Angebot des Hospizdienstes Wo Männer trauern dürfen

Männer trauern zwar nicht anders als Frauen, doch gehen sie mit ihren Gefühlen anders um, wissen die Verantwortlichen beim Hospizdienst Delmenhorst. Deshalb starten sie nun eine Trauergruppe für Männer.
25.08.2022, 10:45
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Niklas Golitschek

Trauer fühlen Männer und Frauen gleich, sagt Arthur Meinken: „Aber der Weg, damit umzugehen, ist ein anderer.“ Gemeinsam mit Bogdan Klatzka bietet er deshalb ab Ende September für den Hospizdienst Delmenhorst eine Männertrauergruppe an.

Bereits bei der Raumdekoration wird deutlich, dass sich dieses Format etwas von den anderen Gruppen unterscheidet. Der Blumenstrauß, der sonst oft die Raummitte ziert, ist Werkzeugen, Fahrzeug-Modellen und einem Fußball gewichen. Nur die Kerze wirkt vertraut. „Wir wollen zum Beispiel über Hobbys ins Gespräch kommen. Dann fällt es leichter, sich zu öffnen“, schildert Meinken. Ziel der Gruppe sei nicht, pausenlos über die Trauer zu sprechen, stellt Klatzka klar: „Sie ist die Grundlage.“

Wohin die gemeinsame Reise führen soll, liege daher vor allem an den Teilnehmern. „Die Gruppe muss sich erst einmal finden und Vertrauen aufbauen“, weiß Meinken aus eigener Erfahrung. In der Ausbildung als Gruppenbetreuer, deren letztes Modul im Dezember abgeschlossen sein wird, hätten die beiden zahlreiche Ideen und Tipps bekommen, gemeinsam mit den trauernden Männern verschiedene Wege einzuschlagen.

Ob gemeinsam einen Film ansehen, Fahrrad fahren oder essen gehen: „Das Konzept ist offen, die Gruppe entwickelt es gemeinsam mit den Betreuern“, führt Koordinatorin Martina Meinken aus. Richtige oder falsche Trauer gebe es ohnehin nicht. Ziel sei daher, durch die Aktivitäten einen Umgang mit ihr zu finden. Denn die Erfahrung zeige, dass die Sozialisation und die Rollenbilder den Männern eben das erschwerten. „Von Männern wird oft erwartet, nach außen stark zu sein und nicht zu weinen. Aber eigentlich sind sie auch ganz weich und brauchen einen geschützten Raum, um sich zu öffnen“, sagt Klatzka.

Beide Gruppenbetreuer haben selbst Trauererfahrungen erlebt und wissen um die Gefühlslagen. „Am Anfang funktioniert man“, schildert Klatzka. Doch in den ruhigen Momenten, wenn das Bild des Verstorbenen angesehen werde, der leere Teller der Partnerin auf dem Tisch liege oder die Urlaubsplanung bevorstehe, könne die Trauer hochkommen. „Sich durch Arbeit abzulenken, ist bei Männern mehr: Solange sie im Tun sind, müssen sie sich nicht mit der Trauer auseinandersetzen“, beobachtet Martina Meinken außerdem. Klatzka besuchte selbst 2013 in einer „schwierigen Lebenssituation“ das Trauercafé und suchte das Gespräch. „Ich konnte loswerden, was ich mit mir getragen habe“, schildert er.

Deshalb soll die Männertrauergruppe des Hospizdienstes ermöglichen, sich in einem vertraulichen Umfeld auszutauschen. Selbstverständlich stünden den Männern auch die anderen Angebote wie die Trauercafés offen, betont Koordinatorin Meinken. Die Erfahrung zeige jedoch, dass sie bei solchen Formaten Hemmungen bestünden. „Ich glaube, der Unterschied ist, dass sich Männer sprachlich weniger mitteilen“, sieht sie den Bedarf für eine eigene Gruppe durchaus gegeben. Sie stehe zudem Männern offen, die sich mit alten Trauersituationen befassen möchten. Alter, Kultur oder Religion seien ebenfalls unerheblich für die Teilnahme: „Es geht um den Austausch über den Lebensalltag. Dann fühlt man sich mit den Problemen nicht mehr so exotisch.“ Sei es die ungewohnte Situation, plötzlich selbst Wäsche waschen zu müssen oder Kleidung zu kaufen, nennt Arthur Meinken zwei Beispiele.

In der Trauerverarbeitung sei der persönliche Kontakt nicht zu unterschätzen. Durch die Gruppen hätten sich bereits mehrfach Freundschaften und Freundesgruppen gebildet, die auch abseits der Treffen gemeinsamen Aktivitäten nachgingen. „Wir wollen Männern die Möglichkeit bieten, Wege zu finden, mit anderen Männern ins Gespräch zu kommen“, fasst Meinken zusammen. Manchmal finde sich eben auch im Freundeskreis niemand zum Anvertrauen.

Der Hospizdienst-Vorsitzende, Jürgen Schurig, freut sich derweil, dass gleich zwei Gruppenleiter die Männergruppe betreuen. „Dadurch können wir Verlässlichkeit garantieren – einer ist immer da“, sagt er. Im Tagesgeschäft lasse sich Trauer zwar gut verdrängen: „Aber alles, was man unterdrückt, steht irgendwann wieder vor der Tür.“

Zur Sache

Erstes Treffen im September

Am Freitag, 16. September, laden Arthur Meinken und Bogdan Klatzka von 16.30 bis 18.30 Uhr zu einem ersten Kennenlernen und Austausch. Mit einem Stehtisch und ersten Gesprächsmöglichkeiten empfangen die beiden die Teilnehmer vor dem Büro des Hospizdienstes an der Mühlenstraße 112 in Delmenhorst. Dort wird sich die Gruppe auch im Gesprächsraum einfinden. Eine Anmeldung unter der Telefonnummer 0 42 21 /1 23 16 88 ist erforderlich.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+