Deutschland - Portugal Deutschland startet in die WM

Santo Andre. Ist die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw in WM-Form? Die Antwort gibt es am Montag im ersten Gruppenspiel gegen Portugal.
15.06.2014, 19:40
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Deutschland startet in die WM
Von Marc Hagedorn

„Bereit wie nie“ lautet die Kampagne eines großen Werbepartners der deutschen Nationalmannschaft. „Bereit wie nie“ soll heißen: bereit für den Gewinn des vierten Weltmeistertitels. Stimmt das? Ist die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw in WM-Form? Die Antwort gibt es am Montag im ersten Gruppenspiel gegen Portugal (18 Uhr/MESZ). Vorab ein paar Einschätzungen.

Am Tag vor der Abreise zum ersten WM-Spiel gegen Portugal hatte die deutsche Mannschaftsleitung Lukas Podolski auf das Podium im Pressezentrum gesetzt. Das war eine kluge Entscheidung. Denn Lukas Podolski als Gesprächspartner ist immer eine gute Idee. Mit Podolski wird es nicht langweilig, sondern ist es immer lustig. Mit Podolski kann man prima Stimmungen transportieren. Weil Podolski auch mit 29 immer noch so redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und die Deutschen wollen ja locker und entschlossen sein, entspannt und ernst.

Also erzählte „Poldi“ von seinem Sohn, der bei einem Fußballturnier am Sonnabend gerade einen Pokal gewonnen hatte. „Das hat er mir jetzt voraus.“ „Poldi“, der „Twitter-Fan“, äußerte sich auch zum Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die heute im feuchten Salvador auf der Tribüne sitzen wird. „Wenn wir gewinnen, wird sie sicher den Weg in die Kabine finden.“ Für den Fall hat er schon ein Selfie mit der Kanzlerin angekündigt. Podolski, der pünktlich zu Beginn eines Turniers wie so oft dabei ist, eine durchwachsene Liga-Saison mit starken Leistungen in der Nationalmannschaft hinter sich zu lassen, kann aber auch Klartext. Mit Blick auf das WM-Turnier und die große Konkurrenz sagte er: „Wir müssen dafür sorgen, dass die anderen Mannschaften ab Montag sagen: Wow, die Deutschen sind da.“

Die Experten-Prognosen

Als Volker Finke vor drei Wochen nach dem 2:2 im Testspiel Deutschland gegen Kamerun nach der Leistung der deutschen Elf gefragt wurde, gab sich der Trainer Kameruns plötzlich einsilbig. Zuvor hatte er in drei Sprachen Reporterfragen charmant und ausführlich beantwortet, Finke hatte gescherzt und gelacht. Nun sagte er: „Ich gebe keine Wasserstandsmeldungen zum deutschen Team ab.“ Vermutlich wäre ihm damals auch nicht so viel Gutes eingefallen. Deutschland hatte beim Test in Mönchengladbach nicht gut gespielt.

Da soll das Team jetzt angeblich weiter sein. „Ich habe ein sehr, sehr gutes Gefühl“, ließ Kapitän Philipp Lahm in dieser Woche wissen, „wir haben in Sachen Fußball und Taktik einen Schritt nach vorn gemacht.“ Experten wie der Weltmeister und Fußball-Philosoph Jorge Valdano haben daran ohnehin keinen Zweifel. „Deutschland ist Deutschland“, sagte der Argentinier kürzlich und erklärte auch, was er damit meint: „Deutschland hat immer eine taktische Härte und Organisation sowie eine physische Stärke. Deutschland hat zudem aktuell viele Spieler mit Esprit, die technisch stark sind, fantasievoll agieren. Leute, die in der Lage sind, ein Spiel fließen zu lassen und die zugleich Spiele entscheiden können.“

Die Vorbereitung

Dass Fußball immer wissenschaftlicher verstanden wird, weiß man längst. Die Pflege eines Rasens etwa gilt in der Szene als hohe Kunst. Wie dick sind die Halme? In welche Richtung wachsen sie? Ist der Rasen schnell oder langsam? Solche Sachen. Lukas Podolski sagt: „Ich glaube, wir aus Europa sind da verwöhnt. Der Rasen hier ist, wie er ist.“

Da hat Podolski recht. Trotzdem plant man bei der deutschen Mannschaft alle Abläufe minutiös. Mit großer Polizei-Eskorte fuhr die Mannschaft am Sonnabend zum Flughafen, um ja pünktlich dort zu sein. Zuvor hatte man dreimal den Tagesablauf simuliert, wie er am Spieltag sein wird. Die frühe Anstoßzeit, gespielt wird um 13 Uhr brasilianischer Zeit, erfordert Anpassungen. Wann steht man am besten auf? Wie viel isst man? Eine große Mahlzeit oder lieber zwei kleine? In Salvador sollen es heute 27 Grad bei 78 Prozent Luftfeuchtigkeit werden.

Die Viererkette

Vier Innenverteidiger in der Abwehr? Joachim Löw wird es wohl wagen. Wobei es laut Bundestrainer gar kein Wagnis ist. Für die Viererkette mit – von rechts nach links – Jerome Boateng (1,92 Meter groß), Per Mertesacker (1,98), Mats Hummels (1,91) und Benedikt Höwedes (1,87) ist der Name „Ochsenspieß“ schon erfunden worden. Löw preist die Vorzüge dieser Lösung, die gegen Portugal vor allem den Auftrag hat, stabil und defensiv zu stehen.

Das bedeutet vor allem für die Außenverteidiger, dass sie sehr dosiert nach vorne stoßen sollen, wenn überhaupt. „Alle vier sind groß, haben eine Kopfballstärke und eine gelernte Verantwortung, das Zentrum zuzumachen“, sagt Joachim Löw. Einen Spezialauftrag hat dabei Jerome Boateng. Der Münchner soll Portugals Superstar Cristiano Ronaldo wie vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft wieder ausschalten.

Die Härtefälle

Philipp Lahm wurde unter der Woche gefragt, was für ein Gefühl es sei, seinem Freund Bastian Schweinsteiger den Platz in der Startelf wegzunehmen. „Man nimmt niemandem den Platz weg“, sagte der Kapitän, „das gibt es im Fußball nicht.“ Was es im Fußball dagegen tatsächlich geben soll, sind unzufriedene Spieler. Im Moment ist davon laut Aussagen diverser Nationalspieler keiner im deutschen Camp aufzutreiben. Klar ist aber auch: Einigen ehrgeizigen und auch etablierten Spielern droht die Bank. Spielt Miroslav Klose vorn oder Mario Götze? Erhält Sami Khedira tatsächlich den Vorzug vor Schweinsteiger? Wen lässt Löw noch draußen: Podolski, Özil oder Andre Schürrle? Philipp Lahm macht sich nichts vor. Er weiß, dass der Turnierverlauf das A und O sein wird. „Erst dann wird sich der Teamgeist endgültig zeigen.“

Der Problemfall

Sechs Pressekonferenzen gab es seit der Ankunft der deutschen Mannschaft in Brasilien. Sechs Mal kam die Frage nach Mesut Özil, der bei keiner dieser Gelegenheiten auf dem Podium saß. Egal ob Teampsychologe, Torwarttrainer, Manager oder Mitspieler. Jeder Gesprächspartner musste etwas zur Verfassung von Mesut Özil sagen, selbst WM-Neulinge wie Erik Durm und Skhodran Mustafi kamen nicht um eine Einschätzung herum. Keine Frage: Der zuletzt formschwache Özil, Edeltechniker des FC Arsenal, ist als Problemfall im deutschen Team ausgemacht. Bestätigen mochte das indes die ganze Woche über niemand. Am deutlichsten bezog Lukas Podolski Position. Er sagte: „Man muss nicht immer auf ihn draufhacken. Lasst ihn doch einfach spielen.“ Die Gelegenheit besteht am Montag.

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