Bremer Epidemiologe ordnet Spielabsage ein

„Regensburg ist nichts Besonderes“

Das DFB-Pokalspiel zwischen Werder Bremen und Jahn Regensburg ist verschoben. Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb sieht weniger lückenhafte Anti-Corona-Konzepte als Grund, als Fehler beim Verein.
02.03.2021, 22:18
Lesedauer: 5 Min
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Von Carsten Sander
„Regensburg ist nichts Besonderes“

Der Tag nach der Spielabsage im DFB-Pokal: Für Werder Bremen stand ein ausgiebiges Training auf dem Programm.

Andreas Gumz

Ein Novum war es natürlich nicht. Es hat im deutschen Profi-Fußball schon mehrere Spielabsagen gegeben, weil sich ein Team in Corona-Quarantäne begeben musste. Doch im Fall des DFB-Pokalviertelfinals des SV Werder bei Jahn Regensburg war erstmals die als besonders gefährlich eingestufte „britische Variante“ des Corona-Virus der Grund. Am Dienstag hatte der Zweitligist insgesamt acht Infektionen in seinem Team bestätigt, vier Personen haben sich nachweislich mit der B.1.1.7-Mutation angesteckt – ausgehend offenbar von Trainer Mersad Selimbegovic. Die DeichStube hat bei dem Bremer Epidemiologen Prof. Dr. Hajo Zeeb (57) nachgefragt, wie groß die Gefahr für den Profi-Fußball durch das neuartige Virus ist. Seine Einschätzung: Die Anti-Corona-Konzepte sind nach wie vor gut und hilfreich, der Mensch ist der Schwachpunkt.

Acht Corona-Fälle bei Jahn Regensburg, mindestens vier davon sind als die B.1.1.7-Variante des Virus identifiziert. Wie gefährlich ist diese Mutation speziell für den Spielbetrieb im Profi-Fußball?
Es ist klar, dass die B.1.1.7-Mutation ansteckender ist als die bisherigen Varianten. Bisher ging man davon aus, dass eine mit der alten Corona-Variante infizierte Person ohne Schutz- und Kontrollmaßnahmen drei weitere Personen ansteckt. Bei der neuen Variante geht es in Richtung fünf bis sechs angesteckte Personen. Allerdings wirken die gleichen Dinge gegen die neue wie gegen die alte Variante. Also Distanz, Hygiene, Masken, Lüften – das sind sehr effektive Maßnahmen, weil der Ausbreitungsweg der gleiche ist. Werden die eingehalten, wird auch die britische Variante keine großen Ausbrüche hervorrufen.

Jahn Regensburgs Geschäftsführer Christian Keller wunderte sich, dass das eigene Hygienekonzept, das sich vermutlich an dem der Deutschen Fußball-Liga orientiert, elf Monate funktioniert hat, für die neue Variante offenbar aber „nicht mehr stark genug“ gewesen sei. Muss der Fußball jetzt seine Anti-Corona-Maßnahmen überdenken, gegebenenfalls verschärfen?
Was in Regensburg passiert ist, hätte aus meiner Sicht auch mit dem ursprünglichen Virus passieren können. Solche Ausbrüche waren im Sport in der Vergangenheit immer wieder mal zu beobachten – auch, weil in dem Bereich so viel getestet wird. Da kann man nicht sagen, es liegt nur an der B.1.1.7-Variante. Meine Interpretation ist: Jetzt ist Regensburg halt mal dran.

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So einfach?
Die neue Variante macht es sicherlich leichter, dass mal ein Ausbruch da ist, aber die Konzepte im Fußball sind gut, die Clubs sind sehr vorsichtig. Dennoch kann es immer wieder mal zu Schwachstellen im Verhalten kommen.

Aber gleich acht Infizierte innerhalb eines Teams?
Das ist ein Superspreading-Event, wie wir es anderswo auch schon hatten. Etwa zehn bis 20 Prozent aller Infektionen gehen auf ein solches Superspreading-Event zurück – auf eine Person, die eine hohe Infektionslast trägt. So etwas ist offenbar in Regensburg aufgetreten. Für mich ist das aber auch nichts Besonderes in einem Setting, in dem viele Leute jeden Tag eng zusammen sind – das ist so eine Situation, in der das passieren kann. Das haben wir in anderen Settings – beispielsweise in Seniorenheimen – auch schon beobachtet.

Ein ansteckenderes Virus, ein enges Setting – was bedeutet das für das Geschehen auf einem Fußballplatz? Regensburg zum Beispiel hat am Freitag den positiven Test beim Trainer vermeldet, hat am Abend noch gegen den SC Paderborn gespielt und wurde am Montag von sieben weiteren positiven Fällen überrascht. Ist es denkbar, dass ein Spieler am Morgen zwar noch negativ getestet wird, aber am Nachmittag oder Abend auf dem Platz schon andere mit der B.1.1.7-Variante anstecken kann?
Ja, das kann passieren. Davon ausgehen sollte man zwar nicht, aber es kann eine solche Situation tatsächlich geben. Es gibt eine Art Schwelle, ab dann ist eine Person, die bis vor kurzem noch negativ getestet wurde, plötzlich positiv. Ich würde sagen, dass das in der Vergangenheit im Spitzensport auch schon passiert ist. Das spricht aber überhaupt nicht gegen die Konzepte, es spricht aber dagegen, zu denken, dass man die Sache zu hundert Prozent unter Kontrolle haben kann. Das kann man leider trotz guter Konzepte nicht. Man erreicht eine hohe, aber keine komplette Sicherheit.

Wie es nun am Fall Jahn Regensburg abzulesen ist?
Ich würde schon denken, dass man in Regensburg genau guckt, was da gelaufen ist, wo Lücken gewesen sind. Ich würde drauf setzen, dass man da bei ganz kritischer Draufsicht auch etwas finden wird.

Werder-Sportchef Frank Baumann hat die Infektionen in Regensburg und die damit verbundene Spielabsage als „Warnung für den Fußball“ bezeichnet. Gehen Sie da mit?
Ich würde es schon als Warnung in dem Sinne verstehen, dass die Ereignisse Demut einfordern, dass auch das beste Konzept in dieser Situation keinen absoluten Schutz verspricht. Das zeigt sich ja ganz eindeutig. Es kann aber auch lehrreich sein, weil man jetzt genau prüfen kann, wo es denn gehakt hat, um dort dann nachzubessern. Wenn man die Fehler findet, ist man wieder etwas klüger.

Sie sehen also im Fehlverhalten einzelner eine größere Gefahr für den Fußball als in der Veränderung des Corona-Virus?
Ich sehe in der Virus-Mutation keine gesteigerte Bedrohung für den Profi-Fußball. Mit der neuen Variante ist eine etwas andere Situation entstanden, aber keine substanziell andere.

Gilt das auch für die Diskussion um eine eventuelle Rückkehr der Zuschauer in den Stadien?
Ich würde das gerne wissenschaftlich und mit umfangreichen Tests untersuchen, was es bedeuten würde, wieder eine gewisse Anzahl an Zuschauern in die Stadien zu lassen. Im Moment ist vieles ein Ratespiel oder eine Überzeugung, die sich nicht wissenschaftlich speist. Ich glaube, wir haben eine Menge Möglichkeiten, um herauszufinden, was vertretbar ist.

Was meinen Sie?
Ein Gedankenspiel: Wir setzen in Bremen mit 5000 Zuschauern Konzept A um – zum Beispiel mit Schnelltests und Abstandsgebot, verzichten aber auf Masken im Außenbereich. Und parallel in Hannover machen wir es anders – auch 5000 Zuschauer, Schnelltests und Abstand, aber hier komplett mit Masken über die gesamte Zeit. Und dann verfolgen wir über die nächsten Tage Infektionen bei den Zuschauern, z.B. mit Selbsttests. So müsste man da rangehen, um eine gewisse Sicherheit zu bekommen, wie unter gewissen Umständen vor Zuschauern gespielt werden kann. Da könnte man sehr gut Vergleiche ziehen und daraus lernen.

Das hieße, Neu-Infektionen zu zählen und zu vergleichen. Wäre das nicht eine Spielerei mit der Gesundheit der Zuschauer?
Man muss es genau kontrollieren und allen klar machen, worum es geht. Sicherlich ist es bei einem hohen Infektionsgeschehen nicht ratsam, aber in einer Situation mit halbwegs stabilen Zahlen ist so ein wissenschaftlicher Versuch in Erwägung zu ziehen. Das wäre ethisch akzeptabel – immer natürlich mit großer Transparenz für die Mitmachenden und unter Einhaltung der grundsätzlichen Regeln. Wir wollen doch wissen, was besonders gut funktioniert und was nicht. Wir wollen lernen. Vielleicht käme ja auch dabei heraus, dass es noch nicht funktioniert, Zuschauer in die Stadien zu lassen. Aber diese Aussagen möchte man begründet haben. Klar ist jedoch auch: Es ist nicht die allererste Maßnahme, unter allen Dingen, die wir aktuell machen müssen. Doch ein wichtiger gesellschaftlicher Bereich ist der Sport allemal.

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