Wie Werder den Kruse-Abgang auffangen kann

Ein Zugang allein wird kaum reichen

Das Pokerspiel hat ein Ende: Kapitän Max Kruse verlässt den SV Werder Bremen ablösefrei zum Saisonende. Was bedeutet der Verlust des Topscorers für die sportliche Zukunft der Grün-Weißen?
17.05.2019, 17:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Cedric Voigt
Ein Zugang allein wird kaum reichen
nordphoto

Die letzten drei Werder-Jahre gestalteten sich für Bremer Verhältnisse reichlich turbulent: Mit Viktor Skripnik und Alexander Nouri verschliss der SVW gleich zwei Cheftrainer. Zwischen akuter Abstiegsnot und Europa-Träumen lagen oft nur wenige Wochen. Und mit Clemens Fritz (Karriereende) und Zlatko Junuzovic (ablösefrei zu RB Salzburg) verlor die Mannschaft nach Saisonende jeweils ihren Kapitän.

Während Florian Kohfeldt die sportliche Stabilität nach Bremen zurückgebracht zu haben scheint und in der Fachwelt als eines der größten deutschen Trainer-Talente gilt, hat Werder nun Gewissheit, dass sich der Kapitänsfluch weiter fortsetzt: Max Kruse, sportlich der Fixpunkt der letzten drei Jahre, wird seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Damit verliert Kohfeldt seinen wichtigsten Offensivspieler: Elf Tore und neun Vorlagen stehen für den 31-Jährigen zu Buche. Niemand bei Werder sucht häufiger den Abschluss als Kruse, niemand legt mehr Chancen auf.

Auch jenseits der nackten Zahlen ist Kruse für den Bremer Fußball immens wichtig. Ein Spielertyp wie der scheidende Kapitän ist auf Top-Niveau selten zu finden: Als Stürmer mit Spielmacherqualitäten schaltet sich Kruse immer wieder in den Aufbau ein, macht sich auch tief im Mittelfeld anspielbar und unterstützt gerade über die linke Angriffsseite immer wieder Kombinationen auf dem Weg in den Strafraum. Kruse verteilt Bälle, schafft Überzahlsituationen in wichtigen Räumen, stellt gegnerische Verteidiger vor Zuordnungsprobleme.

Ein kreatives Loch

Dennoch gab Florian Kohfeldt sich zuletzt auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen RB Leipzig (Sonnabend, 15.30 Uhr) relativ entspannt. „Wir sind nicht abhängig von Max Kruse“, machte Werders Chefcoach deutlich. Klar ist aber: Die Aufgabe, Kruse zu ersetzen, müsste auf mehrere Schultern verteilt werden. Einen klaren Kreativspieler, der das Spiel an sich reißt, gäbe es nicht mehr.

Ein Teil der Lösung dürfte Yuya Osako sein. Der Japaner galt im vergangenen Sommer als Kohfeldts Königstransfer, brachte es bislang jedoch nur zur Teilzeitkraft. Nach einem anstrengenden WM-Sommer und einem Asien-Cup, infolgedessen Osako monatelang verletzt fehlte, zeigte der frühere Kölner zuletzt beim Auswärtssieg gegen Hoffenheim, dass er im zentralen offensiven Mittelfeld am besten aufgehoben ist. Osakos Ballverarbeitung mit dem Gegner im Rücken ist herausragend, sein Blick für den nachgerückten Mitspieler gut.

Kruses Präsenz und Ideenreichtum kann aber auch der Japaner nicht kompensieren. Möglich, dass Werder dem mit einer externen Lösung beikommen will. Da Kruses individuelle Qualität allerdings nur schwer zu ersetzen sein wird, wird Kohfeldt auch andere Spieler und Mannschaftsteile in die Pflicht nehmen müssen.

Ein Sechser als Schlüsselspieler?

Maximilian Eggestein und vor allem Davy Klaassen, der kein klassischer Spielmacher ist, aber durchaus ein Mann für den letzten oder vorletzten Pass sein kann, müssten die Offensive von den Achterpositionen aus unterstützen. Damit das gelingt, bedarf es jedoch einer Defensive, die auch bei risikoreich aufspielenden zentralen Mittelfeldspielern stabil gegen Konter bleibt. Angesichts von Nuri Sahins Fähigkeitenprofil und Philipp Bargfredes Verletzungsanfälligkeit bräuchte es wohl einen neuen Sechser, um Eggestein und Klaassen mit den nötigen Freiheiten auszustatten.

Auch über diese Maßnahmen hinaus gibt es mal mehr, mal weniger spannende Ideen, wie ein Kruse-Abgang kompensiert werden könnte – etwa eine erneute Umschulung Johannes Eggesteins, dem der Weg zum Stammplatz mit Milot Rashica und Niclas Füllkrug im Sturm verstellt scheint. Ein Philosophiewechsel, zurück zu einem reaktiveren Konterspiel. Oder eine Systemumstellung auf ein 4-3-3, wobei es dafür wohl einen genesenen Fin Bartels in Bestform bräuchte. Wahrscheinlich wirken diese Szenarien höchstens als Optionen für einzelne Spiele: Der Werder-Weg wird weitergehen, mit neuen Gesichtern und kleinen Anpassungen.

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