Kreishaus-Anbau eingeweiht / 74 Büros und eine Kinderkrippe / Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach Neue, feste, bunte Wände gegen die Enge

Wildeshausen. Die Einweihung wurde im Zelt gefeiert. Aber nicht etwa, weil der Anbau des Kreishauses noch nicht fertig gewesen wäre. Sondern im Gegenteil, weil die Büros bereits bezogen sind und dort gearbeitet wurde.
01.07.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ute Winsemann

Wildeshausen. Die Einweihung wurde im Zelt gefeiert. Aber nicht etwa, weil der Anbau des Kreishauses noch nicht fertig gewesen wäre. Sondern im Gegenteil, weil die Büros bereits bezogen sind und dort gearbeitet wurde.

Das Zelt stand in einer Ecke, die einen gleichzeitigen Blick auf die beiden wichtigsten Elemente des 4,4 Millionen Euro teuren Neubaus ermöglichte: den flächenmäßig deutlich größeren Verwaltungstrakt und die optisch auffälligere Kinderkrippe. In 74 Büros sind das Jugendamt, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises, das Amt der Gleichstellungsbeauftragten, das Personalamt und das Rechnungsprüfungsamt untergekommen. Dementsprechend haben sich auch in den bisher von ihnen genutzten Räumen im Altbau, der mit einem gläsernen Flur mit dem Anbau verbunden ist, Veränderungen ergeben. Die Umzüge waren im Lauf des Juni über die Bühne gegangen.

Die neue Raumverteilung soll unter anderem mehr Bürgernähe bieten. Büros mit Publikumsverkehr sind jetzt in der Regel im Erdgeschoss zu finden; oben wird die Hintergrundarbeit geleistet. Außerdem sei nun etwa bei Beratungsgesprächen mehr Diskretion möglich als in den bisher meist doppelt besetzten Büros, sagte Landrat Frank Eger, der den neuen Bereich als "eine Art Sozialzentrum" lobte.

Doppelt so viele Beschäftigte

Aber auch die Beschäftigten selbst dürften sich freuen, dass es mit der Enge vorbei ist. Die hatte sich im Lauf der Jahre immer weiter verschärft. Denn seitdem das alte Kreishaus entstanden war, hat sich die Belegschaft der Verwaltung verdoppelt, wie Landrat Frank Eger vorrechnete: Planungsgrundlage damals sei der Personalstand von 1984/85 gewesen: 190 Mitarbeiter, davon 20 in Teilzeit. Heute arbeiteten in der Verwaltung 380 Menschen, davon 150 in Teilzeit.

Und ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Denn den Kommunen würden immer mehr Aufgaben übertragen, merkten sowohl Eger als auch der Kreistagsvorsitzende Helmut Hinrichs kritisch an. Mehr zu tun gab es nach Egers Darstellung allein in den vergangenen zehn Jahren unter anderem durch die Auflösung der Bezirksregierung, durch die Hartz-IV-Gesetzgebung, durch neue Anforderungen im Sozial- und Jugendbereich und aktuell durch das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder aus einkommensschwachen Familien. Vom immer wieder propagierten Bürokratieabbau "ist unten nichts angekommen", stellte Eger fest. Also braucht die Verwaltung immer mehr Leute und muss sie irgendwo unterbringen. Die neuen Kollegen, die heute anfangen, hätten ohne Anbau "höchsten noch in der Tiefgarage oder auf dem Dachboden" unterschlüpfen können, meinte Eger.

Noch stärker als die Zahl der Beschäftigten insgesamt ist die Zahl der Beschäftigten in Teilzeit gestiegen. Dahinter steht der Trend zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dem ist auch das zweite Element des Anbaus gewidmet: Die Kinderkrippe "Lütte Lü", die im August ihren Betrieb aufnimmt, soll helfen, qualifiziertes Personal an den Kreis zu binden und Müttern und Vätern nach einer Familienphase eine schnelle Rückkehr an ihren Arbeitsplatz ermöglichen. Dazu sollen die Betreuungszeiten besonders flexibel gestaltet werden. "Wir haben damit in Niedersachsen eine Vorreiterrolle", erklärte Eger. Mittlerweile gebe es schon erste Nachahmer. So hätten sich gerade Vertreter des Landkreises Cloppenburg, der ebenfalls ein neues Verwaltungsgebäude plant, nach dem hiesigen Modell erkundigt.

Fortschrittlich sei der Bau aber auch mit Blick auf Energie und Umwelt, fand Eger. denn auf dem Dach wurde eine Fotovoltaik-Anlage installiert. Seit Jahresbeginn habe sie bereits mehr als 12000 Kilowattstunden Strom geliefert und damit rund acht Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid eingespart.

Lob und Dank für Planer und Ausführende gab es auch vom Kreistagsvorsitzenden und von Hudes Bürgermeister Axel Jahnz, der stellvertretend für die acht kreisangehörigen Kommunen sprach. Sie hatten Jahnz auch ein Geschenk mitgegeben: ein Spielpferd, das seinen Platz im Außenbereich der Krippe finden und in Anspielung auf den Landrat "Frank" heißen soll.

Architekt Alexis Angelis hatte bei seinem Geschenk ebenfalls die Kinder im Blick. Der Scheck seines Büros dürfte außer für noch fehlende Rutschautos noch für weiteres Spielzeug reichen, meinte Leiterin Anja Lux.

Vor der Überreichung war Angelis, dessen Vater das alte Kreishaus entworfen hatte, noch auf die Architektur des Neubaus eingegangen. Der habe Formen und Gestaltungselemente aufgenommen, dabei aber weiterentwickelt. So gesellen sich zum roten Backstein jetzt auch gläserne Fassadenelemente. Hinter eher gedeckten grünen Tönen liegen die Büros, hinter kräftigen Orange-Tönen die Krippe, deren Wände auch innen farbig sind.

Angelis sah mit seinem Entwurf und dessen Umsetzung die schon seit der Antike bestehenden drei Hauptanforderungen an die Architektur als erfüllt an: Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit. Die Bedeutung dieser Werte hatte sich nicht zuletzt während der Einweihungsfeier selbst gezeigt. So richtig schön wurde das Großzelt auch mit den zur Dekoration aufgestellten Pflanzen nicht. Nützlich war das Dach gegen eventuelle Wetter-Unbill, aber mehr auch nicht. Und fest, nein fest waren die Planen schon gar nicht: Gleich mehrfach klirrte es gewaltig, als im kräftigen Wind flatternde Wände allzu dicht stehende Gläser umwarfen. Da hat der Kreishaus-Anbau selbst denn doch von allem ein bisschen mehr zu bieten.

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