Rollstuhlrugby Das etwas andere Rugby

Die Achimer Heroes spielen Rollstuhl-Rugby und stehen nun vor ihrem Regionalliga-Heimspieltag. Die Idee der Sportart ist einfach, ihre Umsetzung hingegen äußerst schwierig.
24.05.2018, 19:30
Lesedauer: 4 Min
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Das etwas andere Rugby
Von Patrick Hilmes

Achim. Andere Bodenverhältnisse, andere Spielregeln, anderer Spielball, andere Spieleranzahl, andere Voraussetzungen. Im Grunde haben beide Sportarten wenig gemeinsam und doch tragen sie den beinahe gleichen Namen: Rugby und Rollstuhlrugby. Die zweite Variante ist die erwählte Sportart der Achimer Heroes, die in der Regionalliga Nord-Ost nun vor ihrem Heimspieltag stehen.

Kai, Nacer, Murat, Marcus, Jörn, Hanna, Fin und Gerrit – das sind die Achimer Heroes. Diese Acht bilden die Rollstuhl-Rugbymannschaft des TSV Achim. Jeden Montag und Donnerstag ist um 16.30 Uhr respektive 17 Uhr Training in der Sporthalle am Arenkamp angesagt. Doch nicht wie bei anderen Sportarten trudeln die Akteure erst kurz vor Beginn ein, schlüpfen kurzerhand in ihre Trainingsmontur und los geht's. Nein, das funktioniert nicht bei den Rollstuhlrugbyspielern.

Denn vergleicht man beispielsweise Rollstuhlrugby mit Rollstuhlbasketball – die Achimer Lions trainieren direkt im Anschluss in der Halle am Arenkamp – fällt besonders ein Unterschied auf: Sogenannte Fußgänger gibt es nicht. Heißt, ohne Behinderung darf nicht am offiziellen Spielbetrieb teilgenommen werden. Und es wird noch weiter ausgesiebt. Rollstuhlrugby ist lediglich für Personen mit Einschränkungen an gleich drei Gliedmaßen. Bedeutet: Die Achimer Heroes haben allesamt Querschnittslähmungen, andere Lähmungen, Amputationen oder etwa Spastiken. Und das bedeutet wiederum: die Vorbereitungen kosten Zeit.

Rund 7000 Euro pro Rollstuhl

Zum einen müssen die Rollstühle getauscht werden, die Leichtbau-Rollis weichen einer stabileren, einer modifizierten Variante. Rollstuhlrugby ist eine Kontaktsportart, da knallt es schon mal ordentlich, wenn zwei Spieler mit ihren Stühlen zusammenkrachen. Mit rund 7000 Euro sind diese individuell angepassten Gefährte alles andere als Schnäppchen. Zudem schlüpft nicht jeder der Acht in den gleichen Rollstuhl, es gibt nochmals zwei Varianten. Kai "Kaichen" Schäfer beispielsweise ist ein Blocker, einer, der den Gegner versucht festzumachen. Der "Bumper", ein Metallbügel an der Vorderseite seines Rollstuhls, verweist auf diese Position. Anders Nacer, er ist Spielmacher und somit Ballführer, er fährt ohne "Bumper“, denn diese verhaken sich in den Rollstühlen.

Wurde in den Stühlen Platz genommen, werden sich die Trikots übergestreift, dann folgen die Gummihandschuhe, die mit Tapeband befestigt werden. Es wird nun nicht mit gefährlichen Flüssigkeiten gearbeitet, sondern einfach nur Rollstuhl gefahren. Denn die Achimer Heroes können ihre Finger nicht koordinativ bewegen, die Handschuhe dienen dem Grip, um den Rollstuhl fortbewegen zu können. Es folgt ein Gürtel, mit dem die Spieler an ihren fahrbaren Untersätzen fixiert werden. Der Grund ist ganz einfach. "Ohne ihn würden wir einfach aus unseren Rollstühlen fliegen sobald wir zusammenkrachen, da wir keine Rumpffunktion haben", erklärt Kai Schäfer.

Sind alle entsprechend eingekleidet und ausgerüstet, kann es losgehen. Doch das hat eben gedauert, an drei Extremitäten eingeschränkt zu sein, frisst halt Zeit. Daher war es für die Acht auch schwierig, eine Mannschaftssportart entsprechend ihrer noch vorhandenen Fähigkeiten zu finden. Initiator des Teams beim TSV Achim war Kai Schäfer, der quasi in Personalunion die Posten Abteilungsleiter, Trainer (zusammen mit Nacer Menezla) und Spieler bekleidet. Er wurde bei seiner Reha in Berlin auf die Sportart aufmerksam. "Meine Physiotherapeutin kannte den dortigen Trainer." Kurzum probierte sich Schäfer im Rollstuhlrugby und war begeistert. "Einmal mitgemacht und schon war ich infiziert."

Zu Hause am 26. und 27. Mai

Zurück im heimischen Oyten suchte sich Schäfer einen Verein, fündig wurde er jedoch erst in Hamburg. Sechs Jahre lang spielte er dort, ehe ihm die Entfernung zu groß wurde und er an den TSV Achim herantrat. Ein Tryout (Probetraining) später stand die erste Mannschaft der Achimer Heroes fest. Anderthalb Jahre ist das nun her. Im Sommer 2017 fiel der Startschuss für die erste Saison in der Regionalliga Nord-Ost. Nun befinden sich die Achimer in ihrer zweiten Spielzeit und freuen sich bereits auf ihren Heimblockspieltag, der am 26. und 27. Mai in der Halle am Arenkamp ansteht.

Dann können sie wieder ihre Fortschritte, die sie laut Coach Nacer Menezla durchaus machen, unter Beweis stellen. Nacer muss es beurteilen können, kann er doch unter anderem auf zwei Teilnahmen an Paralympics mit der deutschen Nationalmannschaft verweisen (2004 in Athen, 2008 in Peking). Zunächst steht bei den Achimern ausschließlich die Entwicklung im Vordergrund, die Ergebnisse würden mit der Zeit kommen. Da jeder auf dem Spielfeld beim Rollstuhlrugby wichtig ist, braucht es viel Übung, insbesondere für die Neulinge.

Auf dem Spielfeld ist das Stichwort für den nächsten Unterschied zum Rugby. Die Achimer Heroes können nicht jede x-beliebige Aufstellung aufs Feld schicken. Es gibt eine Klassifizierung, jeder Spieler wird auf einer Punkteskala von 0,5 bis 3,5 eingestuft. Je höher die Punktezahl, desto geringer ist die körperliche Beeinträchtigung des Spielers. Die Regel besagt: Auf nationaler Ebene darf eine Mannschaft nicht sieben Punkte überschreiten, international sind es acht Punkte. Eine faire Spielbeteilung auch für Schwerstbehinderte ist die Intention. Auch hier wird wieder unterschieden, und zwar zwischen High- und Low-Pointer (0,5 bis 1,5 und 2 bis 3,5 Punkte). Murat (2,5), Nacer und Gerrit (beide 2) sind High-Pointer, Fin (1), Hanna, Jörn, Marcus und Kai (alle 0,5) sind die Low-Pointer bei den Heroes.

Und das war es noch nicht mit den Unterschieden zwischen Rollstuhlrugby und Rugby: Hallenboden statt Rasen, erlaubter Pass nach vorne statt Regelverstoß, Volley- (mit mehr Grip) statt Rugbyball, kein Körper- dafür aber Rollstuhlkontakt, viermal acht Minuten statt zweimal 40 Minuten et cetera. Erfunden haben es die Kanadier, nannten es aber Murderball (Mordball), nicht umsonst. Erst Ende der 1980er Jahre wurde es umbenannt. Warum dann Rollstuhlrugby: Weil es Parallelen hat, es ist halt nur ein etwas anderes Rugby.

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