Im Gespräch mit Burkhard Kühnel-Delventhal „Beste Bedingungen für Fahrradstadt“

Delmenhorst ist beim diesjährigen ADFC-Fahrradklima-Test schlecht weggekommen. Im Interview spricht Burkhard Kühnel-Delventhal über das Ergebnis, den Radverkehr in der Stadt und dessen Chancen.
23.04.2019, 14:43
Lesedauer: 5 Min
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„Beste Bedingungen für Fahrradstadt“
Von Esther Nöggerath
Delmenhorst ist beim diesjährigen ADFC-Fahrradklima-Test mit der Gesamtschulnote 4,1 noch schlechter weggekommen als in den Vorjahren. Woran liegt das?

Burkhard Kühnel-Delventhal: Ja, es geht abwärts bei uns. Das müssen wir leider so sagen. Zum einen muss man aber sehen, dass dieses Mal deutlich mehr Teilnehmer bei der Umfrage mitgemacht haben. Überwiegend waren das Vielfahrer, also Menschen, die jeden Tag mit dem Rad unterwegs sind. Von daher ist das Ergebnis noch etwas aussagekräftiger als vorher. Delmenhorst hat etwas schlechter abgeschnitten, was natürlich auch daran liegt, dass sich nicht viel getan hat in den letzten Jahren. Die Radwege sind häufig in Zuständen mit einem sehr schlechten Pflaster, teils aus den 70er- oder 80er-Jahren. Das ist kaum zu befahren und natürlich kein gutes Angebot.

An welchen Ecken hapert es in der Stadt denn besonders?

Kritisch sind häufig die Kreuzungsbereiche. Die sind ja auch oft unfallträchtig durch die Verschwenkungen. Die signalisieren dem Autofahrer nicht klar, wie sich der Radfahrer verhält, ob er jetzt rechts abbiegen oder doch geradeaus fahren will. Da haben wir noch sehr viele alte Bauzustände, die eigentlich auch zurückgebaut werden müssten. Das ist ein Gefahrenpunkt. Ein anderer sind enge Radwege, gerade auch in Kombination mit dem Fußgängerverkehr. Wenn wir schmale Seitenwege haben, ist es in Straßeneinmündungen oder Grundstückseinfahrten immer kritisch für den Radfahrer, aber auch für den Autofahrer. Häufig haben wir auch Radwege, die sehr eng beparkt werden oder wo auch direkt auf dem Radweg geparkt wird. Da verlangen wir auch von der Stadt, dass strenger kontrolliert wird.

Hat die Stadt denn auch Stärken, was den Radverkehr angeht?

Delmenhorst hat eigentlich beste Bedingungen, eine Fahrradstadt zu werden. Ihre Stärke ist einfach die ebene Topografie. Und kein Weg ist mehr als vier bis fünf Kilometer vom Zentrum entfernt, das ist einfach die ideale Fahrrad-Entfernung. Wir haben auch ein attraktives Flächenangebot, jede Menge Grünzüge. Und wir haben einen hohen Anteil an gebauten Radwegen, die allerdings in die Jahre gekommen sind und eigentlich viel besser gepflegt werden müssten. Da wäre also einfach mehr in die Unterhaltung zu investieren.

Eine Fahrradstadt – was genau bedeutet das?

Das bedeutet in etwa einen Radverkehrsanteil von etwa 30 bis 40 Prozent. Da sind wir noch meilenweit von entfernt. Delmenhorst liegt derzeit so etwa zwischen 15 und 18 Prozent. Das heißt, es gibt ein großes Potenzial. Wenn man jetzt wirklich wirksame Maßnahmen ergreifen würde, könnte man den Fahrradverkehr in zehn Jahren verdoppeln. Diese Möglichkeit müsste man eigentlich ergreifen, um auch Umwelt-Probleme wie Feinstaub und die CO2-Belastung in der Zukunft zu lösen.

Was für Chancen bietet mehr Radverkehr, zusätzlich zu den besseren Umweltbedingungen?

Ganz viele. Neben dem Umweltaspekt gibt es auch einen gesundheitlichen Aspekt. Und touristische Chancen sind natürlich auch da – gerade in Verbindung mit einem Verleihsystem, das man am Bahnhof, am Rathaus, an der Grafttherme und vielleicht auch an den großen Einkaufszentren einrichten sollte. Man muss das ein bisschen streuen. Ein Verleihsystem macht eine Stadt auch attraktiver – für Besucher, aber auch für Berufspendler, die mit der Bahn anreisen. Es ist auch eine Chance, den Straßenverkehr umzubauen, ihn stadtverträglicher zu machen. Mehr Radverkehr macht das Wohnumfeld doch einfach attraktiver.

Sie nutzen das Fahrrad selbst sehr häufig. Wann bietet sich das an?

Ich bin täglich mit dem Fahrrad unterwegs. Ich benutze mein Fahrrad, um ganz individuellen Bedürfnissen nachzukommen, spontan etwas einzukaufen oder jemanden zu besuchen, aber auch, um den Weg zur Arbeit mit anderen Erledigungen zu kombinieren. Das geht mit dem Fahrrad ideal, schnell und unkompliziert.

Haben Sie so etwas wie eine Lieblingsstrecke? Also eine Route, in der es sich in Delmenhorst besonders schön radeln lässt?

Lieblingsstrecken sind ganz viele vorhanden, jedenfalls außerhalb der Hauptverkehrsstraßen. Entlang der Delme in Richtung Adelheide ist zum Beispiel so eine Strecke. Aber auch in Richtung Hasbergen entlang der Delme gibt es sehr schöne Radwege. Auch hier muss was getan werden, auch diese Wege müssen gepflegt werden, damit sie noch mehr an Attraktivität gewinnen. Aber das sind schon Strecken, die ich gerne fahre und die ich auch gerne als kleinen Umweg nutze, um von der Arbeit nach Hause zu fahren. Das kann sehr entspannend sein. Oder man trifft unterwegs spontan auf Bekannte und schnackt ein paar Worte. Im Auto geht das nicht. Das ist auch ein Vorzug des Radfahrens.

Stichwort E-Mobilität. Bietet das auch noch mal eine zusätzliche Chance für den Radverkehr?

Im Fahrradverkehr ist die E-Mobilität schon da. Das erweitert für Radfahrer natürlich einfach den Aktionsradius. Bremen rückt fürs Fahrrad dadurch deutlich näher. In einer Distanz von 15 bis 18 Kilometern wird das E-Bike durchaus auch für Berufspendler attraktiv. Es sorgt aber auch dafür, dass Menschen länger mit dem Fahrrad mobil sein können. Das birgt natürlich auch Risiken. Denn ältere Menschen sind gelegentlich auch überfordert, weil das Rad schneller, aber auch schwerer ist. Ein E-Bike erfordert also schon eine gewisse Fitness, um es zu beherrschen. Aber insgesamt muss man die Entwicklung positiv sehen. Alles, was das Radfahren fördert, können wir eigentlich nur unterstützen.

Was für Voraussetzungen müssten in Delmenhorst geschaffen werden, um mehr Menschen aufs Rad zu bekommen?

Wir brauchen ein Radwegenetz, das für Radfahrer schnell, sicher und komfortabel ist. Ein Netz, das alle Stadtteile untereinander durch attraktive Querverbindungen erschließt. Da muss man gucken, wo neue Fahrradtrassen sinnvoll sind. Die Stadt sollte da auch auf vorhandene Grünzüge zurückgreifen oder auf alte Bahntrassen. Das ist eine sehr gute Option, ohne große Investition dem Radverkehr Möglichkeiten zu bieten. Zum Beispiel wäre das denkbar bei der Verlängerung des Jute-Gleises nördlich des Bahnhofs zur Mühlenstraße. Oder auf dem alten DLW-Gleis zwischen Mühlen- und Landwehrstraße. Das Lemwerder-Gleis wäre auch nochmal ein Highlight, um die Stadtmitte mit den nördlichen Stadtteilen zu verbinden oder auch den Weserradweg an Delmenhorst anzubinden.

Wie kann man all diese Ziele tatsächlich auch erreichen?

Wir brauchen in Delmenhorst einen Fahrrad-Aktionsplan, den alle mittragen müssen – die Verwaltung, der Rat, der Handel, das Gewerbe und der ÖPNV natürlich. Das wäre ein Plan, den man natürlich auch finanziell ausstatten muss. Eine gute Fahrradinfrastruktur ist nicht zum Nulltarif zu kriegen. Es gibt einen Radverkehrsplan von 2014 und schon den einen oder anderen Beschluss im Rat zu den Fahrradstraßen. Und es gibt immer wieder die Bekundungen aus der Politik, den Radverkehr zu fördern. Dann sollten wir auch wirklich bald damit anfangen.

Das Interview führte Esther Nöggerath.

Info

Zur Person

Burkhard Kühnel-Delventhal (66)

hat die AFDC-Ortsgruppe Delmenhorst 1984 mitbegründet und war viele Jahre als deren erster Vorsitzender tätig. Inzwischen hat er die Position als stellvertretender Vorsitzender inne und kümmert sich im Verein vorwiegend um das Thema Radverkehr.

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