die Welt“ – unter diesem Titel hat Peter-Michael Pawlik in den Jahren 1993 bis 2008 drei umfangreiche Bände veröffentlicht, die sich mit den Werften im Weserraum und den auf ihnen gebauten Segelschiffen und einigen frühen Dampferneubauten befassten, vorwiegend im Zeitraum 19. Jahrhundert. Doch immer wieder, so Pawlik, seien Leser mit Fragen an ihn herangetreten, die sich auf Segelschiffe bezogen, die zwar in Bremen, Bremerhaven, Elsfleth, Brake oder Geestemünde beheimatet, aber nicht in den ersten drei Bänden aufgeführt waren. Der Grund dafür: Diese Schiffe waren nicht an der Weser gebaut worden, sondern an anderen deutschen Werftplätzen oder im Ausland.

Peter-Michael Pawlik beschloss, einen weiteren Teil „Von der Weser in die Welt“ zu schreiben, denn allein von englischen, schottischen und walisischen Werften stammten nahezu 250 Schiffe, die zumindest zeitweise ihren Heimathafen an der Weser hatten. In akribischen, jahrelangen Recherchen hat er die Lebensläufe und Schicksale dieser Schiffe aus dem 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 verfolgt und niedergeschrieben. Auch die Geschichte der jeweiligen Bauwerften wird kompakt dargestellt. Da die Arbeit einen sehr großen Umfang annahm, entschlossen sich Autor und Verleger, diese in zwei Bände aufzuteilen, und zwar einerseits England und Wales (Band IV), andererseits Schottland und Irland (Band V).

Die aufwendig gestalteten und reich bebilderten Bände sind nach Werftstandorten gegliedert. Den Schiffsbiografien ist eine kurze Geschichte der jeweiligen Werft vorangestellt. Ausführliche Kapitäns- und Schiffsnamenregister erleichtern die Handhabung des Werkes, denn oft wurden Schiffe bei einem Besitzerwechsel umbenannt. Seeamtsberichte, Landkarten, Schiffsgemälde, Porträts von den Reedern und Kapitänen, Schiffsgemälde und -fotografien sowie Zeitungsartikel aus damaliger Zeit bieten Einblicke in die Geschichte, besonders, aber nicht nur in Bezug auf den Schiffbau.

Eine große Fülle an Daten, Zahlen und Ereignissen, die zwischen den Buchdeckeln Platz gefunden hat; beide Bände haben durchaus Lexikon-Format und dennoch ist die Lektüre alles andere als trocken. Peter-Michael Pawlik beweist, dass Schifffahrtshistorie ein spannender und lebendiger Themenbereich ist. „Schiffe, insbesondere Segelschiffe, sind für mich wie Lebewesen – sie werden mit dem Stapellauf geboren und finden oft ein dramatisches Ende, dazwischen liegt ein Lebenslauf mit Höhen und Tiefen“, so Peter-Michael Pawlik.

Schießereien auf der „Werra“

Der Autor beschreibt die wechselvollen Schicksale der Schiffe, wobei der Leser auch auf bekannte Namen aus der Nordbremer Geschichte trifft. Beispielsweise die Reeder-Familie Wätjen. Wätjens Park, den die Familie 1830 von Isaak Altmann nach dem Vorbild des englischen Landschaftsparks anlegen ließ, ist jedem Nordbremer ein Begriff. Diedrich Heinrich Wätjen und sein Sohn Christian Heinrich Wätjen reisten häufig nach Großbritannien. Sie gaben bei der Werft Alexander Stephen & Sons in Glasgow mehrere Frachtsegler in Auftrag, mit denen Reis aus Indochina, Zucker aus Indonesien, Weizen aus San Francisco und Petroleum transportiert wurden.

Während dieser weiten Fahrten blieben dramatische Vorkommnisse nicht aus. Auf der „Werra“ kam es gleich zweimal zu einer Schießerei. Und die „Germania“ sank am 24. Februar 1906. Die Besatzung hatte Glück im Unglück; der englische Dampfer „Afghanistan“ konnte die Mannschaft retten. Die „Germania“ wurde in Brand gesetzt und man traf Vorkehrungen, „die ein Sinken des Schiffs beschleunigten, damit das Wrack nicht noch anderen Schiffen gefährlich werden konnte.“ Spurlos verschwunden sind hingegen die Besatzungen der Wätjen-Barken „Britannia“, „Lesmona“ und „Goethe“ – die Schiffe wurden als verschollen gemeldet.

„Naturgemäß war es mir als Ein-Mann-Forschungsgruppe nicht möglich, selbst in örtlichen ausländischen Archiven und Bibliotheken zu arbeiten“, so Peter-Michael Pawlik. Doch dank des Internets seien derartige Forschungen mittlerweile auch vom heimischen Computer aus gut durchführbar. Zeitgenössische Zeitungen seien hervorragende Quellen mit ihren Nachrichten und Berichten über Schiffsunfälle oder besondere Ereignisse in Schifffahrt und Schiffbau. „Diese Angaben sind in Archiven nur selten zu finden, doch sind es gerade diese, die eine Schiffsbiografie lebendig werden lassen.“

Peter-Michael Pawlik, Jahrgang 1945, promovierter Jurist und Richter, war von 1983 bis 1991 Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft und von 1992 bis 1995 Mitglied des Staatsgerichtshofs der Freien Hansestadt Bremen. In Blumenthal geboren und aufgewachsen, faszinieren ihn Schiffe seit frühester Kindheit. Seit vielen Jahren widmet er sich der Forschung über die Segelschiffe und Segelschiffswerften im Unterweserraum im 19. Jahrhundert. 1961 wurde er Mitglied der World Ship Society. In den 1960er-Jahren verfasste er Artikel mit eigenen Schiffsskizzen in der Zeitschrift Marine News. Durch die drei ersten „Von der Weser in die Welt“-Bände, sowie durch die 1996 veröffentlichte Biografie des Entdeckerkapitäns Eduard Dallmann („Von Sibirien nach Neu Guinea“), hat er sich einen Namen als Autor schifffahrtsgeschichtlicher Bücher gemacht.

Weitere Informationen

Band 4 und 5 der Reihe „Von der Weser in die Welt“ sind in dem Amsterdamer Verlag Batavian Lion International (www.bataafscheleeuw.nl) erschienen und kosten je 65 Euro. Bestellungen sind direkt im Verlag, im Buchhandel oder per E-Mail an pmp-bremen@gmx.de möglich. Weitere Informationen sind auf der Homepage von Peter-Michael Pawlik unterpeter-michael-pawlik.de zu finden.

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