Wie Pavlenka Werders Probleme kaschiert

Dauerstress im Rettungsdienst

Die Zahlen belegen: Werder hat ein Defensiv-Problem, lässt viel zu viele hochkarätige Chancen zu. Dass das bisher noch fast niemandem aufgefallen ist, liegt vor allem an einer Personalie: Jiri Pavlenka.
11.03.2019, 20:37
Lesedauer: 4 Min
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Von Cedric Voigt
Dauerstress im Rettungsdienst
nordphoto

Keine sechs Minuten der Partie zwischen Werder Bremen und dem FC Schalke 04 waren absolviert, da hielt das Weserstadion bereits kollektiv den Atem an: Ludwig Augus­tinsson hatte den Ball im eigenen Verteidigungsdrittel gegen Breel Embolo vertändelt, der Schweizer spielte geistesgegenwärtig die scharfe Hereingabe in die Mitte, und Guido Burgstaller ergab sich aus sechs, sieben Metern die Riesenchance auf das frühe 1:0 für die Gelsenkirchener. Doch statt des Torschreis aus dem Gästeblock ertönte Sekunden später ein dreifaches „Pavlenka!“ von den Tribünen, geschrien als Antwort auf das dreifache „Jiri!“ von Stadionsprecher Christian Stoll. Er hatte es schon wieder getan: Jiri Pavlenka hatte sich aus seinem Tor in die Eins-gegen-Eins-Situation gestürzt und war einmal mehr siegreich geblieben.

Es war ein Kunststück, das in dieser Saison niemandem so häufig gelingt wie dem Tschechen: 22 Großchancen vereitelte Pavlenka bereits, damit verweist Werders Nummer eins im Bundesliga-Vergleich Hannovers Michael Esser (21) und Freiburgs Alexander Schwolow (19) auf die Plätze. Und auch die prozentuale Quote Pavlenkas ist hervorragend: Insgesamt wehrt der Tscheche 47,8 Prozent aller klaren Torgelegenheiten ab. Nur Augsburgs Gregor Kobel (52,9 Prozent), der bei erst neun absolvierten Saisonspielen wohl auch von der kleineren Stichprobengröße profitiert, und Leipzigs Peter Gulacsi (55,6 Prozent) übertreffen Pavlenka in dieser Hinsicht.

Von der Abwehr im Stich gelassen

Auch Florian Kohfeldt kam nach dem Schlusspfiff nicht umhin, die Leistung seines Torwarts noch einmal hervorzuheben. Eine „Phase, in der wir uns ein, zweimal bei Pavlas bedanken mussten“ taufte Kohfeldt die erste halbe Stunde, als Schalke nicht nur die Führung gelang, sondern auch gut und gerne ein zweites, vielleicht ein drittes Tor möglich gewesen wäre. Trotz einer insgesamt ansprechenden Leistung hatte Werder in der Defensive immer wieder Lücken offenbart. Gerade Augustinsson, der auch beim 2:3-Anschlusstreffer der Schalker nicht gut ausgesehen hatte, ließ Kohfeldt fast verzweifeln: „Bei aller Liebe, das geht nicht, das habe ich noch nie gesehen“, befand ein konsternierter Werder-Coach nach dem Spiel. „So kannst du nicht verteidigen.“

Es ist ein Muster, das sich durch die Saison zieht: Im Kollektiv mag die Bremer Defensive im Grunde die richtigen Abläufe verinnerlicht haben, aber immer wieder schleichen sich kleine Fehler ein. Bei aller Freude über Pavlenkas Paraden: Aufgrund der insgesamt 46 zugelassenen Großchancen hatte der Tscheche auch allerhand Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Lediglich Hannovers Esser (54 Großchancen) wurde häufiger in Bedrängnis gebracht – für einen Europa-League-Anwärter eine bedenkliche Gesellschaft.

Entsprechend steht der Plan, die Zahl der Gegentore im Vergleich zum Vorjahr zu reduzieren, trotz Pavlenkas Leistungen auf wackligen Beinen. Bereits 37 Gegentreffer stehen neun Spieltage vor Schluss zu Buche, 40 waren es am Ende der vorigen Spielzeit. Und noch warten unter anderem die Top Fünf der Liga sowie die TSG Hoffenheim, die bislang die drittstärkste Angriffsreihe der Saison hat.

Kein Puzzleteil darf fehlen

Dass Werder defensiv so viel zulässt, mag damit zu tun haben, dass sich die Bremer Spielweise in eine aktivere, mutigere und letztlich auch risikoreichere Richtung entwickelt hat, seit Florian Kohfeldt das Team im Oktober 2017 von Vorgänger Alexander Nouri übernommen hat. Aber es ist auch die Abhängigkeit von einzelnen Schlüsselspielern, die Werder immer wieder zum Verhängnis wird: Der zuletzt kritisierte Augustinsson hat auf der linken Verteidigerposition keinen echten Konkurrenten, zumal die Zukunft des erst 20 Jahre alten Marco Friedl auf der Innenverteidigerposition liegen soll. Abwehrchef Niklas Moisander, mit 33 Jahren bereits im Herbst seiner Karriere, verpasste in dieser Spielzeit drei Partien. Währenddessen fielen zehn Gegentore. Und Philipp Bargfrede, der einzige echte Abräumer im Bremer Mittelfeld, fehlte bereits in zehn Spielen aufgrund von Verletzungen oder Sperren.

Während im Werder-Angriff acht Spieler um drei Startelfplätze kämpfen, lautete die einzige Frage in der Viererkette in dieser Saison, ob Sebastian Langkamp oder Milos Velj­kovic den Vorzug auf der rechten Innenverteidigerposition erhalten würde. Entsprechend groß ist der Druck auf die Unersetzlichen, Woche für Woche ihre Leistung zu bringen – eine Aufgabe, die umso schwieriger wird, sobald verletzungsbedingte Trainingspausen den Rhythmus stören. Auch Jiri Pavlenka war davor in der Vergangenheit nicht gefeit: Im Sommer hatten den Keeper Rückenprobleme geplagt, nach dem Hinrundenspiel gegen Frankfurt hatte eine Gehirnerschütterung den Tschechen zur Pause gezwungen. Mittlerweile ist Pavlenka seit einigen Monaten wieder durchgängig fit – und bringt die nötigen Spitzenleistungen, um Werder trotz der löchrigen Defensive weiter in Schlagdistanz zum Saisonziel zu halten.

Denn nicht nur im DFB-Pokal, in dem Pavlenka gegen Borussia Dortmund mit zwei Paraden im Elfmeterschießen das Weiterkommen sicherte, sondern auch in der Bundesliga besteht für Werder noch eine kleine Chance, sich für den europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. Ein Sieg beim derzeitigen Tabellenfünften Bayer Leverkusen wäre dafür Gold wert. An das Aufeinandertreffen in der Hinrunde haben die Bremer keine guten Erinnerungen: Das 2:6 war die höchste Saisonniederlage. Damals fehlten mit Bargfrede und Moisander zwei Säulen der fragilen Defensive, dieses Mal stehen mit Langkamp und Veljkovic beide Kandidaten für die rechte Innenverteidigerposition nicht zur Verfügung. Bleibt aus Werder-Sicht also, auf weitere Großtaten Jiri Pavlenkas zu hoffen – dass der Tscheche Niederlagen fast im Alleingang abwenden kann, hat er schließlich schon oft genug bewiesen.

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