Anhaltende Diskussion Tierschützer fordern betreutes Taubenhaus in Vegesack

Nahezu täglich kommt Henning Suhrkamp zum Vegesacker Bahnhofsplatz, um Mais, Erbsen und Weizen zu verstreuen. Er füttert die Stadttauben. Die Vögel litten großen Hunger, so der Tierschützer.
12.08.2019, 19:35
Lesedauer: 3 Min
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Tierschützer fordern betreutes Taubenhaus in Vegesack
Von Patricia Brandt

Tierheim und SWB haben es im Frühjahr vorgemacht und ein Taubenhotel beim Müllheizkraftwerk nahe der Universität Bremen eröffnet. Mit dem Taubenhotel, in dem Tiere artgerecht versorgt und ihre Nistaktivitäten kontrolliert werden, soll das Taubenproblem auf der Anlage gelöst werden. Das Modell eines betreuten Taubenschlages könnte Schule machen – aktuell wird in Vegesack darüber diskutiert.

Die große Anzahl von Tieren sei ein Problem, sagt Henning Suhrkamp, Vorsitzender des Delmenhorster Stadttauben-Vereins. In Vegesack vielleicht noch mehr als in Delmenhorst, meint Suhrkamp, der vor Kurzem nach Aumund gezogen ist. In Delmenhorst lebten nach seiner Schätzung insgesamt 300 Tauben, allein am Vegesacker Bahnhofsplatz fänden sich aber regelmäßig bis zu 150 Tauben ein, schildert er.

Tägliche Fütterung

Dort und an zwei weiteren Plätzen im Stadtteil füttert Henning Suhrkamp die Tauben nahezu täglich, meist ab 14 Uhr. Tauben seien eigentlich Haustiere wie Hunde oder Katzen, meint er beim Gespräch am Bahnhofsvorplatz und öffnet seinen Rucksack. Kaum hat er eine Ladung Körner auf dem Platz verstreut, kommen sie angeflogen: Erst eine Taube, dann zwei, drei, sieben. Dann sind sie schon nicht mehr zu zählen. Ein einziges Schwirren erfüllt den Platz. Passanten bleiben stehen und beobachten das große Futtern. Eine Frau in Pumps bahnt sich ihren Weg durch die Taubenschar. Sie geht direkt auf den schmächtigen Mann im blauen T-Shirt zu. Sie will ihm etwas sagen.

Erst kürzlich sei er auch vom Ordnungsdienst der Stadt angesprochen worden, erzählt Henning Suhrkamp später auf einer Bank am Rande des Busbahnhofs. „Die Fütterung selbst ist nicht verboten“, betont er. „Aber das, was die Tauben nicht fressen, muss ich zusammenkehren. Sonst ist das eine Ordnungswidrigkeit.“ Henning Suhrkamp steht auf, um ein Set Schaufel und Kehrbesen aus seinem Rucksack auszupacken. Er ist auf Beschwerden vorbereitet.

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Henning Suhrkamp berichtet von Netzen und Spikes, die Vegesacker an ihren Häusern anbringen, um die Tauben loszuwerden. Diese Menschen seien oft überzeugt, es wäre besser, die Tiere nicht zu füttern, sie vermehrten sich dann nicht mehr. Doch Haustauben, heißt es auch beim Bremer Tierschutzverein, seien darauf hingezüchtet, ganzjährig zu brüten, und zwar unter allen Bedingungen. Selbst, wenn sie Hunger litten. Denn in den Innenstädten gebe es längst nicht genug Nahrung für sie.

Die Tauben auf dem Bahnhofsvorplatz sind Nachkommen von Brieftauben. Davon ist der Tierschützer überzeugt: „Von 100 Tauben kommen bei Flugwettbewerben 95 nicht an. Die stranden auch in Vegesack.“

Taubenhotel im Gespräch

Um die Taubenbestände in den Städten langfristig zu verringern, seien betreute Taubenhäusern notwendig, meint Suhrkamp. Dort könnten Tiere artgerecht versorgt und ihre Eier durch Gips-Attrappen ersetzt werden. Die Tauben hielten sich hauptsächlich im Taubenhaus auf, öffentliche Plätze würden somit weniger verschmutzt. Der Delmenhorster Verein will dieses auch in Augsburg und Jena praktizierte Modell für die Stadt Delmenhorst umsetzen. Für Bremen-Nord sei ein Taubenhotel ebenfalls denkbar, so der frühere Ratsherr. Da Tauben standorttreu seien, nutze es aber nichts, sie in einen Park locken zu wollen. Besser wäre es, sie auf dem Dach der Grohner Düne oder eines der anderen umliegenden Häuser anzusiedeln. Ein erstes Gespräch hat er mit dem Bauamt Bremen-Nord bereits geführt. Von sich aus werde die Behörde aber nicht tätig, sagt Referatsleiter Helmut Böttjer auf Anfrage unserer Zeitung.

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„Irgendjemand muss so ein Taubenhaus auch betreiben“, meint Frank Gust aus Schwanewede am Telefon. Er ist der erste Vorsitzende der Brieftauben-Reisevereinigung Bremen-Nordwest. Gust hält einen betreuten Taubenschlag ebenfalls für sinnvoll: „Bratwurst, Weißbrot und Dreck sind als Futter nicht artgerecht.“ Die meisten Stadttauben seien in einem bedauerlichen Zustand. „Keine Zehen am Fuß, von Greifvögeln verletzt, das hat nichts mit Brieftauben zu tun. Brieftauben sind Hochleistungstiere, die strotzen vor Kraft.“

Frank Gust bestreitet, dass das Stadttauben-Problem eine Folge der Flugwettbewerbe ist: „Eine Verlustrate von Brieftauben von 95 Prozent halte ich für absolut unrealistisch.“ Denkbar sei, dass zehn bis 15 Prozent der Brieftauben nicht am Ziel ankommen, räumt Frank Gust ein.

Tauben verletzen sich bei Futtersuche

Zurück zum Bahnhofsplatz: Henning Suhrkamp beobachtet, wie die Tauben sein ausgestreutes Futter aufpicken. Es stammt aus dem Fachhandel und setzt sich aus Erbsen, Mais und Weizen zusammen. Manchmal sieht Henning Suhrkamp Tauben mit abgeschnürten Füßen. Sie verhedderten sich bei der Futtersuche in den Plastikbändern der gelben Säcke: „Schlimmstenfalls muss man das Bein dann amputieren.“ Er versucht deshalb, die verletzten Tiere einzufangen, um sie tierärztlich versorgen zu lassen.

Die Frau mit den hohen Absätzen hat den Bahnhofsplatz noch nicht verlassen. Sie steht etwas abseits, steuert dann aber nochmals auf den Mann mit dem Futtersack zu. Sie sagt: „Ich finde es so gut, dass Sie die Tauben füttern. Ich bringe Ihnen nächstes Mal Futter vorbei.“ Henning Suhrkamp nickt und bedankt sich. Kurz darauf fliegen die Vögel auf. Sie kommen vorerst nicht zurück. Henning Suhrkamp kramt die Schaufel raus. Jetzt wird sauber gemacht.

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