Ailtons Odyssee durch Europa Einmal Bremen und zurück

Bremen. Stürmerstar Ailton verließ vor sechs Jahren sein Paradies in Bremen. Er kam zurück - und fand es nicht wieder. Hinter dem "Kugelblitz", der 2004 mit Werder Meister, Torschützenkönig und Fußballer des Jahres wurde, liegt eine Odyssee durch Europa.
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Einmal Bremen und zurück
Von Olaf Dorow

Bremen. Es war noch im vorigen Jahrtausend. Da hat er auch schon hier gesessen. An dem Ecktisch, hinten links. Mit Julio Cesar und Claudio Pizarro fuhr er nach dem Werder-Training immer wieder in dieses Lokal an der Hamburger Straße, und Ailton hat dann jedes Mal 'Alabama' bestellt, Kartoffel mit Hühnchen.

Viel hat sich nicht geändert. Die Kneipe heißt zwar anders jetzt, aber 'Alabama' gibt es immer noch. Ailton wird auch immer noch erkannt. Eine ältere Dame erklärt ihrer Freundin, vorne am Büfett stehe 'der große Ailton'. Später geht sie zu ihm. Sie schüttelt seine Hand und sagt: 'Schön, dass Sie wieder da sind.' Ja, er ist seit diesem Sommer wieder da in Bremen. Er ist jetzt 37, und er ist Stürmer des FC Oberneuland, vierte Liga. Die Mitspieler nennen ihn 'Toni', so wie damals. Aber er ist gar nicht endlich wieder angekommen nach seiner Weltreise von Klub zu Klub. Er ist womöglich bald wieder weg. Das muss man denken, wenn man sich mit Ailton in 'sein' Lokal setzt und ihn erzählen lässt. 'Ich bin mit meinem Leben zufrieden', sagt er. Seine Erzählungen lassen auch eine andere Überschrift zu. Er sucht nach dem verlorenen Glück.

Er hat ein schönes Haus und eine Ranch in Mogeiro in Brasilien. Er hat eine Familie, eine Frau, vier gesunde Kinder. Er kommt aus armen Verhältnissen. Ob er in arme Verhältnisse zurückfällt, weil er von seinem Fußballgeld zu viel verschleudert oder es falschen Freunden anvertraut hat, das weiß man nicht. Er sorge sich nicht, ob er seine Familie gut durchbringen kann, sagt er. Er sei vom Lebemann zum Familienmensch geworden. Er passe jetzt auf, wofür er Geld ausgibt und wofür nicht.

Fußball ist sein Leben, das sagt er auch. Und deswegen ist er ein Suchender. Seit sechs Jahren. Er hält sich immer noch für gehobenen Fußball geeignet. Er ist nicht arrogant. Aber er ist stolz. Sein Stolz lässt es nicht zu, anders von sich zu denken. Neulich sah er im Fernsehen das Pokalspiel zwischen Gladbach und Leverkusen. Erst in der Verlängerung gelang beiden Mannschaften jeweils ein Tor. Er hätte in dem Spiel drei geschossen, sagt er. Er spricht von Romario, der mit 42 wieder in der ersten brasilianischen Liga aufgetaucht ist. Inzaghi erwähnt er, der mit 39 noch immer ganz oben spielt. 'Warum nicht Ailton?', fragt er.

Ja, warum? Weil die Welt sich nicht nach ihm richten mag - und er das nicht schafft, sich nach der Welt zu richten. Er glaubt, dass die Welt noch einmal in der Lage ist, ihm das zu bieten, was er sucht: sein Fußball-Paradies. Es bestand aus dem Trainer Thomas Schaaf, der für ihn wie ein Vater war. Und aus dem Fußball der Schaaf-Mannschaft 2004. Schneller Pass in die Spitze, er rennt los, Tor. 'Das Ailton', sagte er damals, das sagt er immer noch. Er wurde Deutscher Meister und Pokalsieger, Publikumsliebling und Torschützenkönig. Er schoss in einer Saison 28 Liga-Tore, das war der beste Wert seit Gerd Müller. Sein Paradies war nicht Bremen wegen Bremen, sein Paradies war Bremen wegen Trainervater Schaaf und Passgeber Micoud.

Sechs Jahre spielte er für Werder. Dann ging er weg, und er weiß ja, dass er das nie hätte machen dürfen. Er will nicht mehr begründen in dem Interview, warum er damals ohne erkennbare Not einen Vertrag auf Schalke unterschrieb. Er flüchtet sich lieber in eine Antwort, die keine weiteren Fragen zulässt. Nur er wisse, warum er das gemacht hat, und er wolle keine Wunden aufreißen. Damals habe er sich gefühlt, als ob Häuser auf ihn einstürzen. Schaaf wäre der einzige Mensch gewesen, der ihn verstanden habe.

In den sechs Jahren nach Werder spielte er, Oberneuland mitgerechnet, in zwölf Vereinen. Das Paradies war nicht dabei.

Station eins, FC Schalke 04: Der Trainer setzte bald auf Kuranyi, es gab Stress mit dem Trainer.

Station zwei, Besiktas Istanbul: In Istanbul? Gab es auch Stress mit dem Trainer, den Ailton arrogant fand und der seinerseits Ailton viel zu unvollkommen fand. Defensiv viel zu schlecht. Der Stress mündete in einem Fluchtversuch nach Brasilien, der Besiktas-Manager fing ihn auf dem Flughafen ab.

Station drei, Hamburger SV: Der Stress kam diesmal von einem gebrochenen Kiefer, weswegen er vier Wochen nicht spielen konnte. Später versemmelte er im Saisonfinale gegen Werder eine Monsterchance. Der HSV verpasste die direkte Qualifikation zur Champions League, es war nicht sicher, ob für den von Besiktas ausgeliehenen Stürmer genug Geld hereinkommt, um die Ablöse zu bezahlen.

Station vier, Roter Stern Belgrad: Nach einem halben Jahr sagte ihm der Präsident, dass er ihn nicht mehr bezahlen könne.

Station fünf, Grasshopper Zürich: Auch hier fehlte nach ein paar Monaten das Geld, der Klub konnte sich keine Stars mehr leisten.

Station sechs, MSV Duisburg: Der Präsident hielt ihn schon bald für undiszipliniert. Ein Vorwand, sagt Ailton.

Station sieben, Metallurg Donezk in der Ukraine: Seine Frau Rosalie wollte hier nicht bleiben.

Station acht, SCR Altach in Österreich: Der private Sponsor stellte nach sechs Monaten seine Zahlungen ein.

Station neun, Campinese Clube: Es war nur ein kurzes und unentgeltliches Intermezzo auf Bitten des Vaters in der zweiten brasilianischen Liga.

Station zehn, Chongqing Lifan in China: Lifan mit seinem Trainer Arie Haan sollte es mit Ailtons Hilfe schaffen, die Klasse zu halten. Dann würde es einen Vertrag für den Kugelblitz geben. Lifan stieg ab.

Station elf, KFC Uerdingen: Es war sportlich gesehen ein richtig krasser Absturz. Über seine Zeit bei dem Sechstligisten möchte Ailton am liebsten überhaupt nicht reden. Es gab wieder Stress mit dem Präsidenten. Er habe seine Versprechungen, zum Beispiel vom Umbau der Mannschaft, nicht gehalten. Er landete im Juli auf Station zwölf.

Station zwölf, FC Oberneuland: Es wird aber wohl keine Unterbrechung der Endlosschleife, das bahnt sich an. 'Das Ailton', sagt Ailton noch einmal und beschreibt sich selbst als Fußballer. Er sei keiner, der mit dem Ball am Fuß übers ganze Feld dribbelt, dann das Tor macht und wieder zurückrennt. Er sei einer, der lauert, der auf den Pass wartet, der eine Spürnase hat. Oberneuland ist aber nicht das Schaaf- und Micoud-Werder von 2004. Das ist noch nicht einmal das Schaaf-Werder von 2010.

Mike Barten, der Trainer vom FC Oberneuland, setzt auf ein System mit einem Stürmer. Das ist ein Problem. Das würde besser mit einem anderen Ailton funktionieren, aber nicht mit dem Original-Ailton. Problem zwei ist angeblich das Geld. Wie in Altach wird der Prominente nicht vom Klub, sondern von einem privaten Sponsor bezahlt, in diesem Fall von der Mineralölfirma Hoyer aus Visselhövede. Angeblich denkt Firmenlenker Heinz-Wilhelm Hoyer darüber nach, das Engagement schon bald zu beenden. Angeblich habe Ailton Sponsorentermine verschwitzt.

Ailton sagt, der Vertrag mit Hoyer laufe bis 2012. Er habe alle Verpflichtungen eingehalten. Es gäbe keine Probleme, der Sponsor habe ihm jedenfalls nicht mitgeteilt, dass es eines gäbe. Hoyer selbst lässt über sein Sekretariat ausrichten, dass er nichts sagen möchte. Es handele sich ja 'um ein schwebendes Verfahren', heißt es im Sekretariat. Laut Radio Bremen verweigerte Hoyer auch ein Interview vor der Kamera und soll am Telefon gesagt haben, dass der Vertrag mit Ailton jederzeit kündbar sei.

'Sechste Liga, jetzt vierte Liga', sagt Ailton, 'demnächst vielleicht fünfte Liga, dann achte Liga, dann zweite.' Er lacht. Sein unerschütterlicher Frohsinn hält ihn im Gleichgewicht. Angeblich buhlt sogar ein Erstligist um ihn, sagt er. Wohl kaum einer in Deutschland. Er will jetzt bis Weihnachten abwarten und dann entscheiden, was passieren sollte. Seine Frau Rosalie ist mit den Kindern derzeit in ihrer Heimat Mexiko, Ende November will sie mit den beiden Jüngsten, den dreijährigen Zwillingen, nach Bremen kommen. Sie wird mitentscheiden.

In dem Gespräch mit dem einstigen Bremer Fußballstar bleiben jetzt noch zwei Fragen. Was würde er anders machen, wenn er noch mal anfangen könnte als Fußballprofi? Was würde er gern nach der Fußballkarriere machen? Frage eins ist schnell beantwortet. 'Zehn Jahre Vertrag mit Werder Bremen', sagt Ailton. Und sein Traumjob würde so aussehen: Er hätte eine schöne Wohnung in Bremen und wäre die meiste Zeit des Jahres in Brasilien unterwegs. Um als Berater oder Scout für Werder einen neuen Ailton zu finden. Aber da macht er sich keine Illusionen. 'Das wird schwer', sagt er.

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